Ein Treffen zwischen dem Papst und dem Patriarchen von Moskau scheint näher gerückt zu sein

Ein in Russland lebender italienischer Geisteswissenschaftler spricht über die Beziehungen zwischen der ostorthodoxen und römisch-katholischen Kirche

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ROM, 20. September 2012 (ZENIT.org).- „Das Ereignis galt nie als ausgeschlossen und erscheint nun wahrscheinlicher.“ Der italienische Hieromönch Giovanni Guaita betonte in einem Interview mit Kirche in Not (KIN), dass das lange erwartete Treffen zwischen Benedikt XVI. und dem orthodoxen Patriarchen Kyrill bald Wirklichkeit werden könne; vorausgesetzt, einige offene Fragen würden beantwortet. Der italienische Gelehrte lebt seit beinahe 30 Jahren in Russland, wo er als Mitarbeiter des Sekretariats für interchristliche Beziehungen der Abteilung für Außenbeziehungen im Moskauer Patriarchat tätig ist.

Der Hieromönch* empfing die Papal Foundation („Päpstliche Stiftung“) im Moskauer Kloster St. Daniel, einem Verwaltungs- und spirituellem Zentrum der orthodoxen Kirche und Sitz der unter dem Metropoliten Hilarion stehenden Abteilung.

Er beschrieb das Ziel der Begegnung folgendermaßen: „Es besteht die Hoffnung, dass sie einen tatsächlichen Wendepunkt in den Beziehungen zwischen den beiden Kirchen signalisieren wird und sich nicht in einem Handschlag vor den Kameras erschöpft“, so Guaita. Er betonte, dass zunächst einige Knoten gelöst werden müssen, wobei dies nicht so sehr für Russland, sondern mehr für andere Länder wie beispielsweise die Ukraine gelte. Der Wunsch nach einem persönlichen Treffen zwischen den beiden Kirchenoberhäuptern war im Jahre 2005 vom neugewählten Papst Benedikt XVI. und dem damals „einfachen“ Metropoliten Kyrill besprochen worden.

Die Beziehungen zwischen Moskau und dem Heiligen Stuhl wurden im Juli letzten Jahres im Zusammenhang mit dem Russlandbesuch des italienischen Premierministers Mario Monti erneut zum Diskussionsthema. Aufgrund von Planungsschwierigkeiten änderte der Monti das Programm und traf den orthodoxen Patriarchen vor seiner Begegnung mit dem [russischen Präsidenten Dmitry] Medvedev. An diesem Gespräch hatte der Hieromönch teilgenommen. Eines der Themen war die dem Patriarchat sehr nahegehende gegenwärtige Wirtschaftskrise. „Russland sieht sich mit völlig neuen sozialen Problemen konfrontiert. Dazu zählt die große Ungleichheit zwischen den verschiedenen Bevölkerungsschichten. Die orthodoxe Kirche verstärkt ihren Einsatz in diesem Bereich“, so Giovanni Guaita im Gespräch mit KIN.

Ein weiteres relativ neues Phänomen ist jenes der Immigration. Aus den internen Bewegungen der sowjetischen Ära sind Migrationsflüsse entstanden, mit denen Probleme der Aufnahme und Integration einhergehen. Guaita äußerte sich dazu folgendermaßen: „Moskau hat einen großen Anteil an registrierten und nicht registrierten Immigranten. Diese stammen zu einem großen Teil aus den ehemaligen Sowjetrepubliken und sind mehrheitlich Muslime. Aus diesem Grund ist der interreligiöse Dialog von höchster Wichtigkeit.“

Dem Hieromönch zufolge bemühe sich der russisch-orthodoxe Patriarch mit großem Einsatz um die Unterstützung der weltweit verfolgten Christen und um den Widerstand gegen eine gewisse in Westeuropa zu beobachtende „Christianophobie“. In diesen Ländern fielen die Gläubigen zwar keiner offenen Verfolgung zum Opfer, doch es existiere das Bestreben, die Kirche an den Rand des sozialen Lebens zu drängen und das religiöse Ereignis auf eine private Angelegenheit zu reduzieren.

Zum Abschluss des Interviews sprach der orthodoxe Religionswissenschaftler KIN mit folgenden Worte seinen Dank aus: „KIN ist eine der ersten katholischen Organisationen, die sehr herzliche Beziehungen zum Moskauer Patriarchat aufgebaut haben“.  Unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion habe ein angespanntes Klima zwischen den beiden Kirchen geherrscht, sowohl in Russland als auch in den Ländern der ehemaligen UdSSR. Dennoch habe die päpstliche Stiftung weiterhin „eine beeindruckende Zahl“ von Projekten für die orthodoxe Kirche in Moskau und in den anderen Regionen der Föderation unterstützt.

*Ein Titel der Ostkirchen, der Mönchen nach der Priesterweihe verliehen wird.

[Übersetzung des englischen Originals von Sarah Fleissner]