Ein Papstbesuch im Heiligen Land hängt nicht von den Diskussionen rund um Pius XII. ab

Klarstellung von P. Lombadi SJ, Direktor des Presseamtes des Heiligen Stuhls

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ROM, 20. Oktober 2008 (ZENIT.org).- Am Samstag, dem 18. Oktober, erklärte der Postulator des Seligsprechungsprozesses für Pius XII., P. Peter Gumpel SJ, gegenüber der Nachrichtenagentur ANSA, dass das Verfahren für den Pacelli-Papst nicht weitergehe, weil Benedikt XVI. auf gute Beziehungen mit den Juden bedacht sei.



Gumpel erklärte, dass Benedikt XVI. gerne nach Israel reisen würde, dies aber „unmöglich ist, solange im Holocaust-Museum Yad Vashem in Jersualem die neben dem Bild Pius’ XII. angebrachte Schrifttafel nicht entfernt wird“. Der Text zu diesem Bild zeuge von einer „offensichtlichen Fälschung der Geschichte“.

Beide Äußerungen nährten gestern, Sonntag, die Diskussionen um die Seligsprechung Papst Pius XII., so dass sich am späten Nachmittag der Direktor des vatikanischen Presseamtes, P. Federico Lombardi SJ, zu einer offiziellen Stellungnahme herausgefordert sah.

Er bekräftigte, dass eine neue und vertiefte Auseinadersetzung mit dem angesprochenen Bildtext seitens der Verantwortlichen der Holocaust-Gedenkstätte und eine Änderung wünschenswert seien. Gleichzeitig aber hielt er aber fest, dass dies, auch wenn es von großer Bedeutung sei, „für eine Entscheidung zugunsten einer eventuellen Reise des Papstes in das Heilige Land“ nicht ausschlaggebend sei.

Auch der israelische Botschafter beim Heiligen Stuhl, Mordechai Lewy, wandte sich in einem Interview gegen eine direkte Verbindung von einem möglichen Papstbesuch und dem Foto von Pius XII in der „Hall of Shame“ in Yad Vashem.

Die offizielle Stellungnahme verwahrte sich dann hinsichtlich der Seligsprechung von Pius XII. vor Unterstellungen und bekräftigte, dass der Papst das Dekret über den heroischen Tugendgrad seines Vorgängers deswegen nicht unterzeichnet habe, insofern diese Entscheidung Gegenstand einer vertiefenden Reflexion Benedikts XVI. sei. P. Lombardi betonte, dass es in der jetzigen Situation nicht angemessen sei, von der einen oder von der anderen Seite Druck ausüben zu wollen.

Israels Staatspräsident Schimon Peres hatte sich bereits am Samstag in die Debatte um einen möglichen Papstbesuch in Israel und die Rolle von Papst Pius XII. während des Holocausts eingeschaltet. Peres bekräftigte nach einem Bericht von „Radio Vatikan“, dass ein Besuch des katholischen Kirchenoberhauptes sehr willkommen sei. Er habe Benedikt XVI. zwei- oder dreimal getroffen, so Peres. Das Thema Pius XII. sei dabei aber „niemals angesprochen“ worden. Das israelische Staatsoberhaupt wörtlich: „Sollte Papst Pius XII. den Juden geholfen haben, dann müsste das nachgewiesen werden; genauso müsste bewiesen werden, wenn jener Papst den Juden nicht geholfen hat“.

Peres erklärte, ein Besuch des Papstes in Israel dürfe nichts mit den gegenwärtigen Diskussionen um die Rolle Pius XII. während des Holocausts zu tun haben. „Der Besuch in einem Heiligen Land hat nichts mit Ärger oder Streitigkeiten zu tun. Das Land ist die ganze Zeit heilig, und es ist uns allen heilig.“

Yad Vashem, die staatliche Gedenkstätte für die Märtyrer und Widerstandskämpfer des Holocausts, wurde 1953 auf Beschluss des israelischen Parlaments, der Knesset, gegründet. Die Stätte hat die Aufgabe, der sechs Millionen jüdischen Männer, Frauen und Kinder zu gedenken, die von den Nationalsozialisten und ihren Kollaborateuren zwischen 1933 und 1945 ermordet worden waren. Sie erinnert darüber hinaus aber auch an die Tapferkeit und Standhaftigkeit der jüdischen Partisanen und Kämpfer in den Ghettoaufständen sowie an die Taten der „Gerechten unter den Völkern“ (das sind Nichtjuden, die Juden das Leben gerettet haben).

Yad Vashem und das ihr angeschlossene Institut liegen auf dem „Berg der Erinnerung“, einer Hügelkette an den westlichen Ausläufern Jerusalems. Zu dem Komplex gehören verschiedene Denkmalsstätten, ein historisches Museum, ein Zentralarchiv und ein Forschungszentrum zur Dokumentation des Holocausts.

Die zur Diskussion stehende Tafel in der „Hall of Shame“ des Museums bezeichnet die Reaktion von Papst Pius XII. auf die Ermordung der Juden als „kontrovers“. 1933 hätte Pacelli als Kardinalstaatssekretär gewirkt, um mit dem „deutschen Regime“ ein Konkordat auszuverhandeln. Seine Absicht wäre es gewesen, die Rechte der Kirche in Deutschland zu wahren, „obwohl dies einer Anerkennung des rassistischen Nazi-Regimes gleichgekommen ist“, so die Inschrift auf der Tafel. Ebenso wird Pius XII. vorgeworfen, dass er nach seiner Wahl zum Papst im Jahr 1939 eine von seinem Vorgänger vorbereitete Enzyklika gegen Rassismus und Antisemitismus unterschlagen habe.

Der Bildtext in Jerusalem behauptet des Weiteren, dass Pius XII. in keiner Form Protest erhoben hätte, als der Vatikan von den Morden an den Juden erfuhr. Im Dezember 1942 habe er darauf verzichtet, eine Erklärung der Alliierten mit zu unterzeichnen, in der die Vernichtung der Juden verurteilt wurde. Und der Papst hätte auch nichts getan, als die Juden von Rom in die Vernichtungslager transportiert wurden. Diese neutrale Position hätte er bis Kriegsende eingenommen.

Papst Pius XII. hätte geschwiegen, und sein Schweigen habe dazu geführt, dass die Vertreter der Kirche in Europa aufgrund dieses Versäumnisses alleine über ihr Handeln hätten entscheiden müssen.

Im April 2007 hatte der Apostolische Nuntius in Israel an den Holocaust-Gedenkfeiern in Yad Vashem erst teilgenommen, nachdem ihm der Präsident des Museums, Ayner Shaley, brieflich versprochen hatte, „die Art der Darstellung von Pius XII. zu überdenken“.