Ein Traum der Barmherzigkeit

Rede von Kardinal Sarah bei der Europäischen Freiwilligen-Tagung

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Von Salvatore Cernuzio

Rom, 16. April 2012 (ZENIT.org) – 140 Millionen Menschen, von denen die meisten dem Christentum angehören, sind in Europa auf unterschiedliche Weise in den Freiwilligendienst involviert.

In seiner Rede anlässlich der Präsentation des Bandes „Il Santo Padre e i volontari europoei“ (Der Heilige Vater und die europäischen Freiwilligen), die am 13. April 2012 im Dikasterium in der Via della Conciliazione stattfand, stellte Kardinal Robert Sarah, Präsident des Päpstlichen Rates „Cor Unum“ , diese beeindruckende Zahl in den Raum.

Unter den Teilnehmern an der Konferenz befanden sich Michel Roy, Generalsekretär der Caritas Internationalis, und Msgr. Giampietro dal Toso, Sekretär des Päpstlichen Rates „Cor Unum“.

Dem Text liegt der Wunsch zugrunde, alle ehrenamtlich engagierten Personen und ihre Verbände und Organisationen zu erreichen, und die Eindrücke jenes Treffens wieder aufleben zu lassen, das am 10. und 11. November 2011 mit den Bischöfen und Verantwortlichen der katholischen Organisationen in ganz Europa im Rahmen des Europäischen Jahres der Freiwilligentätigkeit im Vatikan veranstaltet worden war.

Das Buch versammelt die wesentlichen und kennzeichnenden Beiträge der Tagung im November, „beginnend mit der Ansprache des Heiligen Vaters an die Freiwilligen über die Rede der Europäischen Kommissarin Kristalina Georgieva und die Erfahrungsberichte zahlreicher Gäste bis hin zum Abschlussbericht über die Koordinierung der karitativen Einsätze“, erläuterte Kardinal Sarah.

Der Band füge sich in eine Reihe derzeit laufender Projekte des Dikasteriums ein, die angesichts der großen Zahl beteiligter Mitglieder sehr umfassend seien, so der Kardinal. Das Ziel sei es, den karitativen Verbänden und Einrichtungen Hilfe zukommen zu lassen, und das nicht nur in Bezug auf die Tätigkeit, sondern auch auf dem Weg des spirituellen und persönlichen Wachstums, und zwar durch konkrete Mittel, die eine bestmögliche Unterstützung gewährleisten.

Laut dem Kardinal könne dieses Ziel erreicht werden, wenn so viele Organisationen und Akteure als möglich sich für diesen „Wettbewerb der Barmherzigkeit“ engagieren, vor allem aber dank der Zusammenarbeit von Cor Unum und Caritas Internationalis (die nach dem Appell des Papstes während der Krise am Horn von Afrika durch eine gemeinsame Organisation besiegelt wurde), die sich seit jeher „der Verbreitung der christlichen Barmherzigkeit annehmen, inspiriert durch die Lehren des Evangeliums und das Lehramt der Kirche.“

In diesem Zusammenhang bekräftigte Kardinal Sarah die Bedeutung des christlichen Zeugnisses als der wichtigsten Form der Hilfe für einen Mitmenschen. „Um ihre Mission treu erfüllen zu können, sollen die Freiwilligen ihren Blick stets auf Christus gerichtet halten und in ihrem Handeln ihrer katholische Identität Ausdruck verleihen“, so der Kardinal.

Er bringt sein Anliegen folgendermaßen auf den Punkt: „Sämtliche Aktivitäten des Päpstlichen Rates Cor Unum sollen Ausdruck der Barmherzigkeit der Werke sein, denn nur so läuft die Verkündigung des Evangeliums, die die erste Hilfe ist, nicht Gefahr, im Meer der Worte unterzugehen, dem wir in der heutigen Gesellschaft täglich ausgesetzt sind“.

Dem Präsidenten von Cor Unum zufolge sei dies von großer Bedeutung. „Vor allem in den europäischen Einrichtungen der Caritas beobachten wir einige Säkularisierungstendenzen. Wir haben nicht die Aufgabe, jemanden zur Konvertierung zu zwingen, doch wir müssen unsere katholische Identität zum Ausdruck bringen und im Sinne des Evangeliums handeln“.

In Bezug auf den häufigen Vorwurf, freiwilliges Handeln sei eine „Form von verschleiertem Proselitismus“, zitierte der Kardinal das Beispiel des indischen Bundesstaats Orissa, wo es problematisch sei über Freiwilligenarbeit zu sprechen, da die Angst eines Eindringens des Christentums in die nach Kasten gegliederte hinduistische Gesellschaft bestehe. Im Kastensystem sei der Gedanke der ‚Barmherzigkeit‘ nicht vorgesehen und Freiwilligendienst werde daher als eine Form der Evangelisierung betrachtet.

Weiteren Grund zur Sorge gäben den karitativen Organisationen  all jene Menschen, die „der Armut, Konflikten, Katastrophen, der Ungerechtigkeit und der Unterdrückung zum Opfer gefallen sind“. Vor allem die ca. 500.000 Freiwilligen des weltweiten Netzwerks der Caritas Internationalis „können nicht mit ansehen, wenn der Mensch, den nach dem Ebenbild des liebenden Gott, an den sie glauben, geschaffen wurde, menschenunwürdig behandelt wird“.

Roy fügte hinzu, dass der vordergründige Einsatz der Caritas die Verbreitung der Barmherzigkeit sei. Dies solle erreicht werden durch die Förderung der sozialen Gerechtigkeit, durch Mobilisierung, Einsatz, den Aufbau brüderlicher Beziehungen und durch das Zeugnis des Evangeliums; dies impliziere, dass jeder Leidende oder Orientierungslose zu Gott gebracht werden soll“.

Dieser Zugang ist laut dem Generalsekretär durch Respekt vor jedem Menschenleben und vor jedem Glauben geprägt. Er habe das ausschließliche Ziel, in den Gesellschaften des jeweiligen Glaubens die Menschlichkeit und das Mitgefühl für die Armen und die Geringsten zu fördern.

[Übersetzung des italienischen Originals von Sarah Fleissner]