Eine Botschaft für jung und alt: „Die drei Räuber“ nach Tomi Ungerer im Kino

Von José García

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WÜRZBURG, 26. Oktober 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Das Kino entdeckt zurzeit klassische Kinderbücher, die teilweise nach Jahrzehnten erst jetzt den Weg auf die große Leinwand finden. So zuletzt Janusz Korczaks „Der kleine König Macius“ aus dem Jahre 1923, der mit seinen satten Farben und seiner kindgerechten Zeichnung vollends überzeugen konnte. Für sein Erstlingswerk hat sich das 2004 gegründete Studio „Animation X“ ein ebenfalls vor Jahrzehnten erschienenes Kinderbuch ausgesucht: Tomi Ungerers „Die drei Räuber“ (1963, mehr als 500 000 verkaufte Exemplare). Es ist der erste abendfüllende Spielfilm (75 Minuten) nach einem Buch Tomi Ungerers, der neben seinem Beruf als Illustrator (unter anderem für die „New York Times“) mehr als 140 Bücher veröffentlicht hat.



Nicht auf den Kopf gefallen, wittert Tiffany ihre Chance

„Es waren einmal drei grimmige Räuber mit weiten schwarzen Mänteln und hohen schwarzen Hüten.“ So beginnt Ungerers Erzählung. Mit der Donnerbüchse, dem Blasebalg mit Pfeffer respektive dem riesigen roten Beil erregen die drei überall Furcht: „Wenn sie auftauchten, fielen die Frauen um vor Angst, die Hunde zogen den Schwanz ein, und selbst die mutigsten Männer ergriffen die Flucht“. Doch das kleine Waisenmädchen Tiffany legt ihr weiches Herz frei.

Die 32 Seiten lange Erzählung auf Spielfilmlänge umzusetzen, dies war die größte Herausforderung der Filmadaption. Daran arbeiteten die Drehbuchautoren Bettine von Borries und Achim von Borries unter Beteiligung von Tomi Ungerer selbst. So bekam etwa die Leiterin des Waisenhauses, die im Buch ganz kurz erwähnt wird, eine viel größere Rolle. Dadurch wuchs in der Zusammenarbeit mit Ungerer die Waisenhaus-Story zu einer regelrechten Nebenhandlung.

So erzählt der Animationsfilm von der kleinen Tiffany (Stimme: Elena Kreil), die nach dem Tod ihrer Eltern in ein Waisenhaus abgeschoben werden soll, das von einer bösen „Tante“ (Katharina Thalbach) geleitet wird. Um sie vom Friedhof dorthin zu bringen, muss die Kutsche durch den finsteren Wald, in dem die drei Räuber auf der Lauer liegen. Die „grimmigen“ Räuber Malente (Joachim Król), Flinn (Bela B. Felsenheimer) und Donnerjakob (Charly Hübner) überfallen die Kutsche, finden allerdings kein Gold darin, sondern die freche Tiffany mit ihrer Puppe Pimpenella.

Obwohl die drei Räuber wegen des Reinfalls wieder von dannen ziehen wollen, wittert die gar nicht auf den Kopf gefallene Tiffany ihre Chance, dem Waisenhaus zu entgehen. Sie drängt sich den Schurken förmlich auf, die keine andere Wahl haben, als das kleine Mädchen in ihre Höhle zu führen. Parallel dazu ist im Waisenhaus die Aufregung groß, als der Kutscher der „wunderlichen Tante“ von der Entführung erzählt. Wie Tiffany selbst durch ein Fernrohr sehen kann, werden dort die Waisenkinder zur Zwangsarbeit gezwungen: Sie müssen aus Zuckerrüben Sirup herauspressen, damit die Waisenhaus-Leiterin für sich feinste Süßigkeiten herstellen kann. Unter Tiffanys Anleitung machen sich die drei Räuber auf, die Kinder zu befreien.

Wie in so vielen Märchen wandeln sich die vermeintlichen Schurken durch das unschuldige Kind zu liebenswürdigen alten Männern. Durch Liebe und Zuwendung erweicht das Mädchen das Herz der „grimmigen Räuber“. Visualisiert wird dies etwa dadurch, dass Tiffany das finstere, dunkle Zuhause der Räuber in eine farbenfrohe Wohnung verwandelt. Dem steht das unheimliche Waisenhaus gegenüber, das mit abstrusen Maschinen und Fabrikschloten ausgestattet ist, aus denen schwarzer Rauch emporsteigt.

Diesen Kontrast hat „Die drei Räuber“ auch mit vielen Märchen gemeinsam: Am Ende siegt das Gute über das Böse, auch wenn es sich vermeintlich böser Kreaturen wie der Räuber bedient. Oder, wie Tomi Ungerer selbst ausführt: „Das Böse kann etwas vom Guten lernen, und das Gute das Böse verstehen lernen.“

Neben der mit großer Sorgfalt ausgeführten Zeichnung, den satten Farben und der schönen „Räubermusik“ überzeugt eine Animation, die sich für viele Details und skurrile Einfälle Zeit lässt. Im Gegensatz zu den dreidimensionalen, im Computer erzeugten Filmen etwa des Pixar-Studios entstand sie passend zum Stil des Bilderbuchs in klassischen, handgefertigten zweidimensionalen Zeichentrick-Zeichnungen.

„Die drei Räuber“ ist ein künstlerisch anspruchsvoller Film, der kindgerecht eine schöne Botschaft transportiert, die durchaus ebenfalls Erwachsene anspricht.

[© Die Tagespost vom 26. Oktober 2007]