Ein weiterer Schritt zur vollen Einheit der Kirche

Informative Note der Kongregation für die Glaubenslehre zu Personalordinariaten für Anglikaner

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WÜRZBURG, 22. Oktober 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Wir veröffentlichen im Wortlaut die Informative Note der Kongregation für die Glaubenslehre zu Personalordinariaten für Anglikaner, die in die katholische Kirche eintreten.

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Mit der Vorbereitung einer Apostolischen Konstitution reagiert die katholische Kirche auf zahlreiche Anfragen, die dem Heiligen Stuhl von Gruppen anglikanischer Geistlicher und Gläubiger aus verschiedenen Teilen der Welt unterbreitet wurden, die in die volle und sichtbare Gemeinschaft eintreten möchten.

In diese Apostolische Konstitution hat der Heilige Vater eine kanonische Struktur eingefügt, die eine solche korporative Vereinigung durch die Einrichtung von Personalordinariaten vorsieht. Sie wird es vormaligen Anglikanern erlauben, in die volle Gemeinschaft mit der katholischen Kirche einzutreten und gleichzeitig Elemente ihres besonderen spirituellen und liturgischen anglikanischen Erbes beizubehalten. Der Apostolischen Konstitution zufolge wird die pastorale Aufsicht und Führung von solchen Gruppen vormaliger Anglikaner durch ein Personalordinariat sichergestellt, dessen Ordinarius im Allgemeinen aus dem vormaligen anglikanischen Klerus ernannt werden wird.

Die Apostolische Konstitution, die bald veröffentlicht werden wird, stellt eine vernünftige und sogar notwendige Antwort auf ein globales Phänomen dar, indem sie ein einziges kirchenrechtliches Modell für die universale Kirche schafft, das an verschiedene lokale Situatiåonen angepasst werden kann und in seiner universalen Anwendung auch für die vormaligen Anglikaner gilt. Dieses Modell sieht die Möglichkeit vor, vormalig anglikanische verheiratete Geistliche zu katholischen Priestern zu weihen. Historische und ökumenische Gründe lassen sowohl in der katholischen als auch in den orthodoxen Kirchen die Weihe verheirateter Männer zu Bischöfen nicht zu. Die Konstitution legt daher fest, dass der Ordinarius ein Priester oder ein nicht verheirateter Bischof sein kann. Die Seminaristen des Ordinariats werden mit den anderen katholischen Seminaristen ausgebildet, auch wenn das Ordinariat ein Ausbildungshaus schaffen kann, um auf die besonderen Bedürfnisse der Ausbildung im Hinblick auf das anglikanische Erbe einzugehen. Auf diese Weise versucht die Apostolische Konstitution, ein Gleichgewicht zu schaffen zwischen dem Interesse, das wertvolle liturgische und spirituelle anglikanische Erbe zu bewahren, und der Sorge, dass diese Gruppen und ihre Geistlichen in die katholische Kirche eingegliedert werden.

Kardinal William Levada, der Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, der eine solche Verfügung vorbereitet hat, erklärte: „Wir haben versucht, auf gerechte und einheitliche Weise den Anfragen nach einer vollen Einheit entgegenzukommen, die uns in den vergangenen Jahren von ehemals anglikanischen Gläubigen aus allen Teilen der Welt unterbreitet wurden. Mit diesem Vorschlag will die Kirche auf das legitime Streben dieser anglikanischen Gruppen nach voller und sichtbarer Einheit mit dem Bischof von Rom, dem Nachfolger des heiligen Petrus antworten.“

Diese Personalordinariate werden der Notwendigkeit entsprechend nach vorheriger Absprache mit den lokalen Bischofskonferenzen eingerichtet, und ihre Strukturen werden in gewisser Weise denen der Militärordinariate ähneln, die in zahlreichen Ländern errichtet wurden, um die Mitglieder der Streitkräfte und ihre Beschäftigten auf der ganzen Welt seelsorglich zu begleiten. „Die Anglikaner, die mit dem Heiligen Stuhl Kontakt aufgenommen haben, haben klar ihren Wunsch nach einer vollen und sichtbaren Einheit in der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche zum Ausdruck gebracht. Gleichzeitig haben sie uns erklärt, welche Bedeutung die anglikanische Tradition in Bezug auf die Spiritualität und den Gottesdienst für ihren Glaubensweg hat“, sagte Kardinal Levada.

Die Einrichtung dieser neuen Struktur steht in Übereinstimmung mit dem Einsatz für den ökumenischen Dialog, der vor allem durch die Arbeit des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen weiterhin eine Priorität für die katholische Kirche darstellt. „Die Initiative ist von verschiedenen anglikanischen Gruppen ausgegangen“, erklärte Kardinal Levada weiter. „Sie haben erklärt, dass sie den gemeinsamen katholischen Glauben teilen, wie er im Katechismus der Katholischen Kirche zum Ausdruck kommt und dass sie das Petrusamt als ein von Christus für die Kirche gewolltes Element annehmen. Für sie ist die Zeit gekommen, die implizite Einheit in einer sichtbaren Form der vollen Einheit zum Ausdruck zu bringen.“

