Ein prophetisches Dokument. Vor vierzig Jahren erschien die Enzyklika Humanae vitae

Von Vincent Twomey SVD

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WÜRZBURG, 18. Juni 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Als Papst Paul VI. im Juli 1968 seine Enzyklika Humanae vitae über „die Weitergabe des menschlichen Lebens“ veröffentlichte, erschütterte sie die westliche Welt buchstäblich bis in ihre Fundamente. Insbesondere der Westen stand damals auf dem Gipfelpunkt einer Reihe sexueller und politischer Revolutionen. In den westlichen Ländern und in ihrem Einflussbereich sollte die sexuelle Revolution schließlich zu einer allgemeinen Akzeptanz sexueller Freizügigkeit führen. Mao Tse-tungs Kulturrevolution, die 1966 begonnen hatte, war 1968 auf ihrem Höhepunkt angelangt und inspirierte in diesem Jahr die Studentenrevolutionen, die mit der Mairevolte in Paris ihren Anfang nahmen und sich wie ein Lauffeuer in der übrigen westlichen Welt ausbreiteten. Der Prager Frühling endete mit dem Truppeneinmarsch in die Tschechoslowakei im August 1968.



Die Bürgerrechtsproteste in Nordirland wurden zum Bürgerkrieg zwischen IRA und Unionisten, und aus den Studentenrevolten ging der politische Terrorismus hervor, wie die Rote-Armee-Fraktion (Baader-Meinhof-Gruppe) in Deutschland. Antiautoritarismus war das gemeinsame Element dieser verschiedenen Revolutionen. Freiheit war das neue Schlagwort – Freiheit von den Zwängen der Vergangenheit, Freiheit von übergeordneten Autoritäten (Kirche, Staat und die traditionelle Familie), Freiheit von unseren körperlichen Grenzen, Ausdrucksfreiheit auch im sexuellen Bereich. „Anything goes.“ In der Kirche wurden die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils in aller Eile umgesetzt, vor allem durch die Einführung des neuen Messritus. So entstand ein Bewusstsein der Freiheit von den „Fesseln der Tradition“. Veränderung lag in der Luft, nicht zuletzt im Bereich der Moraltheologie, die, wie das Konzil betont hatte, radikal überdacht werden musste.

Ein Gutachten sprach sich für eine Änderung der Lehre aus
Im Vorfeld der Enzyklika Humanae vitae gab es eine Päpstliche Kommission, die ursprünglich im März 1963 von Papst Johannes XXIII. einberufen worden war, um sich mit der Entdeckung der „Pille“ zu befassen, einer Arznei, die die Frau vorübergehend unfruchtbar macht. Ihr Entdecker, ein katholischer Arzt, war überzeugt, dass sie den Ansprüchen der Morallehre der Kirche Genüge tragen würde, da sie im Gegensatz zu allen anderen bis dahin bekannten Verhütungsmethoden keinen Eingriff in den ehelichen Akt darstellte. Da das Thema als zu technisch betrachtet wurde, um Eingang in ein Konzilsdokument zu finden, wurde die Päpstliche Kommission in ihrer Aufgabe bestätigt durch Papst Paul VI., der außerdem neue Mitglieder ernannte – Laien und Theologen ebenso wie Bischöfe und Kardinäle.

