Ein Opfer, das die Welt verwandelt

Papst Benedikt und die kosmische Revolution der Eucharistie

| 2170 klicks

Von Armin Schwibach

ROM, 20. Juni 2009 (ZENIT.org).- Benedikt XVI. überrascht seine Zuhörer immer wieder mit dem Wort „Revolution". Der Papst wiederholt, dass die wirkliche Revolution nur von Gott her kommt. Bereits während des Weltjungendtages 2005 erklärte er in seiner Predigt auf dem Marienfeld in Köln (21. August 2005): Die christliche Revolution hat ihren Kern in der alles verwandelnden Liebestat Christi - in der Eucharistie. Indem Christus Brot zu seinem Leib und Wein zu seinem Blut macht und austeilt, nimmt er seinen Tod vorweg, so dass das, was „von außen her brutale Gewalt ist - die Kreuzigung -, von innen her ein Akt der Liebe wird, die sich selber schenkt, ganz und gar". Der Priester, sakramental mit Christus, dem Haupt der Kirche, gleichgestaltet, bringt dieses Opfer für das Heil der Menschen dar. Er tut dies, indem er durch seine Weihe besonderen Anteil am Leben der „neuen Schöpfung" nimmt, was ihm diese große Vollmacht verleiht. Um den Gläubigen in seinen rechtmäßigen Heilserwartungen zu schützen, ist die Vollmacht nicht an die konkrete Situation des Priesters gebunden. Dennoch aber ist der Priester in die Pflicht genommen, nach Vollkommenheit im Lebensvollzug zu streben und so in die Revolution des Kosmos eingelassen zu sein. Um dies in den Vordergrund treten zu lassen und über die sich oft in Atemnot befindenden Priester ein Sauerstoffzelt aufzuspannen, rief Benedikt XVI. ein besonderes Jahr des Priesters aus, das am 19. Juni 2009 feierlich eröffnet werden wird. Der Papst will das Gebet der Priester und für die Priester. Er fordert von allen Gläubigen, sich mit dem heiligen Geschenk des Priestertums auseinanderzusetzen. Es ist Bedingung der Möglichkeit dafür, dass die verwandelnde Revolution Gottes für alle Generationen wirklich ist. Denn allein der zentrale Verwandlungsakt, der den Sieg der Liebe über den Tod und die Befreiung von der Sünde bedeutet, formt die ganze Welt um: Er revolutioniert definitiv, für immer, für die „vielen", die an Christus als das Gott gefällige Opferlamm glauben, das sich für sie dem Vater hingegeben hat.

Auf diese Weise wird die Liturgie der Ort des Gedächtnisses des Liebesopfers Christi und ist wahres Aufscheinen Gottes in der Welt. „Und wie Christus in sich selbst das Menschsein vereint hat", erklärt Benedikt XVI. in seiner Katechese während der Generalaudienz am 25. Juni 2008, „so hat der Schöpfer im Menschen den Kosmos vereint. Er hat uns gezeigt, wie wir in der Gemeinschaft mit Christus den Kosmos vereinen und so wirklich zu einer erlösten Welt gelangen können." Diese Liturgie der Weltgeschichte, die Himmel und Erde umfasst und in deren Mittelpunkt Christus steht, der den Kosmos endgültig vereint hat, verliert sich nicht in einer moralisierenden Spiritualität. Denn: „‚Ihr alle seid einer!' In diesen Worten vernimmt man die Wahrheit und Kraft der christlichen Revolution, der tiefsten Revolution der Menschheitsgeschichte, die eben um die Eucharistie herum erfahrbar wird: Hier versammeln sich in der Gegenwart des Herrn Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts, sozialen Standes und unterschiedlicher politischer Auffassungen. Die Eucharistie kann niemals etwas rein Privates sein oder für Menschen vorbehalten, die aus gefühlsmäßiger Nähe oder Freundschaft zueinander gefunden haben. Die Eucharistie ist ein öffentlicher Kult, der nichts Esoterisches oder Exklusives an sich hat" (Predigt zu Fronleichnam, 22. Mai 2008). Die Liturgie ist das Hochzeitsfest, bei dem sich der Himmel hinein in die Endlichkeit neigt. Das liturgische Tun auf Erden und die himmlische Liturgie verschmelzen: „Wer von den Gläubigen könnte daran zweifeln, dass bei jenem Mysterium Jesu Christi die Chöre der Engel zugegen sind, dass das Höchste mit dem Niedrigsten sich verbindet, dass Irdisches und Himmlisches sich vereint, Sichtbares und Unsichtbares eins wird?" (Papst Gregor der Große).

