Ein Sieg ohne Waffen

Priestererlebnis von Alirio López Aguilera, Kolumbien

Wien, (ZENIT.org100Wunder) | 917 klicks

Seit sechsundzwanzig Jahren und neun Monaten bin ich Priester. Diese Berufung ist für mich klarer Ausdruck der barmherzigen Liebe und wohltuenden Gegenwart Gottes, die ich immer wieder von Neuem spüre. Ich bin Priester in der Erzdiözese Bogotá in Kolumbien. In all diesen Jahren habe ich bei meiner Arbeit, meinen Verpflichtungen und bei der täglichen Erneuerung meiner Berufung stets eine große innere Freude verspürt.

In den verschiedenen Gemeinden und sozialen Einrichtungen, in denen ich gearbeitet habe, hat sich mir Gott immer wieder gezeigt. Vor allem hat mich meine „Herde“ betend in meiner Treue und Ausdauer begleitet, sodass die Freude, Priester Christi zu sein, mir immer ins Gesicht geschrieben stand.

In einer Welt, wo mangelnder Glaube und Glaubwürdigkeit sowie die fehlende Liebe zum Priestertum dazu führen, dass wir nicht mehr das Bedürfnis haben, uns für Berufungen einzusetzen, habe ich diese Freude stets als die beste Berufungspastoral empfunden.

Als Priester war ich Kaplan, Rektor diverser Schulen, Pfarrer, Universitätsprofessor und Professor am Institut für den ständigen Diakonat der Erzdiözese Bogotá. Dort arbeiten zurzeit 134 ständige Diakone, die ein sichtbares Zeichen der Liebe Gottes im Herzen der Familie Christi sind. In den Jahren von 1996 bis 2008 erfüllte ich, unterstützt von der Erzdiözese, besonders durch Kardinal Pedro Rubiano Sáenz, spezielle Aufträge für die verschiedenen Bürgermeister der Stadt. Diese Aufträge wurden „Programm Heiliges Leben“ und „Torschuß des Friedens“ genannt. Sie bestanden darin, die Gewalt in den Sportstadien einzudämmen, Feuerwaffen einzusammeln, sie einzuschmelzen und daraus Symbole für den Frieden herzustellen. Ganz konkret musste ich in zwei Sportstadien der Hauptstadt mit zwei Fan-Gruppen, den „barras bravas“, arbeiten, die sehr gewalttätig waren und sogar Blutbäder anrichteten.

In neun Jahren erzielten wir beachtliche Erfolge, die uns viel Anerkennung auf lokaler wie auch auf nationaler Ebene einbrachten. Die Arbeit bestand aus vielfältigen Initiativen. Wir gründeten Arbeitsgruppen, organisierten Fußballspiele, beriefen Komitees für die öffentliche Sicherheit der Stadt ein und verbesserten die Zusammenarbeit mit der Polizei und den öffentlichen Sicherheitsorganen. Es gelang uns sogar, in extrem gefährlichen Situationen zwischen den berüchtigten Anführern der „barras bravas“ und den gegnerischen Sportfans zu vermitteln. Vielleicht gibt es keinen anderen Ort in der Welt, wo sich ein Priester bis in die Kabine der Spieler vorarbeiten kann und sogar als zweifache Autorität gilt: spirituell und zugleich fußballtechnisch.

Wir hatten sehr gute Erfolge und führten diejenigen, die das Sagen hatten, zu einer christlichen Lebensweise an, indem wir sie von der Drogenszene wegbrachten. Viele Angehörige dieser gewalttätigen Fan-Gruppen waren drogenabhängig. Das außergewöhnlichste Ereignis fand jedoch im Jahr 2007 statt. Ein Fan beabsichtigte, jemanden von der gegnerischen Gruppe umzubringen. Doch vor Beginn des Spieles wollte er noch in der Kabine des Stadions eine Beichte ablegen. Er hatte den Mut, mir zu verraten, was er vorhatte und erzählte mir, dass seine Mutter ihn angefleht habe, dies nicht zu tun, sondern mit dem Priester der Gruppe „Gol della Pace“ zu sprechen. Dieser Mann hatte sich also dazu überwunden, mit mir zu reden und übergab mir seinen Revolver, Kaliber 38. Als Priester war ich darüber sehr glücklich, weil damit das Evangelium auch dort Früchte trug, wo Gewalt und Intoleranz ein Meer der Verwüstung hinterlassen hatten.

Ich machte aber auch viele schmerzhafte Erfahrungen. So litt ich sehr unter den überaus gewalttätigen Auseinandersetzungen der Banden im Stadion, die oft auch tödlich endeten. Im Zuge der Entwaffnung der Bürger habe ich über 6500 Feuerwaffen und tausende Schuss Munition sichergestellt.