Die Kommission setzte ihre Beratungen nach Beendigung des Konzils fort und unterbreitete am 28. Juni 1966 dem Papst ihr endgültiges Gutachten. Experten waren zu Rate gezogen worden, man hatte Umfragen unter mehreren tausend katholischen Ehepaaren aus verschiedenen Ländern ausgewertet und eingehende Debatten geführt – nicht nur über die menschliche Sexualität, sondern auch über Grundfragen der Moraltheologie, wie das Naturrecht, das Totalitätsprinzip etc. Ein Teil eines Gutachtens – das der Mehrheit (30) der Mitglieder der Kommission zugeschrieben wurde – drang in die Öffentlichkeit. Es sprach sich für eine Änderung der kirchlichen Lehre aus. Dann konnte auch ein zweites Gutachten in die Öffentlichkeit dringen – das sogenannte Gutachten der Minderheit (5) –, das sich gegen eine Änderung wandte. Anhand dieser Gutachten wird deutlich, dass die Debatte innerhalb der Kommission von der Sexualethik zur Fundamentalmoral übergegangen war, wo sich ein Abgrund zwischen beiden Seiten auftat. Humanae vitae wurde am 25. Juli 1968 unterzeichnet und im August veröffentlicht. Die „Antibabypille“ wird darin nicht erwähnt, auch wenn die Enzyklika in der breiten Öffentlichkeit bald als „Pillen-Enzyklika“ bekannt wurde. Stattdessen lehrt der Papst: Es gibt eine „von Gott bestimmte unlösbare Verknüpfung der beiden Sinngehalte – liebende Vereinigung und Fortpflanzung –, die beide dem ehelichen Akt innewohnen. Diese Verknüpfung darf der Mensch nicht eigenmächtig auflösen“ (HV, 12). Fast unmittelbar nach ihrem Erscheinen wurde die Enzyklika von einer geballten Anzahl von Theologen öffentlich zurückgewiesen, zunächst mit der Begründung, dass die Enzyklika kein unfehlbarer Ausdruck des päpstlichen Lehramtes sei, wie Erzbischof Lambruschini eingeräumt hatte, der das Dokument auf einer Pressekonferenz im Vatikan vorstellte. Das wurde so ausgelegt, dass Katholiken und besonders Theologen, die nicht mit der Enzyklika einverstanden waren, ihre Lehre ablehnen konnten. Wenn man die Enzyklika Humanae vitae jedoch ablehnt, weil sie nicht unfehlbar ist, so entspricht dies nur einer Art minimalistischen Gesetzesdenkens. Die logische Schlussfolgerung wäre, dass der größte Teil der kirchlichen Lehre über Glauben und Moral das Gewissen nicht bindet. Die Gegner der Enzyklika bedienten sich einer neuen, wenn auch fragwürdigen Auffassung vom Gewissen, das gleichgesetzt wurde mit der Freiheit, selbst zu entscheiden, welche moralischen Grundsätze und Werte man annehmen will.

In Wirklichkeit stellte der Papst seinem lehrmäßigen Urteil über die moralischen Fragen bezüglich der Geburtenkontrolle die knappste Formulierung der petrinischen Autorität voran, die sich bis dahin in irgendeiner Enzyklika findet. Mit anderen Worten, Papst Paul VI. war sich sehr wohl bewusst, dass er die einzigartige Autorität ausübte, die ihm als Nachfolger des hl. Petrus zukam (vgl. HV, 4 und 6). Einige Theologen, die die Lehre annehmen, argumentierten folgendermaßen: Selbst wenn die Enzyklika formal betrachtet keine unfehlbare Erklärung sein will – auch wenn sie einer solchen sehr nahekommt –, so lässt sich dennoch zeigen, dass der Inhalt ihrer Lehre der unfehlbaren Lehre entspricht, die das ordentliche Lehramt der Kirche schon immer vertreten hat. Und diese Lehre hat die Kirche immer als das gehalten, „was überall, was immer, was von allen geglaubt wurde“, um den heiligen Vinzenz von Lérins zu zitieren.

Wie dem auch sei, Tatsache ist, dass die Enzyklika einen Sturm der Kritik und der Debatte innerhalb und außerhalb der Kirche auslöste, besonders in der wohlhabenden westlichen Welt. Überall auf der Welt waren die Bischofskonferenzen gespalten, und obwohl sie im allgemeinen versuchten, Zusammenhalt zu zeigen, bezogen einige keine deutliche Position und überließen es – teils unter dem Einfluss der Theologen, die die Enzyklika ablehnten, teils aufgrund der Beliebtheit der „Pille“ beim Volk – dem „Gewissen“ der Gläubigen, selbst zu entscheiden. So unterminierten sie die päpstliche Lehrautorität. Die feindliche Gesinnung der westlichen Medien gegenüber Papst Paul VI. war offensichtlich. Er veröffentlichte danach keine weitere Enzyklika.

