Ein Seliger, der zu denken gibt – der ehemalige „Häretiker“ Antonio Rosmini (1797–1855)

Von Markus Krienke

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WÜRZBURG, 19. November 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- „Post obitum“ lautet der Name des Dekretes des Heiligen Offiziums, mit welchem im Jahr 1888 das philosophisch-theologische Denken Antonio Rosminis verurteilt worden ist. Damit sollte der Wirkung eines Denkers ein Ende gesetzt werden, der mit seinem imposanten Lebenswerk Kirche und Gesellschaft der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Umdenken bewegen wollte: 1797 im oberitalienischen Rovereto in der Nähe von Trient geboren, verfasste er bis zu seinem Tod im Jahr 1855 in Stresa am Lago Maggiore ein Gesamtwerk, das nicht weniger als sechzig Bände füllt, von seinem immensen Briefwechsel und unveröffentlichten Manuskripten ganz abgesehen.



Gleichzeitig suchte er seine theoretischen Überzeugungen in die Tat umzusetzen: Er gründete im Jahr 1828 eine Ordensgemeinschaft, die „Rosminianer“, und war 1848 Berater des Papstes Pius IX., bis er als liberal geltender Denker während der Revolutionswirren in Ungnade fiel. Folglich endeten die beiden Werke, in denen sich seine profunden gesellschaftskritisch-politischen Analysen in konkrete Reformvorschläge für Kirche und Staat niederschlugen, ein Jahr später auf dem Index der verbotenen Bücher: Es handelte sich um „Die fünf Wunden der Kirche“ sowie um „Die Konstitution gemäß der sozialen Gerechtigkeit“. Ersteres ist bis heute das im deutschen Sprachraum bekannteste Werk Rosminis.

Wer diese Schrift jedoch als einen „Denkzettel“ versteht, den Rosmini am liebsten an die Pforten von St. Peter genagelt hätte, missversteht zwangsläufig die Intention dieser im Grunde christologischen und ekklesiologischen Schrift. Ganz im Gegenteil wollte Rosmini der Kirche im positiven Sinn zu denken geben, zu einer profunden Selbstkritik anleiten: Gerade durch die Reflexion auf ihren Ursprung und die historische Entwicklung sollten ihr Möglichkeiten eröffnet werden, in der Moderne ihre Mitte und ihre Botschaft wieder neu zur Darstellung zu bringen. Zu einer solchen Besinnung war in den Revolutionswirren der Jahre 1848/49 jedoch wenig Zeit.

Ebenso wenig Zeit nahm man sich zwischen 1883 und 1887 für die Analyse von Rosminis theoretischen Schriften. Aus diesen wurden vierzig Sätze, welche die zentralen Inhalte seines philosophischen und theologischen Denkens treffen, herausgenommen und schließlich verurteilt – ohne auf deren näheren systematischen Gesamtzusammenhang zu achten. Und wieder wurde durch diesen Akt die eigentliche Intention Rosminis verfehlt: Denn sein Grundbestreben, die traditionelle Theologie und scholastische Philosophie mit dem neuzeitlichen Denken Kants und der Idealisten und ergo mit den Grundlagen des modernen Denkens zu vermitteln, wurde als unzulässiges Einlassen auf die Moderne missinterpretiert.

Rosmini verstand den Auftrag von Theologie und Kirche in der Moderne dahingehend, die Menschen „von weit herzuholen, weil sie sich weit entfernt haben“. Dies hat für ihn nichts mit falschen Kompromissen zu tun, sondern ist für ihn ein Grundanliegen seiner Theologie. In diesem Sinn versteht sich sein immenses Gesamtwerk als Projekt einer „christlichen Enzyklopädie“, welche die Auseinandersetzung mit dem Denken seiner Zeit auf allen möglichen disziplinären Ebenen sucht. Rosmini möchte die Menschen zum Umdenken bewegen und sucht genau aus diesem Grund stets den Dialog mit allen Bereichen, in welchen sich das Wissen und die Kultur seiner Zeit Ausdruck verschafften.

Diese Haltung ist dabei nicht einfach „Zweck“ für Theologie und Kirche, sondern Teil des typisch rosminischen ganzheitlichen Interesses am Nächsten als Person, in seiner leiblichen, rationalen und willensbestimmten Dimension. Während sich die christliche Zuwendung zum Nächsten in seiner Leiblichkeit in den aktiven Taten der Nächstenliebe Ausdruck verschafft, kommt er in seinem willensbestimmten Aspekt zur Geltung, wenn es um seine Spiritualität geht. Doch hat das Christentum auch eine intellektuelle Verantwortung, die Rosmini im Begriff der „intellektuellen Caritas“ artikuliert. Gerade hierin entdeckt er die spezifische Antwort auf die zunehmende und bewusste Abwendung des neuzeitlich-emanzipierten Subjekts von Tradition und Religion. Um die Menschen wieder vom Christentum zu überzeugen, müssten „tätige“ und „spirituelle“ Caritas durch den intellektuellen Aspekt Ergänzung finden. Dieser originär auf ihn zurückgehende Begriff der „intellektuellen Caritas“ bringt somit zum Ausdruck, dass „Umdenken“ ein wesentliches Moment des „Umkehrens“ darstellt.

Um die Menschen jedoch zum „Umdenken“ bringen zu können, war zunächst ein Umdenken in Kirche und Theologie selbst vonnöten – ein Ablassen von Formen und Formeln, die in der Neuzeit die Mitte des Christentums eher verstellten, statt sie in den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs einzubringen. Rosminis Lebenswerk war es, die nötigen theoretischen Ansätze zu erarbeiten, um eine solche Erneuerung herbeiführen zu können.

Eineinhalb Jahrhunderte nach Rosminis Tod haben Theologie und Kirche über Rosmini „umgedacht“. Man erkennt mittlerweile an, dass Rosmini wesentliche Errungenschaften des II. Vatikanums vorweggenommen hat. Nachdem im Jahr 1994 der Seligsprechungsprozess eröffnet worden war, bezeichnete ihn Johannes Paul II. vier Jahre später in der Enzyklika „Fides et Ratio“ als Beispiel für ein Denken unter den Vorzeichen des Glaubens in der Neuzeit. Im Jahr 2001 erklärte die Glaubenskongregation durch ihren damaligen Präfekten Joseph Ratzinger, dass „des Autors eigener Sinn“ der verurteilten Sätze nicht länger als verurteilbar angesehen werden könne. Morgen [am 18. November, Anm. d. Red.] wird der ehemalige „Häretiker“ dann feierlich in Novara seliggesprochen.

In dieser „Karriere“ liegt aber noch keineswegs die Bedeutung dieses neuen Seligen für die Kirche. Die bleibende Aktualität Rosminis besteht vielmehr darin, dass er mit seinem Leben und Werk auch weiterhin Kirche und Theologie zum Umdenken auffordert: zu einem Umdenken, das nicht intellektueller Selbstzweck ist, sondern Erneuerung durch den Blick auf das Zentrum und den Ursprung, Verbindung von Tradition und Moderne. Rosmini hat diese Verbindung nicht nur vorgedacht, sondern auch in seinem Leben zum Ausdruck gebracht und damit einen Weg für Theologie und Kirche heute gewiesen.

[Der Autor ist Dozent für Philosophie an der Lateranuniversität in Rom; © Die Tagespost vom 17. November 2007]