Ein verlorenes Schäflein

Priestererlebnis von José Maria Seas Chinchilla, Guatemala

Düsseldorf, (ZENIT.org100Wunder) | 860 klicks

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Eines Abends fuhr ich auf der Autobahn. Die Autos zogen an mir vorbei und es goss in Strömen. Auch ich war Teil dieses Gedränges, denn alle versuchten, so schnell wie möglich heim ins Warme zu kommen. Ohne dass ich den Blick von der Straße gewandt hätte, nahm ich plötzlich auf einem mit Gras bedeckten Abhang an der Seite ein merkwürdiges Bündel wahr, das sich in Bewegung befand. Ich war mir nicht sicher, aber es kam mir vor, als ob ich jemanden gesehen hätte, der sich wie ein Wurm im Schlamm unter dem strömenden Regen dahinschleppte. Trotzdem wollte ich einfach weiterfahren, ohne der Sache Bedeutung beizumessen. Aber dann bekam ich doch Gewissensbisse… Oder war es vielleicht nur Neugierde? Ich parkte also das Auto so gut es ging und stieg mit einem Schirm in der Hand aus. Inzwischen hatte sich der Regen deutlich verstärkt. Sobald es möglich war, überquerte ich die Fahrbahn.

Von weitem nahm ich auf dem Gras einen Schatten wahr und ging in steigender Nervosität näher heran. Ich konnte kaum glauben, was ich sah: Es war eine alte Frau, die vollkommen vom Regen durchnässt und mit schmutzigen Lumpen bedeckt war. Sie konnte nicht aufstehen, sondern schleppte sich mühsam voran. Ich lief schnell zurück zur Straße, um andere Autofahrer um Hilfe zu bitten. Doch zunächst hielt niemand an oder interessierte sich für mich und mein Anliegen. Sicher dachten die Leute, dass bei diesem Wetter auch mancher Übeltäter unterwegs sein könnte… Dazu kam eine eisige Kälte, die alles noch verschlimmerte.

Am Ende hielt doch eine hilfsbereite Familie an und half mir, die Frau hochzuheben und in mein Auto zu tragen. Dann brachte ich sie in das Heim der Salesianer, wo sich die Schwestern ihrer annahmen. Sie gaben ihr saubere und trockene Kleider, ein warmes Essen, eine Decke, ein Dach über dem Kopf und vor allem menschliche Wärme.

Die alte Frau blieb noch einige Tage dort. Man versuchte, etwas über ihre Herkunft, ihren mentalen Zustand, eventuell vorhandene Verwandte und ihr Zuhause zu erfahren. Später stellte sich heraus, dass sie in einem Altersheim lebte, aber, vollkommen verwirrt, von dort fortgelaufen war.

Ich danke Gott dafür, dass er mir den Auftrag und die Kraft gegeben hat, dieser Frau zu helfen und sie vor einem womöglich tragischen Ende zu bewahren.

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