„Ein Priester – Diener der Eucharistie und der Gemeinde – geht niemals in Pension“

Interview zur Einsetzung des Priestertums am Gründonnerstag

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HAMBURG, 20. März 2008 (ZENIT.org).- Sein Priestersein an der Hafenkante in Hamburg leben, als Seelsorger einer Gemeinde mit spanischem und lateinamerkanischen Migrationshintergrund dienen, das tut Pfarrer Ramón Suarez seit 43 Jahren.



ZENIT sprach mit dem 74 Jahre alten Priester, der aus dem spanischen Bistum Santiago de Compostela in Spanien stammt, über seine Erfahrungen als Menschenfischer und Kapitän eines Gemeindeschiffes, das man als eine Art Arche Noah von Katholiken aus vielen Ländern in der hanseatischen Diaspora sehen kann, sowie über seine Berufung, seine Erfahrungen und Wünsche.

Die Gemeinde von Pfarrer Suarez erstreckt sich über das ganze Stadtgebiet und im Grunde über die gesamte Diözese Hamburg. ZENIT lernte von ihm auch das Geheimnis seiner Treue im priesterlichen Dienst kennen.

ZENIT
: Was hat Sie vor 43 Jahren dazu bewegt, sich für diese Aufgabe im fernen Deutschland und dazu noch in der hanseatischen Diaspora zu melden?


Pfarrer Ramón Suarez: Im Jahre 1959, am Ende meiner Theologischen Studien in Rom, begann gerade die große Zeit der Emigration. Viele Menschen wanderten notgedrungen von Galizien nach Europa aus. Die Bischöfe waren in Sorge, wie sie – es waren in der ersten Welle hauptsächlich Männer – seelsorglich begleitet werden könnten.

Ich habe mich unmittelbar nach dem Empfang meiner Priesterweihe in Rom für die Diözese Santiago de Compostela freiwillig aus Begeisterung für Christus und Abenteuerlust für einen solchen Einsatz in der Mission gemeldet. Angesichts meines jungen Alters, ich war gerade 29 Jahre alt, schlug man mir keine fernen Länder vor, sondern Deutschland. Es wurde von drei Jahren Einsatz gesprochen. Wie sie sehen, sind jetzt 43 Jahre daraus geworden.

Grund dafür waren und sind diese einfachen Menschen, die als Emigranten oder „Gastarbeiter“, wie man hierzulande sagt, hierher kommen. Einfache Menschen ohne Stimme und ohne gesellschaftliche Stellung, deren Integration nicht immer leicht ist, da es für sie oft schwer ist, Deutsch zu lernen.

Als man mich zu ersten Mal darum bat, meinen Aufenthalt hierzulande zu verlängern, hätte ich es als Verrat empfunden zu gehen und sie ohne pastorale Begleitung zu lassen. So blieb ich, und verlängerte schließlich immer wieder – bis heute.

ZENIT: Was waren und sind für Sie die größten Herausforderungen in ihrem Wirkungsfeld der Seelsorge und Begleitung von Emigranten?


Pfarrer Ramón Suarez: Als ich als junger Priester in Hamburg ankam, war die Mehrzahl der Emigranten Junggesellen. Dann kamen die Ehepartner nach: Es waren dann unzählige Familien, die begleitet werden mussten. Wir kümmerten uns um die Schulausbildung, die Paarbegleitung und den Zusammenhalt der Familie in einer neuen und für viele fremden Umgebung.

Die fundamentale Herausforderung war und ist die Evangelisation, die Katechese, die Predigt. Die ersten Generationen waren großartige und starke Menschen, aber ohne große Bildung im Glauben. Als einfache Katholiken waren sie oft von der Nachbarschaft mit Christen evangelisch-lutherischer Prägung schlichtweg überfordert. Sie konnten keine Antworten auf die gestellten Anfragen geben.

Sie geduldig auszubilden, sie Tag für Tag in ihrem oft mühseligen Alltag zu begleiten und zu ermutigen, ihnen Hilfestellungen für ihre Probleme anzubieten ist eine Arbeit, die mich über Jahrzehnte herausgefordert, aber auch sehr erfüllt hat.