Die Debatte innerhalb der Moraltheologie entwickelte sich bald in zwei verschiedene, aber miteinander verbundene Richtungen. Die eine Richtung betraf das Wesen der Moral, ist also innerhalb der Fundamentalmoral anzusiedeln, die sich mit den Prinzipien befasst, die der moralischen Reflexion und dem moralischen Handeln zugrundeliegen.

Die zweite betraf das Wesen der Sexualität und die besonderen moralischen Fragen, die mit der Sexualethik zusammenhängen. Einer der ersten Versuche, die Empfängnisverhütung in der Ehe zu rechtfertigen, war die Anwendung des Totalitätsprinzips (das sich bereits im Gutachten der Mehrheit findet) – ein kasuistisches Prinzip, das in der Medizinethik angewandt wird, um zum Beispiel die Amputation zu rechtfertigen, die im Hinblick auf die Gesundheit des ganzen Körpers gestattet ist. Jetzt wurde es auf die allgemeine Offenheit der Ehe für Kinder übertragen. Diese Offenheit, so hieß es, könne im Hinblick auf das Wohl der ganzen Ehe einzelne Akte der Empfängnisverhütung rechtfertigen, besonders, wenn in der Ehe bereits Kinder vorhanden sind. Später wurde dieses Prinzip ersetzt durch die Idee der Grundoption, im Licht der Theologie Karl Rahners: Die Bedeutung einzelner oder kategorischer Handlungen ist der transzendenten Grundhaltung der Person untergeordnet, die darauf ausgerichtet ist, Gott zu gefallen.

In der Enzyklika heißt es, dass ein absichtlich unfruchtbar gemachter ehelicher Akt in sich falsch oder unsittlich (vgl. HV, 14) und unter gar keinen Umständen zu rechtfertigen ist. Um dem zu entgegnen, behaupteten die Gegner von Humanae vitae, dass es keine in sich falschen oder schlechten Handlungen gäbe und man über die Moralität einer jeden Handlung nur dann entscheiden könne, wenn man die Umstände und/oder die Beweggründe des Handelns berücksichtige. Das wurde von Anfang an als Abkehr von dem uralten Grundsatz verstanden, dass der Zweck niemals die Mittel rechtfertigt. Die Abkehr von diesem Grundsatz geschieht gewöhnlich unter dem Deckmantel der „Barmherzigkeit“ in Härtefällen – zum Beispiel dem einer Frau mit vielen Kindern und einem brutalen Ehemann, der seine „Rechte“ einfordert. Man bestritt also, dass menschliches Handeln in sich selbst falsch sein kann und schlug so dem Eindringen des moralischen Relativismus in die katholische Moraltheologie eine Bresche. Ob etwas falsch oder richtig war, hing jetzt entweder vom Beweggrund ab oder vom subjektiven Abwägen der positiven und negativen Folgen einer zu treffenden Entscheidung.

Eine beliebige Reduzierung des Naturrechts durch die Gegner
Weiter behaupteten die Theologen, die die Enzyklika ablehnten, dass dieser eine biologistische oder physikalistische Auffassung vom Naturrecht zugrunde liege – sie versuche also, moralische Grundsätze von den physischen oder biologischen Gesetzen des sexuellen Umgangs herzuleiten – und dass sie das moderne evolutionäre Verständnis vom Menschen nicht zur Kenntnis nähme. Das wiederum führte schließlich dazu, dass die Existenz einer menschlichen Natur, die allen Menschen aller Zeiten und Orte gemeinsam ist, geleugnet wurde. So reduzierte man das Naturrecht auf den Gebrauch unserer Vernunft in den jeweiligen Umständen, in denen wir uns befinden. Letztlich wurde, wie wir gesehen haben, das persönliche Gewissen jetzt als höchste Beurteilungsinstanz moralischer Fragen betrachtet. Parallel dazu versuchte man, Sexualität und Ehe neu zu definieren.

