Ein „Papst zum Anfassen“: Hans-Peter Röthlin begegnete Benedikt XVI. in Brasilien

Interview mit dem Präsidenten von „Kirche in Not“

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KÖNIGSTEIN, 22. Mai 2007 (ZENIT.org).- Der Präsident des internationalen pastoralen Hilfswerks Kirche in Not, Hans-Peter Röthlin, war aus Anlass des Papstbesuches zum dritten Mal in Brasilien. Er kennt die Situation der Ortskirche aus eigener Erfahrung und auch aus den Berichten der dort stationierten Mitarbeiter. Im Gespräch mit ZENIT wies der 66-jährige Schweizer darauf hin, dass die ursprüngliche Erwartung vieler Brasilianer, einen kühlen Denker und entschiedenen Gegner jeder Form von Befreiungstheologie anzutreffen, im guten Sinn des Wortes enttäuscht worden sei: Benedikt XVI. habe als ein „Papst zum Anfassen“ die Herzen der Menschen erobert, die aber – „und das ist den Brasilianern hoch anzurechnen“ – nicht nur einen Blick für das Menschliche gehabt hätten, sondern vor allem auch für die Tatsache: „Das ist der Papst. Er kommt als Papst.“



Das, was nach den Worten von Hans-Peter Röthlin schließlich „durchgebrochen ist –von seiner Ankunft an, und das hat sich ständig gesteigert –, war, dass der Papst auf die Brasilianer zugegangen ist eben als Papst… Er ist als Mensch aufgetreten, als Mensch, der die Kirche als Nachfolger des Petrus leitet, was in kleinen Details zum Tragen gekommen ist.“
Das sei von allen Seiten zu hören und auch sichtbar gewesen.

Der Präsident von „Kirche in Not“ berichtete in diesem Zusammenhang vom Treffen des Heiligen Vaters mit dem brasilianischen Staatspräsidenten: Einer Frau, die bei der Begegnung anwesend war, sei etwas heruntergefallen, und „der Papst hat sich spontan gebückt und es ihr aufgehoben – das wurde alles wahrgenommen“, so Röthlin. Solche und ähnliche Dinge hätten die Menschen zur Überzeugung veranlasst: „Dieser Papst ist ja wirklich bei uns. Er will uns sehen und treffen.“

Benedikt XVI. habe sich den Brasilianern etwa fünf Mal am Tag am Fenster des Klosters gezeigt, in dem er residierte, „und hat zu den Leuten, die draußen standen und in Sprechchören nach ihm riefen, noch etwas gesagt. Er war unglaublich spontan. Für seine Verhältnisse würde man sagen: überaus spontan.“

Wenn Röthlin sagen müsste, was der „schönste Moment“ für Papst Benedikt während der fünftägigen Brasilienreise gewesen sei, würde er „ohne zu Zögern sagen: sein Besuch in der ‚Fazenda da Esperança‘, wo er ja wirklich Drogenabhängige, die auf Entzug sind, getroffen hat – und zwar Tausende, nicht nur ein paar. Frei Hans Stapel ist der Gründer dieser Initiative, dieser ‚Bauernhöfe der Hoffnung‘, wo die Leute arbeiten, mit dem Evangelium konfrontiert werden und sozusagen einen ganzheitlichen Heilungsprozess durchmachen, der auf dem Glauben an Jesus Christus beruht.“

Dieser Besuch sei etwas ganz Einmaliges gewesen. Heiligsprechungen, Jugendtreffen und vieles andere mehr habe es auch schon vor Benedikt XVI. gegeben. „Aber so etwas, dass man diese Leute besucht, das war neu. Und ich habe ja dann die Ehre gehabt, dem Papst die 10-millionste Bibel, die ‚Kirche in Not‘ für Brasilien produziert hatte, zu übergeben. Ich habe dem Papst fünf Exemplare überreicht – zum Zeichen dafür, dass sich das Spenden für ‚Kirche in Not‘ auch lohnt, weil es wirklich eine pastorale Basisarbeit ist, den Kindern die Bibel in der Muttersprache zu erschließen.“

Unglaublich ergreifend sei jener Augenblick gewesen, in dem der Papst den fünf Kindern, die mit Röthlin vorgetreten waren, die fünf Bibeln überreichte und jeden umarmte. Die Mütter dieser Kinder hätten im „Bauernhof der Hoffnung“ durch die Konfrontation mit der Heiligen Schrift die Kraft gefunden, von den Drogen wegzukommen, fuhr Röthlin fort. Die Überreichung der Bibel an ihre Kinder stehe damit symbolisch dafür, nicht einmal in Versuchung zu kommen, drogenabhängig zu werden.

„Es war ein wunderschöner symbolischer Akt, und der Papst hat sich rundherum gefreut, denn die Kinder waren natürlich lebendig und haben ihn spontan umarmt. Und weil ihn dann alle umarmt haben, hat er auch alle fünf umarmt – es gab Bilder, die ich nicht mehr vergesse.“

Auch Prälat Prälat Georg Gänswein, der persönliche Sekretär des Papstes, „hat gelacht, wie ich ihn noch nie lachen gesehen habe; er hat sich gefreut. Es war eine Heiterkeit da, die wirklich ansteckend wirkte, und ich bin überzeugt, dass der Papst diesen Moment nicht mehr vergessen wird.“

Röthlin unterstrich gegenüber ZENIT, dass die Brasilienreise des Heiligen Vaters ein großartiger Erfolg gewesen sei: „Es war ein Durchbruch. Das haben mir auch meine brasilianischen Freunde alle bestätigt.“

Eine weitere eindrucksvolle Erfahrung, den der Präsident von „Kirche in Not“ in Brasilien machte, war die andächtige Stille bei der Wandlung während der Eucharistiefeier. „Da sind alle verharrt, still, niemand hat mehr geredet… Da waren alle innerlich dort versammelt. Das war ganz stark zu sehen. Die Brasilianer sind ja sehr lebensfreudig. Man sagt ja: Alles ist Samba – und das war auch so. Aber auch diese Stille war da, als es dann ernst und wichtig wurde. Man hat ihm auch zugehört. Denn der Papst – das ist ja seine Stärke – kann auch relativ tiefe, ja nicht nur relativ, sondern auch wirklich tiefe Gedankengänge, christliches Gut verständlich formuliert weitergeben. Nun, ich kann nicht Portugiesisch, aber die Reaktion der Leute auf das, was er sagte, war klar: Sie hörten zu.“

Röthlin äußerte abschließend seine Überzeugung, dass Papst Benedikt mit seinem Besuch sehr zufrieden sein könne. „Aber vor allem war auch das brasilianische Volk sehr, sehr froh. Ich glaube, das, was auch aufgebrochen ist, ist, dass es Freude macht, katholisch zu sein. Das ist wieder einmal richtig durchgedrungen und hochgekommen. Ich glaube, das hat Brasilien gebraucht.“