Ein Querschnitt durch das "untergegangene Rom"

Das Vorstadtgebiet "Ad duas lauros" in der Antike

Rom, (ZENIT.org) Paolo Lorizzo | 297 klicks

Ein Viertel, das heute zu den belebtesten und chaotischsten der Hauptstadt gezählt wird, befand sich einst in jenem weitläufigen Vorstadtgebiet vor den  Verteidigungsmauern, das als „In Comitatu“ oder „Sub Augusta“ bezeichnet wurde und vor allem unter dem Namen „Ad duas lauros“ bekannt war. Das ausgedehnte Viertel Torpignattara, ein zwischen der heutigen Via Prenestina und Casilina (jedoch nicht punktgenau) eingefügter Landstrich steht in auffallendem Kontrast zum sozialen Wohnbau einer oft allzu ungeordnet gewachsenen Stadt und einigen Grünflächen wie dem Park der Villa De Sanctis und vor allem dem archäologischen Park Centocelle. Dieser umfasste Hunderte Hektar praktisch unberührter und zuweilen von den gleichförmig verlaufenden Wasserleitungen, den Anbaugebieten und Wasserspielen der Nymphäen der Patriziervillen oder der entlang der Konsularstraßen angelegten Mausoleen unterbrochener römischer Landgebiete. Das Toponym „Torpignattara“ entsprang der Volkstradition als dem Mausoleum Helenas bereits einen Teil seiner Abdeckung abhanden gekommen war. So kam durch den Einsturz der Decke das ausgeklügelte System der zum Zweck der Erleichterung der Decke und Festigung der Struktur in den Zement eingefassten Amphoren (bezeichnet als „pignatte“) zum Vorschein. Die Entwicklung des Begriffs „Torre delle Pignatte“ zu „Torpignattara“ vollzog sich rasch.

In konstantinischer Zeit herrschte eine rege Bautätigkeit auf dem Gebiet. Die Militärzitadelle „Centum Cellae“, das Mausoleum Helenas und die Katakomben der Heiligen Marcellino und Pietro sind Produkte dieses scheinbar bereits aus einer Reihe von Gebäuden und Infrastrukturen großer historisch-archäologischer Bedeutung gebildeten historischen Kontexts, beispielsweise den alexandrinischen Aquädukten, der sogenannten Villa „della Piscina“, der Villa „Ad Duas Lauros“ und eines Depots aus republikanischer Zeit. In einer Entfernung von etwa 400 Metern, aber noch innerhalb dieses historischen Kontexts, sind die Überreste der so genannten Villa „der Thermen“ und ein Votivdepot vorhanden.

Das „Alexandrinische Aquädukt“ wurde im Jahr 226 n.Chr. unter Kaiser Severus Alexander zur Speisung der alexandrinischen Therme, der früheren Therme Neros, errichtet, die sich im Campo Marzio in geringer Entfernung zum Pantheon befanden. Das Wasser legte keine große Entfernung zurück, da es auf der Höhe der 14. Meile der Via Prenestina im Ort „Pantano Borghese“ entnommen wurde. Ein langer Arkadenabschnitt ist im Viertel fast noch zur Gänze sichtbar (maximale Höhe: knapp 25 Meter), der sich bis auf das Gebiet „ad spem veterem“ nahe Porta Maggiore erstreckte; jenem Ort, in dem das heute nicht mehr vorhandene Dekantinierungsbecken befand.

Es ist selbstverständlich kein Zufall, dass die wichtigsten architektonischen Vorläufer in den letzten Jahren im Bereich des ehemaligen Flughafens von Centocelle aufgefunden wurden, die eher zufällig von der Zerstörung infolge der im römischen Viertel während des vergangenen Jahrhunderts begangenen wilden Bautätigkeit verschont geblieben waren. Die sogenannte Villa „della Piscina“ erwies sich als grandioser Komplex, der auf eine vorstädtische Residenz in einem Gebiet zurückgeht, dessen erste Besiedelung sogar auf das Ende des VII. und VI. Jahrhundert v.Chr. im königlichen Zeitalter zurückgeht. Die endgültige Prägung erfolgte zwischen dem Ende des I. und dem Beginn des II. Jahrhunderts n.Chr. mit einem aus Residenzen bestehenden Kern, einem Produktionsbereich und einem Thermalsektor  in Form eines L-Komplexes, der auf zwei Seiten von einem den Produktionstätigkeiten eng verbundenen prunkvollen Becken oder Schwimmbad umgeben war. Am Ende des II. Jahrhunderts n.Chr. erfolgte eine bedeutende Vergrößerung der zum Anbau bestimmten Fläche. Die Spuren langer Furchen im Tuffstein lassen Weinanbau auf dem Gebiet vermuten. Dieses war zur Gänze von einer Mauer zum Schutz der Produktion umgeben.

In geringer Entfernung wurden die Überreste einer großen Produktionsvilla namens „Ad Duas Lauros“ (benannt nach der alten Definition des Gebietes) aufgefunden. Diese war gegen die Mitte der republikanischen Zeit entstanden und bis nach der konstantinischen Zeit (bis zum V-VI. Jahrhundert n.Chr.) in Verwendung. Ihre historisch-archäologische Bedeutung wird durch ihr Ausmaß bestätigt. Eine Fläche von mehr als einem Hektar und eine tausendjährige nahezu ununterbrochene Geschichte machen diesen Komplex vermutlich zur wichtigsten Residenz des Gebietes, wobei Erneuerungen und zeitliche Überlagerungen dokumentiert sind. Für die vorwiegend residenzielle Funktion sprechen eine Reihe von Struktur- und Einrichtungselemente. So wurde im Zentrum der Anlage ein 150 Meter langer Korridor mit abgerundeten Enden aufgefunden. Angrenzend daran befanden sich eine Thermalanlage und eine Aussichtsterrasse mit Blich auf den „Fosso di Centocelle“. Heute befindet sich an dieser Stelle die Via Palmiro Togliatti. Die Besonderheit des Komplexes besteht in der Präsenz eines an die Hauptstruktur angrenzenden (und wahrscheinlich im Besitz eines der Eigentümer des Komplexes im III. Jahrhundert n.Chr. stehenden) Grabmals und zweier Mausoleen, von denen eines, das mit Anfang des IV. Jahrhunderts datiert wird, möglicherweise aus konstantinischer Zeit stammt.

Auf der gleichen Ebene, aber in ganz südlicher Richtung wurde ein Thermalbereich gefunden, der Teil eines großen Residenzkomplexes war, im vergangenen Jahrhundert jedoch vollkommen von Steinbrucharbeiten zerstört wurde. Der Komplex (bzw. die Überreste davon) wurde massiv beraubt und verlor möglicherweise in der Spätantike entstandene Dekorations- und Ausstattungselemente. So wurde das Gebiet unmittelbar nach der Räumung bis ins Hochmittelalter als Nekropolis verwendet. Dieser Umstand führte zu einer verstärkten Plünderung.

*Paolo Lorizzo studierte Orientalistik an der Universität „La Sapienza“ in Rom. Sein Spezialgebiet ist Ägyptologie. Er ist praktizierender Archäologe.