Die Debatte in der Moraltheologie führte gelinde gesagt zu einer allgemeinen Verwirrung, die die Pastoralarbeit lähmte, Predigt und Katechese untergrub und das Sündenbewusstsein auslöschte, sodass die regelmäßige Beichte außer Gebrauch kam. Als Beitrag zu einer Lösung der moralischen Probleme veröffentlichte Papst Johannes Paul II. Veritatis splendor, das erste autoritative Dokument der Kirche zur Fundamentalmoral. Darin wurden traditionelle fundamentalmoralische Prinzipien entfaltet, die in Frage gestellt worden waren – Prinzipien, die zuerst Papst Paul VI. mit seiner üblichen Genauigkeit in Humanae vitae, 14 zum Ausdruck gebracht hatte. Es ist wirklich sehr merkwürdig, dass Peter Hünermann in seiner überarbeiteten Version des Denzinger (Freiburg im Breisgau 1991, 37. korrigierte, erweiterte und ins Deutsche übersetzte Auflage), der Standardzusammenfassung der autoritativen Lehre der Kirche, den Paragraphen, der dieses Prinzip und andere grundlegende Prinzipien der Fundamentalmoral enthält, in seiner selektiven Darlegung von Humane vitae ausgelassen hat (vgl. DH 4476). In mehreren anderen Dokumenten – wie im Apostolischen Schreiben Reconciliatio et poenitentia – griff der Papst einige Aspekte der Moral auf, die von den Theologen, die Humanae vitae ablehnten, in Frage gestellt wurden, wie zum Beispiel das Wesen der Sünde.

Die andere Richtung, in die die Debatte sich entwickelte, betraf die menschliche Sexualität. Die Ablehnung von Humanae vitae kam im Grunde der Annahme gleich, dass der eheliche Akt von der Weitergabe des Lebens getrennt werden könne. Das wiederum führte dazu, dass man die Bedeutung der Sexualität neu untersuchte, da die Fortpflanzung jetzt nicht mehr als ihr vorrangiges „Ziel“ oder ihr Zweck betrachtet wurde. Waren Fortpflanzung und geschlechtlicher Umgang erst einmal voneinander getrennt, dann konnte der geschlechtliche Umgang leichter aus dem Kontext der Ehe herausgelöst werden. Der außereheliche Verkehr, mit einer Person des gleichen oder des anderen Geschlechts, wurde jetzt im Hinblick auf die Natur der jeweiligen Liebesbeziehung einer neuen Wertung unterzogen, was wiederum zu einer neuen Wertung des Wesens der Liebe und der Ehe führte.

Heute wird selbst die Familie durch verschiedene Gesetze neu definiert. Die sexuelle Revolution der Sechzigerjahre war der Hintergrund für diese Entwicklungen, aber ihren theoretischen Niederschlag fanden sie in den Schriften der Moraltheologen, die Humane vitae ablehnten. Bald schon sollte die Entwicklung der Biotechnik Wissenschaftler in die Lage versetzen, die Weitergabe des menschlichen Lebens vom ehelichen Akt zu trennen.

Zehn Jahre nach Humanae vitae wurde das erste Reagenzglas-Baby geboren. Das war der Beginn revolutionärer Entwicklungen in der Biotechnik, die noch immer andauern. Die moraltheologische Debatte war von Anfang an davon beeinflusst, dass so viele Moraltheologen die Auffassung vertraten, dass die Trennung des ehelichen Akts von der Weitergabe des Lebens legitim sei, wenn sie einem unfruchtbaren Paar helfen könne (so war sie auch auf der Grundlage der „Barmherzigkeit“ gerechtfertigt). So erhoben diese Theologen keine wesentlichen Einwände gegen die Trennung des ehelichen Akts von der Weitergabe des Lebens, sondern lehrten, dass sich künstliche Befruchtung und In-vitro-Fertilisation prinzipiell rechtfertigen lassen – auch wenn die meisten von ihnen diese Verfahren irgendwie einschränken möchten, um zum Beispiel die Zerstörung von Embryonen zu vermeiden. Das ist jedoch unmöglich, da die In-vitro-Fertilisation Experimente verlangt, durch die menschliche Embryonen zerstört werden, und sie noch weiteren Experimentierens bedarf, um das vom medizinischen Standpunkt her noch nicht ausgereifte Verfahren zu verbessern.