Benedikt XVI. wird es nicht müde, in dem von ihm erleuchteten Mosaik des Glaubens der Kirche die kosmische Dimension des Christentums herauszustellen. Diese ist die in Christus gewirkte Vollendung der Erlösung des Menschen und der ganzen Schöpfung. Von diesem geschichtlichen Ereignis ausgehend führt er beharrlich in den Glauben ein und schlägt die Liturgie, den „wahren und angemessenen Gottesdienst", wie der Apostel Paulus sie nennt, als „die neue Lebensart des Christen" vor. Denn, wie der Papst bereits in seiner Ansprache an die Welt der Universität in Regensburg (12. September 2006) erklärte: der christliche Gottesdienst ist „latreía logiké" (vgl. Röm 12, 1), das heißt „Gottesdienst, der im Einklang mit dem ewigen Wort und mit unserer Vernunft steht".

Die diesen Gottesdienst ausbildende Form ist der Römische Kanon oder das heute so genannte „Erste" Hochgebet. Dieses wichtigste Gebet der Kirche fasst die Regel der christlichen Revolution zusammen. Benedikt XVI. erläuterte diese Regel auf einzigartige und durchdringende Art in seiner diesjährigen Predigt zum Abendmahlsgottesdienst am Gründonnerstag. Bereits am 7. Januar 2009 führte er die Gläubigen in seiner Mittwochskatechese auf diesen Kirche konstituierenden Moment hin, dies nicht zufällig als Abschluss seines 20teiligen Katechesenzyklus über die Gestalt und Lehre des Völkerapostels Paulus. Das Kreuz Christi, so der Papst, habe den alten symbolischen Kult der Sehnsucht durch den wirklichen Gottesdienst der Liebe ersetzt, ein Dienst, der im Römischen Kanon „rationabile obsequium" genannt werde, „ein Gottesdienst, in dem der Mensch in seiner Ganzheit als ein vernunftbegabtes Wesen selbst Anbetung, Verherrlichung des lebendigen Gottes wird". In der Eucharistie werde so das wahre Opfer Christi gegenwärtig; die feiernde Gemeinde werde selbst mit Christus vereint und verwandelt. So verwirkliche die Gemeinschaft der Glaubenden eine missionarische Handlung, die kosmische Liturgie ist: „gottgefälliges, im Heiligen Geist geheiligtes Opfer", das die Welt verwandelt, Schöpfung, Erlösung und Wiederkunft in ihrer Einheit erfassen lässt.

Gerade im Zusammenhang mit dem Priesterjahr offenbart dann die Predigt vom Gründonnerstag zum Einsetzungsbericht der Eucharistie, wie ihn der Römische Kanon vorlegt, ihre ganze Kraft. Benedikt XVI. betont, dass dieser selbst Gebet sei und sich nur im Beten der priesterliche Akt des Verwandelns vollziehe, „der Transsubstantiation unserer Gaben von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi". Betend blicke die Kirche gleichsam auf die segnenden Hände des Herrn, die das eucharistische Brot verwandeln, während durch das sakramentale Tun „Blutsverwandtschaft" des Menschen mit Gott geschaffen werde: „Durch Jesu Menschwerdung, durch sein vergossenes Blut sind wir in eine ganz reale Blutsverwandtschaft mit Jesus und so mit Gott selbst hineingezogen." So werde es deutlich, dass die Eucharistie mehr als Mahl ist: „Sie ist Hochzeit, die auf der Selbstschenkung Gottes bis in den Tod hinein" beruht. Gott und Mensch stehen sich somit nicht als Partner gegenüber. Das „novum testamentum", der Neue Bund, ist unauflöslich und reines Geschenk von Gott her.

