Ein Paukenschlag zum Ende des Paulus-Jahrs

Papst Benedikt: Wir haben das Paulus-Grab geöffnet – C-14-Untersuchung bestätigt Alter der Reliquie

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Von Guido Horst



ROM, 30. Juni 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Eigentlich sind es drei archäologische Sensationen. Oder besser gesagt: Atemberaubende Hinweise auf uralte Spuren der jüdisch-christlichen Tradition, die wieder einmal bekräftigen, dass der Glaube der Kirche nicht auf einer Ansammlung von Ideen gründet, sondern auf historischen Ereignissen.

Zunächst hatte Patriarch Pauolos, der äthiopische Abuna, das heißt das Oberhaupt der orthodoxen Christen des ostafrikanischen Lands, vor zehn Tagen nach einer Begegnung mit Benedikt XVI. in Rom zum ersten Mal öffentlich erklärt, dass sich die legendäre Bundeslade des alten Israel in Äthiopien befindet. „Sie liegt bei uns in Axum“, sagte der Patriarch unmissverständlich vor Journalisten. „Äthiopien ist der Thron der Bundeslade, seit Hunderten von Jahren schon. Ich habe sie selbst gesehen.“ Die Lade sei keinem Alterungsprozess unterworfen und entspreche genau den Angaben der Bibel. „Das Gesegnete bleibt. Das Heilige bleibt. Die Bundeslade ist nicht von Menschenhand gemacht. Sie ist ein Geheimnis.“ Nun sei die Zeit reif, die Welt an dieser Wahrheit teilhaben zu lassen, meinte der Abuna.

Zwei Tage später dann, am 19. Juni, entdeckten Arbeiter bei Restaurierungsarbeiten in der römischen Katakombe der heiligen Tekla das vermutlich älteste Abbild des heiligen Paulus, eine Ikone, die den Völkerapostel mit den Gesichtszügen zeigt, die auch auf einem Fresko in der Paulus-Grotte in Ephesus zu erkennen sind.

Für den „Knüller“ aber sorgte Papst Benedikt, als er am Sonntagabend in Sankt Paul vor den Mauern, bei der feierlichen Vesper vor dem Festtag der beiden Apostelfürsten, eine bis zu diesem Moment streng geheim gehaltene Untersuchung öffentlich machte. In den Sarkophag des Völkerapostels habe man durch eine winzig kleine Öffnung eine Sonde eingeführt und sei auf die Reste kostbarer Stoffe und Spuren von Knochen gestoßen. Eine C-14-Untersuchung habe ergeben, so der Papst weiter, dass die Knochenreste auf eine Person zurückgingen, die im ersten oder zweiten Jahrhundert nach Christus gelebt habe. Die „einmütige und unwidersprochene Tradition“, dass sich in dem Steinsarg unter dem Boden der Paulus-Basilika die sterblichen Überreste des Völkerapostels befänden, sei damit bestätigt, erklärte der Papst. Das war die Nachricht des Tages, mit dem das Paulus-Jahr zu Ende ging.

Anders als die Eröffnung des einjährigen Gedenkens zu Ehren des Apostels vor einem Jahr mit dem orthodoxen Patriarchen Bartholomäus I. von Konstantinopel hatte jetzt der Abschluss des Paulus-Jahrs kein sonderlich ökumenisches Gepräge. Eine – nicht sehr hochrangige – Delegation des ökumenischen Patriarchats in Istanbul war anwesend, auch der ein oder andere Vertreter anderer christlicher Kirchengemeinschaften war in die Basilika Sankt Paul vor den Mauern gekommen. Vor einem Jahr hatten Benedikt XVI. und Bartholomäus I. gemeinsam die Paulus-Flamme entzündet und die Heilige Pforte der mächtigen Kirche geöffnet. Diesmal unterblieben solche Gesten. Die Flamme, so hatte der Erzpriester der Paulus-Basilika, Kardinal Andrea Cordero Lanza di Montezemolo, vor wenigen Tagen angekündigt, solle weiter brennen und auch die Pforte bleibe offen: Die gesamte christliche Welt sei eingeladen, weiterhin die Früchte der Auseinandersetzung mit den Schriften und Lehren des Völkerapostels zu genießen.

Die Ankündigung Papst Benedikts, man habe den Sarkophag geöffnet und das Alter der vorgefundenen Spuren auf die apostolische Zeit datiert, ist fast zu vergleichen mit der Nachricht zu den Grabungen am Petrus-Grab, die Papst Pius XII. in seiner Weihnachtsbotschaft des Jahres 1950 so formulierte: „Ist das Grab des heiligen Petrus gefunden worden? Auf diese Frage lautet die Antwort nach dem Abschluss der Arbeiten und Studien ganz klar: Ja.“ Zu der zweiten Frage, ob auch die Gebeine des heiligen Petrus entdeckt worden seien, fügte Pius XII. damals hinzu: „Am Rande des Grabes wurden Reste menschlicher Gebeine gefunden. Es ist jedoch nicht mit Sicherheit zu erweisen, dass sie zu den sterblichen Überresten des Apostels gehören, was jedoch ohne Bedeutung für die geschichtliche Wirklichkeit des Grabes ist.“

Geschichtliche Wirklichkeiten, Spuren unter dem Petersdom und der Basilika Sankt Paul vor den Mauern: Am Vorabend und Festtag von Peter und Paul traten jetzt in Rom wieder die historischen Zeugnisse in den Vordergrund, die in der Antike den Ruhm der Kirche Roms und den Vorrang der Nachfolger Petri unter den Bischöfen des Erdkreises begründeten: die Gräber der beiden Apostelfürsten. Dass das Paulus-Jahr der Verehrung des Völkerapostels neuen Auftrieb gegeben hat, erklärte Kardinal Cordero Lanza di Montezemolo in einer ersten Bilanz am vergangenen Freitag. Nach einem zögerlichen Anfang hätten zunehmend mehr Pilger die römische Paulus-Basilika besucht, in den vergangenen Wochen seien es gut zehntausend Besucher täglich gewesen. Den größten Zustrom habe man am 1. Mai mit 18 600 Besuchern registriert. Vor dem Gedenkjahr sei die Basilika täglich nur von wenigen tausend Menschen besucht worden. Und ganz besonders habe Benedikt XVI. zu dem Erfolg des Paulus-Jahrs beigetragen, so der Kardinal weiter. Der Papst habe in zwanzig Grundsatzpredigten und vielen weiteren Ansprachen und Botschaften die Gestalt des Apostels in den Mittelpunkt gestellt.

Drei archäologische Schätze haben die vergangenen Tage in der Ewigen Stadt geprägt – und man würde sich wünschen, dass auch der äthiopische Abuna seine Aussagen über die Bundeslade des Alten Testaments mit den beiden Tafeln der Zehn Gebote etwas stichhaltiger begründet, so wie es die Päpste mit den Gräbern der Heiligen Petrus und Paulus gehalten haben.

Doch in Rom wartet man nun auch auf die Veröffentlichung der Sozialenzyklika „Caritas in veritate“, unter die Benedikt XVI. – wie es in Kurienkreisen heißt – gestern, am Festtag der beiden großen Apostel, seine Unterschrift gesetzt haben soll. Die letzten Tage vor Beginn der Ferien des Papstes am 13. Juli im Aosta-Tal könnten noch einmal spannend werden, zumal Vatikan-Berichterstatter über unmittelbar bevorstehende Ernennungen an der römischen Kurie spekulieren.

© Die Tagespost vom 30.6.2009