Positiv betrachtet haben die Auseinandersetzungen um die Annahme beziehungsweise Nichtannahme von Humanae vitae sowohl der Theologie als auch dem Lehramt der Kirche Gelegenheit zu einer ebenso radikalen Antwort gegeben. Eine wachsende Zahl von Theologen, vor allem Laientheologen, haben einen reichhaltigen Corpus an Literatur hervorgebracht, der dem Lehramt der Kirche gegenüber treu ist. Unter dem Pontifikat Johannes Pauls II. entstand eine Reihe umfangreicher Schriften des päpstlichen Lehramtes, die die Lehre der Kirche im Bereich der Fundamentalmoral, Sexualethik und Bioethik verdeutlichen. Sie haben dazu beigetragen, die traditionelle Lehre der Kirche auf eine festere Grundlage zu stellen, während die persönlichen, mehr spekulativen Schriften des Papstes als Philosoph und Theologe eine ganze Generation junger Theologen inspiriert haben. Auch in der Moralphilosophie und -theologie hat es einen wirklichen Fortschritt gegeben, da man immer mehr auf Fragen eingeht, die über die reine Sexualmoral hinausgehen.

Fruchtbarkeitsprobleme lösen ohne Embryonen zu töten
Was die Unterstützung scheinbar unfruchtbarer Ehepaare bei der Zeugung eines Kindes betrifft, so haben Ärzte, die sich an die Lehre von Humanae vitae halten, die Methoden zur natürlichen Familienplanung verbessert (sie sind jetzt ebenso effektiv wie die künstliche Empfängnisverhütung). Sie benutzen diese Methoden auch, um scheinbar unfruchtbaren Ehepaaren zu helfen, ein Kind zu bekommen, ohne dass Embryonen durch Experimente zerstört werden (ihren Aussagen zufolge auch hier mit einer Erfolgsquote, die die der In-vitro-Fertilisation übersteigt). Ich spreche vor allem von der Tätigkeit des Mediziners Professor Thomas W. Hilgers und seiner Kollegen am „Paul VI Institute“ (Fertility Care und NaPro Technology), das der Universität von Omaha im nordamerikanischen Bundesstaat Nebraska angeschlossen ist.

In den letzten vierzig Jahren ist deutlich geworden, dass die durch Humanae vitae aufgeworfenen Fragen im radikalen, wirklich paradigmatischen kulturellen Wandel des menschlichen Empfindens und Verhaltens, der die westliche Zivilisation verändert hat, ihren Ursprung haben oder diesen Wandel zumindest wiederspiegeln. (Das ist das Thema des ersten Kapitels meines Buches). Diesen Wandel hat der englische Kulturhistoriker Christopher Dawson zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts folgendermaßen zusammengefasst: „Die Zivilisation wird aus ihren Grundlagen – Natur und Tradition – herausgerissen und in einer neuen Ordnung wiedererrichtet, die ebenso künstlich und mechanisch ist wie eine moderne Fabrik“. Der Utilitarismus ist an die Stelle der Achtung vor dem Moralkodex getreten, der in unsere menschliche Natur als leiblich-geistliche und soziale Wesen eingeschrieben ist. Das ist der Grund, warum die Kategorien das Wahren, des Guten und des Schönen durch die Scheinprinzipien der Nützlichkeit und des „Wohlfühlfaktors“ ersetzt wurden und das Gewissen auf einen „Entschuldigungsmechanismus“ (J. Ratzinger) reduziert wird. Die Veröffentlichung von Humanae vitae vor nunmehr vierzig Jahren war ein Protest gegen diesen kulturellen Wandel und seine Werte oder besser gesagt seine Un-Werte. Sie hat eine Krise in der Kirche verursacht, die auf lokaler Ebene von der Kirche in Deutschland und in den meisten anderen westeuropäischen Ländern noch nicht überwunden ist.

[Übersetzung aus dem Englischen von Claudia Kock. Der Beitrag ist eine leicht abgeänderte Einleitung des Buches „Der Papst, die Pille und die Krise der Moral“ von Pater Vincent Twomey, das im Oktober im Sankt Ulrich Verlag erscheint. 208 Seiten, ISBN 978-3-86744-061-5, EUR 19,90; © Die Tagspost vom 16. Juli 2008]