Die Vertiefung der Gebetsregel des Römischen Kanon, der den Vollzug des Werkes der Erlösung darstellt und nachbetet, stellt Papst Benedikt XVI. als eine Antwort auf die Anforderung des II. Vatikanischen Konzils vor, dass „das Leben der Gläubigen Ausdruck und Offenbarung des Mysteriums Christi und des eigentlichen Wesens der wahren Kirche wird" (Konstitution über die Heilige Liturgie „Sacrosanctum Concilium" 2). Dieser Kirche muss es eignen, so das Konzil, „zugleich göttlich und menschlich zu sein, sichtbar und mit unsichtbaren Gütern ausgestattet, voll Eifer der Tätigkeit hingegeben und doch frei für die Beschauung, in der Welt zugegen und doch unterwegs; und zwar so, dass dabei das Menschliche auf das Göttliche hingeordnet und ihm untergeordnet ist, das Sichtbare auf das Unsichtbare, die Tätigkeit auf die Beschauung, das Gegenwärtige auf die künftige Stadt, die wir suchen" (ebd.).

Benedikt XVI. ist ein „eucharistischer Papst". In einer Zeit der Verunsicherung, Willkür und Reduzierung des Geheimnisses auf das Menschenmögliche oder „Zumutbare", in der die Lust nach dem Banalen vorherrscht und Banalisierung mit katechetischer Unterweisung verwechselt wird, stellt er den Christus gleichgestalteten Priester und so neu gewordenen Menschen vor seine innerste Aufgabe: die Gläubigen in der „latreía logiké" ganz in den Leib Christi einzubinden und Tag für Tag die Vermählung mit dem Schöpfer des Kosmos zu feiern, denn: „Als Kirche und als Priester verkündigen wir Jesus von Nazaret, den Herrn, den gekreuzigten und auferstandenen Christus, den Herrscher über die Zeit und die Geschichte, in der frohen Gewissheit, dass diese Wahrheit den tiefsten Erwartungen des menschlichen Herzens entspricht. Im Geheimnis der Fleischwerdung des Wortes, in der Tatsache also, dass Gott ein Mensch wie wir geworden ist, liegt sowohl der Inhalt als auch die Methode der christlichen Verkündigung" (Ansprache an die Kongregation für den Klerus, 16. März 2009). In der Eucharistie sei der Priester, so der Papst in seiner Predigt während der Chrisammesse am diesjährigen Gründonnerstag, Vorbeter der Gläubigen von heute. „Wenn wir mit diesen Gebetsworten inwendig eins sind, wenn wir uns von ihnen führen und umformen lassen, dann finden auch die Gläubigen in diese Worte hinein. Dann werden wir alle wirklich ‚ein Leib und ein Geist' mit Christus". Die Einheit unter den Christen wird wirklich. Die Liturgie des eucharistischen Opfers wird Gemeinschaft im Leib und Blut Christi, mehr noch: die Offenbarung wird Liturgie, denn: „Christus bittet für die Jünger um die wirkliche Heiligung, die ihr Sein, sie selbst verwandelt, die nicht rituelle Form bleibt, sondern wirkliche Übereignung an Gott selber wird."

Umgekehrt wird deutlich, dass ein Eingreifen in die Liturgie einen Eingriff in des Gewebe der Kirche selbst darstellt. Liturgisches Leben und kirchliches Leben sind parallel. Die Liturgie ist nicht funktionaler Ausdruck einer existenziell gestimmten Befindlichkeit, sondern antwortet auf die Frage des Glaubens nach dem „Was ist...?" Verdunstet diese ontologisch zu nennende Dimension zugunsten einer relativierenden Funktionalisierung, bleibt als Ergebnis ein Leben im Fragment, ein „Symbol" im Fragment" - Kirche im Fragment.

[© Copyright 2009 - Vatican magazin, Heft 6/7]