ZENIT: Sie übergeben Ihren Nachfolgern als Gemeindeschiff eine bunte, internationale Gemeinde. Eine Art Arche Noah von Katholiken aus vielen Ländern. Was wünschen Sie den Seelsorgern, die eine solche Aufgabe übernehmen? Welche Einstellungen sind für ein fruchtbares Wirken Ihrer Meinung nach unverzichtbar?

Pfarrer Ramón Suarez: Ich wünsche ihnen vor allem die Fähigkeit, sich auf die Suche nach den Menschen zu machen. Nach den ersten Generationen von katholischen Emigranten, die sehr viel für ihren Lebensunterhalt, aber auch für ihr Glaubensleben einzusetzen bereit waren, stehen wir jetzt allgemein vor einer Etappe mit Gläubigen, die mit fortschreitenden Wohlstand – zumindest das ist es, was ich hier in Hamburg beobachte – eine gewisse bürgerliche Bequemlichkeit und Behäbigkeit an den Tag legen. Da ist es wichtig, einen frischen missionarischen Geist zu haben, auf die Menschen zuzugehen, sie zu sammeln, ihnen mit Angeboten entgegenzukommen und die Gemeinde zusammenzuhalten.

Sehr wichtig ist auch die Suche nach der Jugend. Die Jugendlichen, das spüre ich, brauchen unsere Aufmerksamkeit. Wir müssen ganz besonders auf diese neue Generation achten.

Besonders das Bedürfnis nach Gemeinschaft treibt viele Lateinamerikaner, die hierher kommen, in die Arme von dubiosen Sekten, die sie mit allerlei Verlockungen in obskure Praktiken verwickeln.

ZENIT: Haben Sie die Entscheidung Priester zu werden jemals bereut?


Pfarrer Ramón Suarez
: Niemals habe ich diese Entscheidung, dem Ruf Gottes an mein Herz zu folgen, bereut. Wahrhaftig hat jedes Jahr meines Priesterlebens neue Herausforderungen mit sich gebracht.

Die Arbeit unter den Emigranten verlangte große Anpassungsbereitschaft, besonders weil sie alle aus so verschiedenen Kulturen stammen, auch wenn sie alle Spanisch sprechen. Diese Pluralität ist aber auch der besondere Reichtum einer solchen Arbeit, die mich einiges gekostet, aber mir vielmehr gegeben hat.

ZENIT: Mit 74 Jahren sind Sie, so die Vorschriften für den priesterlichen Dienst, verpflichtet, ihren Dienstbereich abzugeben. Sie gehen wohlverdient in Pension. Was ist Ihrer Meinung nach das Entscheidende, um so viele Jahrzehnte treu einen solchen Dienst zu tun?


Pfarrer Ramón Suarez
: Ein Priester geht niemals in Pension. Zwar ist es eine Gepflogenheit, mit 75 Jahren Ämter aufzugeben, aber solange ein Priester körperlich und geistig dazu in der Lage ist, bleibt er – und dies solange er lebt – Diener der Eucharistie und der Gemeinde.

Ich denke, es ist sehr wichtig, sich der Gabe des Priestertums bewusst zu sein, es in Demut zu empfangen, als einen gewaltigen Schatz in irdenen, zerbrechlichen Gefäßen.

Sehr wichtig ist das Gebet – nicht als Flucht vor dem Alltag, sondern als Kontakt mit Gott. Gebet, um die Realität der Menschen ins Herz zu schließen und für sie den Dienst am Wort zu verrichten.

Unverzichtbar die Gemeinschaft mit den Priestern. Ich gehöre zwar als Diözesanpriester zum Bistum Santiago de Compostela, aber für mich ist der Erzbischof von Hamburg auch zu meinem Bischof geworden. Das war auch schon so, als Hamburg noch teils zur Diözese Hildesheim beziehungsweise zur Diözese Osnabrück gehörte.

Die Priester hier sind meine Brüder. Ich gehöre dem Presbyterium hier in Hamburg an. Das hat mir geholfen, in einer Stadt mit ihren 40 katholischen Pfarrgemeinden Seelsorger für eine Gemeinde zu sein, die über das ganze Stadtgebiet verteilt ist.

Ich danke Gott, dass er mich immer wieder angespornt hat, ihm in den Menschen, die Unterstützung und Kraft brauchen, durch mein Wort, mein Gebet und meine priesterliche Begleitung zu dienen.

Das Interview führte Angela Reddemann