Ein Stück Kohle zum Nikolaus

Advent der Generationen in Vorpommern

Berlin, (Erzbistum Berlin) | 251 klicks

Die Adventszeit wird in beinahe jeder Familie etwas anders begangen. Traditionen wie das Entzünden des Adventskranzes oder das gemeinsame Singen gehören dennoch fast immer und überall dazu. Doch was bedeutet den Menschen die Adventszeit? Worauf legen katholische Familien heute Wert? Die Journalistin Anja Goritzka fragte nach: Bei Passanten und bei Teilnehmern eines Seniorenfrühstücks in Gützkow im Dekanat Vorpommern. 

Advent früher

„Wenn ich an die Adventszeit meiner Kindheit denke, verbinde ich diese immer mit ganz viel Schnee. Es war durch den vielen Schnee und die Kälte eine lange Zeit“, erzählt Gertrud Sadewasser während des Seniorenfrühstücks. Sie landete nach dem Zweiten Weltkrieg in Gützkow, aufgewachsen ist sie jedoch in Ostpreußen.

Für Hans-Joachim Klaeske waren die schönsten Stunden die bei Stromausfall in der Wohnküche am Feuer des Küchenherdes. „Da haben wir, Eltern, Oma und die Kinder, gemeinsam gesungen, etwas, das mitunter heute kaum noch so möglich ist. Viele Kinder kennen gar keine Adventslieder mehr“, räumt er ein. Die Weitergabe von Traditionen in der Adventszeit ist für die Runde wichtig. „So richtig Advent feiern konnten wir aber erst mit unserer eigenen Familie, als wir uns dann schon etwas Neues aufgebaut hatten. Die Not war in den Kriegsjahren einfach zu groß“, wirft eine Rentnerin ein. So habe sie den ersten Herrnhuter-Stern erst gekauft, als die eigenen Kinder da waren, mit denen sie dann auch Adventsgestecke bastelte. Traditionen, die auch in heutiger Zeit in Familien wieder aufeben, besser gesagt nie ausgestorben sind. Nur muss jede Familie ihren eigenen Weg finden.

Ich fange an zu vergleichen und erzähle von uns vieren: Am ersten Adventswochenende wird gebacken: Plätzchen, Lebkuchen, Früchtebrot, allerlei Süßes, was dann aber die ganze Adventszeit reichen muss. Seit fast sieben Jahren ist dies so. Sonntags sitzen wir dann zusammen, entzünden die Kerze am Adventskranz, singen, lesen weihnachtliche Geschichten vor und hören Adventsmusik, kommen so gemeinsam zur Ruhe. Doch unter der Woche ist kaum Raum für Besinnung auf Advent, die Ankunft des Herrn. „Aber auch schon damals beschränkte sich die Adventszeit im Wesentlichen auf das Wochenende. Wir mussten ja beide arbeiten“, erinnert sich eine Seniorin. Auch die Adventsfeier mehrerer Generationen innerhalb einer Familie ist heute seltener geworden, müssen die Kinder und Enkel doch gerade der Arbeit wegen vom Lande wegziehen. „Zu Weihnachten kommen wir aber alle wieder zusammen und es gibt erst ein Geschenk bis wirklich jeder ein Lied gesungen oder ein Gedicht aufgesagt hat. Darauf bestehe ich“, wirft Gertrud Sadewasser lachend ein. Ich muss lächeln, denn meine Großeltern bestanden auch immer darauf, wenn wir alle an Heilig Abend nachmittags zusammen kamen.

Advent heute

Für die Senioren aus Gützkow ist die Schnelllebigkeit unserer Zeit ein Graus. Gerade in der Adventszeit sollte man ruhig etwas runterschalten, sind sie überzeugt. Sie haben alle Armut erlebt: Da wurde Weihnachtsschmuck aus Bonbonpapier gebastelt oder gefundene Äpfel poliert, damit sie weiterverschenkt werden konnten. Zum Nikolaus war ein Stück Kohle im Strumpf ein großes Geschenk.

Dennoch sind die Senioren bis heute dankbar für jede Adventszeit mit ihren Familien. Ich erlebe an diesem Vormittag Dankbarkeit, von der ich mich anstecken lassen kann. Denn trotz der vielen Möglichkeiten heute sollten wir vieles nicht als selbstverständlich hinnehmen. Die Adventszeit kann uns Anstöße geben – auch unter der Woche.

In vielen Städten wie zum Beispiel im vorpommerschen Anklam gibt es einen lebendigen Adventskalender: Menschen besuchen jeden Tag ein anderes privates Haus oder eine Einrichtung, beten zusammen und singen Adventslieder. In Greifswald wird es das vierte Jahr in Folge auf dem Weihnachtsmarkt eine ökumenische Adventskirche geben, in der unterschiedliche Christen jeden Tag um 12.30 Uhr einen Lichtpunkt setzen wollen. Die katholische Gemeinde St. Jospeh, zu der auch die Gützkower Katholiken gehören, beginnt die Adventszeit am Samstag mit einer Vigil von 21 bis 23 Uhr. Diese Beispiele aus dem Dekanat Vorpommern zeigen, wie bewusst die Adventszeit auch im Alltagsstress begangen werden kann.

Von: Anja Goritzka 

(Quelle: Webseite des Erzbistums Berlin)