Kardinal Levada erklärt: „Der heilige Vater Benedikt XVI. hofft, dass die anglikanischen Geistlichen und Gläubigen, die sich die Einheit mit der katholischen Kirche wünschen, in dieser kirchenrechtlichen Struktur die Möglichkeit finden werden, jene anglikanischen Traditionen zu bewahren, die wertvoll für sie sind und die mit dem katholischen Glauben übereinstimmen. Insofern diese Traditionen auf unterschiedliche Weise den gemeinsam bekannten Glauben zum Ausdruck bringen, sind sie ein Geschenk, an dem die universale Kirche teilhaben kann. Die Einheit mit der Kirche erfordert keine Uniformität, die kulturelle Unterschiede ignoriert, wie die Geschichte des Christentums zeigt. Außerdem sind die zahlreichen und verschiedenen Traditionen, die es heute in der katholischen Kirche gibt, alle in dem Grundsatz verwurzelt, den der heilige Paulus in seinem Brief an die Epheser formuliert hat: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe“ (4,5). Unsere Gemeinschaft wird daher durch solche erlaubten Unterschiede gestärkt, und wir freuen uns, dass diese Männer und Frauen ihren besonderen Beitrag zu unserem gemeinsamen Glaubensleben leisten.“

Hintergrundinformation

Seit dem sechzehnten Jahrhundert, als König Heinrich VIII. die Unabhängigkeit von der Autorität des Papstes erklärte, hat die Kirche von England eigene Lehraussagen, eigene liturgische Bräuche und eine eigene pastorale Praxis geschaffen, wobei häufig Ideen der auf dem europäischen Kontinent erfolgten Reform aufgenommen wurden. Die Expansion des britischen Empires führte dann zusammen mit der anglikanischen Missionsarbeit zum Entstehen einer Anglikanischen Gemeinschaft auf internationaler Ebene.

In Laufe der mehr als vierhundertfünfzig Jahre ihrer Geschichte ist die Frage der Wiedervereinigung von Anglikanern und Katholiken niemals vergessen worden. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hat die Oxford-Bewegung (in England) ein erneuertes Interesse für die katholischen Aspekte des Anglikanismus gezeigt. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts führte Kardinal Mercier aus Belgien Gespräche mit den Anglikanern, um die Möglichkeit einer Gemeinschaft mit der katholischen Kirche in der Form eines „wiedervereinten, aber nicht absorbierten“ Anglikanismus zu ergründen.

Beim Zweiten Vatikanischen Konzil erhielt die Hoffnung nach einer Vereinigung weitere Nahrung, vor allem durch das Dekret über den Ökumenismus (Nr. 13), in dem es in Bezug auf die während der Reformationszeit von der katholischen Kirche getrennten Gemeinschaften heißt: „Unter denjenigen von ihnen, bei denen katholische Traditionen und Strukturen zum Teil fortbestehen, nimmt die Anglikanische Gemeinschaft einen besonderen Platz ein“.

Seit dem Konzil haben die Beziehungen zwischen Anglikanern und römisch-katholischer Kirche für ein besseres Klima des gegenseitigen Verständnisses und der Zusammenarbeit gesorgt. Die „Anglican-Roman Catholic International Commission“ (ARCIC) hat im Laufe der Jahre eine Reihe von Lehraussagen verfasst, in der Hoffnung, die Grundlage für eine volle und sichtbare Einheit zu schaffen. Für viele Zugehörige beider Gemeinschaften haben die Erklärungen der ARCIC ein Werkzeug bereitgestellt, in dem der gemeinsame Ausdruck des Glaubens erkannt werden kann. In diesem Rahmen muss die neue Verfügung gesehen werden.

In den Jahren nach dem Konzil haben sich einige Anglikaner von der Tradition abgekehrt, nur Männer zu Priestern zu weihen, und auch Frauen zum Priester- und zum Bischofsamt berufen. Kürzlich haben sich Teile der anglikanischen Gemeinschaft von der allgemeinen biblischen Lehre zur Sexualität – die bereits klar im Dokument „Leben in Christus“ der ARCIC zum Ausdruck kommt – entfernt, indem sie Geistliche, die sich öffentlich zu ihrer Homosexualität bekennen, zu Priestern geweiht und Verbindungen zwischen Personen gleichen Geschlechts gesegnet haben. Während die anglikanische Gemeinschaft diesen neuen und schwierigen Problemen gegenübersteht, setzt sich die katholische Kirche dennoch weiter – besonders durch den Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen – voll für den ökumenischen Dialog mit der anglikanischen Gemeinschaft ein.

In der Zwischenzeit sind viele einzelne Anglikaner in die volle Gemeinschaft mit der katholischen Kirche eingetreten. Manchmal sind auch Gruppen von Anglikanern eingetreten, unter Beibehaltung einer gewissen „korporativen“ Struktur. Das geschah etwa bei der anglikanischen Diözese Amritsar in Indien sowie bei einigen einzelnen Pfarreien in den Vereinigten Staaten, die, wenngleich sie eine anglikanische Identität beibehalten haben, im Rahmen einer sogenannten „Pastoralverfügung“, die von der Kongregation für die Glaubenslehre angenommen und 1982 von Papst Johannes Paul II. genehmigt wurde, in die Katholische Kirche eingetreten sind. In diesen Fällen hat die katholische Kirche oft von der Forderung nach dem Zölibat dispensiert und erlaubt, dass jene verheirateten anglikanischen Geistlichen, die ihr Amt als katholische Priester weiter ausüben wollen, in der katholischen Kirche geweiht werden.

In diesem Kontext können die Personalordinariate, die durch die erwähnte Apostolische Konstitution eingerichtet werden, als ein weiterer Schritt zur Verwirklichung des Wunsches nach der vollen und sichtbaren Einheit in der einen Kirche gesehen werden, die eines der Hauptanliegen der ökumenischen Bewegung ist.

[© Die Tagespost vom 22.10.2009. Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller]