Ein Priester aus dem Nahen Osten erklärt den Islam (Teil 1)

Interview mit Jesuitenpater Samir Khalil Samir

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BEIRUT, Libanon, 12. März 2009 (ZENIT.org).- Bestürzung und Verwirrung über den Islam - und zwar unter Christen und Muslimen gleichermaßen - haben möglicherweise direkt nach dem 11. September 2001 ihren Höhepunkt erfahren. Aber auch jetzt bleiben immer noch viele Fragen offen.

Deshalb fühlt sich der Jesuitenpater Samir Khalil als Islamwissenschaftler, Semitologe, Orientalist und katholischer Theologe, der in Ägypten geboren wurde und seit über 20 Jahren im Nahen Osten lebt, dazu berufen, diesbezüglich einige Antworten anzubieten.

Der Priester lehrt katholische Theologie und Islamistik an der St. Josephs Universität in Beirut, ist Gründer des CEDRAC-Forschungsinstituts und Autor des vor kurzem im Ignatius-Verlag erschienenen Buches 111 Questions on Islam (Die noch nicht erschienene deutschsprachige Übersetzung wird 100 Fragen zum Islam heißen).

Im folgenden Interview mit ZENIT spricht Pater Samir über seine Erfahrungen mit dem Islam und seine Bemühungen, ein gegenseitiges Verständnis zwischen Muslimen und Christen zu ermöglichen und zu vertiefen.

ZENIT: Was hat Sie dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben?

P. Samir: Aus zwei Gründen. Es war ein Jahr vor dem 11. September, als ich dieses Thema mit Journalisten in Interviews zu diskutieren begann. Ich stellte im Westen eine große Unwissenheit in Bezug auf den Islam fest - bei Christen, Nicht-Christen und Nicht-Gläubigen.

Im Allgemeinen hatten sie eine sehr mangelhafte Kenntnis vom Islam. Ich dachte mir, dass ich da aufklären müsste. Ihr Unwissen trieb manche von ihnen zu einer aggressiven und negativen Einstellung den Muslimen gegenüber. Einige von ihnen waren naiv und glaubten alles, was sie hörten. Einige benutzten sogar den Islam, um das Christentum anzugreifen. All das ist die Folge von Unwissenheit.

Der zweite Grund war, dass ich den Muslimen dabei helfen wollte, über ihre eigene Religion und ihren Glauben nachzudenken. Bei einer früheren Begegnung mit muslimischen Jugendlichen in einem Pariser Vorort war mir aufgefallen, dass sie fast nichts über ihre eigene Religion wussten.

Wenn ich mit verschiedenen Muslimen sprach, die ich in Europa traf - in Deutschland während des Sommers, oder in Frankreich, wo ich lehre, aber auch in Italien, wo ich wohne - war es immer dasselbe, und  die meisten Christen kennen ihre Religion ebenso wenig.

Ich wollte authentische Informationen über den Islam liefern, um den Menschen zu helfen, keine unzutreffenden Kenntnisse oder gar Vorurteile gegen den Islam zu haben.

ZENIT: Nach welchen Kriterien sind die Fragen aus den Tausenden, die hätten gestellt werden können, ausgesucht worden?

P. Samir: Die Journalisten, mit denen ich zusammen gearbeitet habe, hatten selbst eine Menge Fragen, und dann gab es noch jene, die ihnen von den Leuten gestellt wurden: über Gewalt; ob Muslime die westliche Zivilisation anerkennen würden, und wie es mit den Problemen steht, die Muslime mit der Gleichberechtigung von Männern und Frauen haben.

So sind die Fragen eigentlich mehr an die westliche Gesellschaft gerichtet - damit sie den Islam besser verstehen.

ZENIT: Glauben Sie, dass die die Mehrzahl der Muslime mit der Objektivität Ihrer Antworten auf die Fragen zufrieden sein werden?

P. Samir: Ich habe mir Mühe gegeben, objektiv zu sein. Ich habe es versucht, aber man kann nie wirklich eine vollkommene Objektivität erreichen.

Sicherlich wird nicht jeder zufrieden sein. Manche denken, der Islam ist eine gewalttätige Religion oder eine frauenfeindliche Religion. Sie werden sagen, ich drücke mich nicht deutlich genug aus, wenn ich auf Gewalttätigkeit und die mangelnde Gleichbehandlung von Mann und Frau zu sprechen komme. Und wer denkt, dass der Islam eine Religion des Friedens und der Gleichberechtigung ist und dass Mohammed den Status der Frauen hochhielt, wird auch nicht zufrieden sein. Jeder hat seine eigene Einstellung. Wenige werden zufrieden sein, wenn sie gegen oder für den Islam sind.

Diejenigen aber, die etwas über den Islam wissen wollen, was wirklich von Bedeutung ist, werden sich ihre eigene Meinung bilden können, weil sie in meinem Buch Fakten finden.

ZENIT: In der Einleitung zu Ihrem Buch heißt es, dass es einen Versuch darstellt, das gegenseitige Verständnis zu fördern. Aber viele Ihrer Antworten stellen den Islam und seine Ursprünge in einem sehr negativen Licht dar. Wie wird sich Ihrer Ansicht nach die gängige Meinung vom Islam nach der Lektüre des Buches ändern?

P. Samir: Ich glaube nicht, dass meine Darstellung sehr negativ oder überhaupt negativ ist. Meine Absicht ist, ein besseres Verstehen zu ermöglichen. Nicht ein Gefühl, sondern ein Verstehen - etwas, bei dem man zuerst den Kopf benutzt und dann erst das Herz.

Man muss zuerst seriöse Informationen liefern, um einen Dialog und gegenseitiges Verständnis zu fördern. Wenn ich nicht die ganze Wahrheit sage, wird die Wahrheit dennoch irgendwie herauskommen, und die Situation wird nur schlimmer werden.

Ich bemühe mich, ein gegenseitiges Verstehen aufzubauen, das nicht auf Kompromissen und falschen Informationen beruht. Ein Dialog beginnt mit seriöser, wissenschaftlicher, ehrlicher Information über das Christentum und den Islam. Die Antworten wollen eine nützliche Information sein. Einige Antworten sind negativ, weil der Sachverhalt negativ ist.

Ich weiß nicht, was der Durchschnittschrist denkt. Ich nehme an, dass heutzutage die Mehrheit vor jeglicher Lektüre eine negative Einstellung zum Islam hat.

Wir, die Araber, und die Muslime befinden uns in einer Krise. Wenn wir Araber - Muslime und Christen - miteinander sprechen, müssen wir zugeben, dass wir in einer schlimmen Situation sind. Wir hatten eine ruhmreiche Zeit in früheren Jahrhunderten, aber diese Zeiten sind vorbei, jetzt sind wir ganz unten.

Ich hoffe, dass das Buch den Menschen helfen wird, die Dinge, die sie beunruhigen, wie zum Beispiel den Terrorismus, zu verstehen. Es gibt einige Erklärungen dafür, aber keine Rechtfertigungen. Ich kann den Terrorismus nicht rechtfertigen, aber ich kann erklären, warum andere zu terroristischen Handlungen verleitet werden. Ich kann auch zeigen, dass er einigen Rückhalt im Koran findet und in der Tradition, der „Sunnah".

Die meisten Muslime entscheiden sich für Frieden und Gewaltlosigkeit. Die zehn Prozent, die zur Gewalt greifen, sind stärker als die 90 Prozent, die das nicht tun. Es ist halt manchmal so, dass der schlechte Teil der Menschheit, obwohl er kleiner ist, der Stärkere ist.

ZENIT: Ist denn eine kritische Prüfung der Geschichte des Islams und der heiligen Texte in der muslimischen Welt überhaupt möglich?  Ist es im Islam möglich, den Glauben einer Prüfung durch die Vernunft zu unterziehen?

P. Samir: In der Regel steht in der muslimischen Tradition der Glaube über allem, er steht über der Vernunft. Wenn man zu einem Moslem sagt, dass der Koran etwas sagt, die allgemeine Erklärung der Menschenrechte aber etwas Entgegengesetztes, dann wird der Moslem sagen: „Wir müssen Gottes Wort und Gesetz folgen, nicht den Menschenrechtsgesetzen."

In der christlichen Tradition finden wir mehr Menschen, die die Bibel interpretieren, als es Muslime gibt, die den Koran interpretieren. Es gab eine Interpretationsbewegung in der islamischen Welt im 9., 10., und 11. Jahrhundert, aber dann setzte wieder eine Rückwärtsbewegung ein.

Was die Beziehung zwischen Vernunft und Glauben anbelangt, befinden sich die Muslime heute in einer negativen Periode ihrer Geschichte. Es wäre sicherlich möglich, beides miteinander zu verbinden, aber sie müssten sich dabei sehr anstrengen. Es gibt viele Gründe für diesen Rückschritt, aber im Grunde genommen ist die Unwissenheit seitens der muslimischen Geistlichen dafür verantwortlich.

[Das Interview führte Annamarie Adkins; Teil 2 erscheint morgen, Freitag]