Von 1996 bis 1997 wurde Bogotá von einem Bürgermeister geleitet, der sich besonders der Förderung der Kultur widmete und auf die Einhaltung von Recht und Gesetz achtete. Man schlug vor, eine Kampagne für die freiwillige Abgabe von Feuerwaffen zu organisieren, um so der Bevölkerung zu verstehen zu geben, dass nun die staatlichen Organe für den Waffenbesitz zuständig waren. Damit begannen sehr intensive Tage, wobei auch die Kirche ihre Hilfe anbot, um gemeinsam mit einer privaten Firma „die Entwaffnung der Bürger“ durchzuführen. Polizei und Heer arbeiteten ebenfalls verantwortungsvoll zusammen.

Gleichzeitig begann die Aktion „Das Leben ist heilig“. Dabei wurden verschiedene Botschaften und Slogans für Familien verbreitet, wie z. B. „Eine Waffe macht dich nicht stärker“, „Die größte Kraft ist das Leben“, „Lasst die Waffen in Frieden ruhen“, „Deine Familie kommt an erster Stelle“. Insbesondere kämpften wir mit all unseren Kräften gegen den illegalen Waffenhandel. Wir sammelten die schon genannten 6500 Waffen ein, schmolzen sie ein, machten daraus ein Denkmal, das dem Leben gewidmet war, und stellten es in einem der meistbesuchten Parks der Stadt auf.

Außerdem fertigten wir mit der Munition ein symbolträchtiges Mahnmal an, das menschliche Hände darstellte. Wir nannten das Monument: „Hände für das Leben, für die Vergebung, für die Umarmung und für das Gebet“.

Die Anerkennung für diese Arbeit war enorm. Unsere Erzdiözese hat sich damals entschieden, zur Entwaffnung der Bürger ebenfalls beizutragen. Die Zahl der gewalttätigen Morde in Bogotá ging im Jahr 2008 um 40% zurück. Das bedeutet, dass die Zahl der Morde von 80 im Jahr 1994 (je 100.000 Einwohner) auf 19 im Jahr 2008 zurückgegangen ist. Aber unsere Arbeit in der Gesellschaft war nicht die einzige Initiative, die gewalttätige Morde einzuschränken versuchte. Auch die öffentliche Hand und die Polizei setzten sich maßgeblich dafür ein.

Ich kann auch noch über viele weitere, wichtige Erlebnisse in diesem speziellen Bereich berichten. Das größte Ereignis aber war der moralische Wandel unseres Volkes. Schritt für Schritt haben die Menschen begriffen, dass das Leben heilig ist und dass niemand Selbstjustiz üben darf. Die größte Genugtuung jedoch war für mich, dass ich zur Rettung von Seelen, von Menschenleben ganzer Familien und vieler junger Menschen beitragen durfte. Man hatte verstanden, dass es auch andere Wege gibt, um Konflikte zu lösen, auch ohne Waffen.

Ich erinnere mich an das Zeugnis eines 18-Jährigen. Eines Tages fragte er mich, ob ich ihm helfen könne, Arbeit zu finden. Wir sprachen eineinhalb Stunden miteinander und ich verstand, dass er aus einem kriminellen Umfeld kam. Daher versuchte ich, ihm zu helfen. Gemeinsam mit den institutionellen Organen und der Obrigkeit vor Ort fanden wir innerhalb weniger Monate eine Arbeit für ihn. Als seine ersten Arbeitstage vorüber waren, besuchte mich der junge Mann in der Pfarrei von Vera Cruz. Nach der Heiligen Messe kam er in die Sakristei, umarmte mich und dankte mir, dass ich ihm geholfen hatte, eine Arbeit zu finden. Er gab mir eine 9-Millimeter-Pistole, die in ein Tuch gewickelt war, und sagte zu mir: „Vor einer Woche noch war das mein Arbeitswerkzeug, aber jetzt will ich von Mord und Gewalt nichts mehr wissen.“

Dann erinnere ich mich noch an eine 37 Jahre alte Frau, die um ihren ermordeten Mann trauerte. Nachdem sie alle meine Botschaften über die Kampagne für das Leben angehört hatte, gab sie mir eine Pistole Kaliber 22, die sie von illegalen Waffenhändlern gekauft hatte. Sie kam in das Pfarrbüro, weinte und schüttete mir ihr Herz aus – ich ließ sie gewähren. Danach sagte sie: „Padre, ich danke Ihnen für alles, was Sie für mich getan haben. Ich habe diese Pistole gekauft, um denjenigen zu erschießen, der meinen Mann umgebracht hat. Ich kenne ihn und habe ihn abgrundtief dafür gehasst. Aber nachdem ich im Fernsehen Ihre Botschaften über die von Waffen ausgehende Gefahr gehört hatte, war ich nicht mehr dazu fähig, ihn zu erschießen. Das Leben gehört Gott. Ich ziehe es vor, meinen Schmerz in meinem Herzen zu tragen. So bin ich frei, anstatt hinter Gittern zu sitzen. Danke, Padre, ich lasse Ihnen nun meine Waffe hier.“

Buchtipp:
Das ganz normale Wunder
100 Glaubenszeugnisse von katholischen Priestern
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