Eine Ehe wird geheilt

Priestererlebnis von Uriel Medina Romero, Mexiko

Wien, (ZENIT.org) | 494 klicks

In den ersten Monaten nach meiner Priesterweihe kam eine Frau zu mir, an die ich mich noch sehr gut erinnern kann: Groß, jung und schön, aber ihr Blick drückte Traurigkeit und eine existentielle Leere aus. Sie sagte zu mir: „Ich komme aus der Nachbarstadt und möchte mit einem Priester sprechen.“ So begann unser Gespräch, in dem sie mir ihre Lage schilderte: „Ich bin verheiratet, habe zwei Töchter und seit dreizehn Jahren habe ich nicht mehr mit meinem Mann gesprochen.“ „Ist er in die Vereinigten Staaten ausgewandert?“ „Nein, er wohnt bei uns zuhause, aber wir sprechen nicht miteinander.“

Sie erzählte mir ihre traurige Geschichte und ich hörte aufmerksam zu. Ihr Herz war voller Enttäuschung, Hass und Rachegedanken. Als sie beendet hatte, nahm ich die Bibel in die Hand und las ihr einige Stellen vor, die ich für wichtig hielt: über die Liebe Gottes zu den Menschen, über Vergebung, Nächstenliebe und die eheliche Liebe. Sie hörte mir aufmerksam zu, aber am Ende sagte sie mir: „Nein, Padre, das gilt alles nicht für mich: Ich vergebe ihm nicht und noch weniger werde ich ihn bitten, mir zu verzeihen.“

Ich fragte sie: „Kochen Sie für ihn mittags und abends das Essen?“

„Ich stelle ihm das Essen auf den Tisch, und wenn er will, isst er es, sonst kann er es ja auch wegwerfen.“

„Und, isst er?“

„Früher schon, aber in letzter Zeit isst er immer bei seinen Schwestern.“

„Und wenn Sie Geld für die Familienausgaben und für Essen brauchen, wie verhält er sich dann? Bitten Sie ihn darum?“

„Na ja, er legt mir dann etwas auf den Tisch, ohne ein Wort zu verlieren. Ich nehme es und zahle damit die Auslagen und die Rechnungen für das Haus.“

„Und wenn Sie sich küssen oder umarmen wollen?“

„Das passiert schon seit dreizehn Jahren nicht mehr…“

„Und Ihre Töchter?“

„Sie sind im Jugendalter und leben bei uns. Aber ich versichere Ihnen, dass auch sie nicht glücklich sind. Sie nehmen wahr, dass zwischen ihren Eltern Traurigkeit und Hass herrschen… Padre, ich denke, dass es für die ganze Situation keine Lösung mehr gibt.“

Ich gab die Hoffnung nicht auf und las ihr weiter passende Stellen aus dem Evangelium vor. Außerdem gab ich ihr noch Ratschläge, wie sie ein versöhnendes Gespräch mit ihrem Mann beginnen könnte, und bat sie auch um die Erlaubnis, für sie zu beten. Dann legte ich ihr meine Hände auf den Kopf und sprach ein Gebet – mit bewusst lauter Stimme, weil sie aufmerksam zuhören sollte. So betete ich etwa zehn Minuten lang und am Ende fragte ich sie, ob sie bereit wäre, ihrem Mann zu verzeihen. Ihre knappe Antwort darauf: „Nein, nie.“

Da begann ich, noch einmal für sie zu beten, aber diesmal leise. Beim Weggehen war sie sichtlich gerührt, aber unter Tränen sagte sie mir, dass sie sich niemals mit ihrem Mann versöhnen wolle.

Etwa vierzehn Tage später sah ich sie Hand in Hand mit einem großen Mann ins Pfarrhaus kommen. Mir schien, als ob sie in etwa gleich alt wären. Die Frau begrüßte mich herzlich und sagte dabei: „Padre, ich stelle Ihnen meinen Mann vor. Ich habe das getan, was Sie mir rieten, und daraufhin haben wir uns versöhnt.“ Ich war sprachlos. Ihr Mann fügte hinzu: „Sie können mir glauben, dass wir nun die zweiten Flitterwochen erleben, und die sind viel schöner als die ersten. Wir hatten uns wegen Kleinigkeiten auseinandergelebt…“

Während wir uns unterhielten, zeigten beide große Freude und Gefühle füreinander, wie sie verliebte Pärchen an den Tag legen. Ich wiederholte nur immer wieder bei mir: „Danke, Herr, dass du mich zum Priester berufen hast!“ Dabei konnte ich es nicht verhindern, dass mir Tränen über die Wangen liefen.

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