"Eine Kirche, die auf alles eine Antwort hat, ist nicht glaubwürdig"

Kardinal Marx plädiert für neue Haltung in der Evangelisierung / Vollversammlung des Landeskomitees

Freising, (ZENIT.org) | 323 klicks

Nach der Ansicht von Kardinal Reinhard Marx muss die Kirche in der Verkündigung des Evangeliums eine neue Haltung einnehmen: „Eine Kirche, die alles weiß, die auf alles eine Antwort hat, ist nicht glaubwürdig“, sagte der Erzbischof von München und Freising bei der Vollversammlung des Landeskomitees der Katholiken in Bayern in Freising am Freitagabend, 4. April. Die Wahrheit des Glaubens sei „nicht einfach ein System, das wir verteidigen, sondern die Person Jesu Christi, der wir begegnen.“ Das Evangelium könne man „nicht verkündigen, indem man den Katechismus in die Hand nimmt, sondern indem man das ganze Leben in die Waagschale wirft und dem Menschen Heil zuspricht“. 

Marx warnte vor starrem Beharren und Festhalten an Althergebrachtem: „Wenn wir wahrgenommen werden als eine Institution, die ihre Wahrheit verteidigt, ist das schief. Dann ist das Häuserkampf und nicht Evangelisierung. Es geht vielmehr um den Mut, in das Leben hineinzugehen – aber nicht ohne Anspruch.“ In diesem Zusammenhang warnte er vor einem Zerwürfnis bei der Diskussion über den Zugang wiederverheiratet Geschiedener zu den Sakramenten: „Ich habe große Sorge, dass das zu einer großen ideologischen Schlacht wird. Es bahnt sich an.“ Er appellierte an die Vertreter des Laienapostolats, sich zu bemühen, das Thema einmütig zu diskutieren.

Bei der Weitergabe des Glaubens stehe die Kirche vor eine großen Herausforderung: „Wir erleben einen großen Transformationsprozess des religiösen Lebens und der ganzen Gesellschaft in Deutschland“, sagte Marx. Es gehe um eine Gesellschaft, „die mehr verbindet als eine Fußball-Weltmeisterschaft oder das Streben nach Wohlstand“. Die Pastoral der Kirche sei „viel radikaler in Frage gestellt, als wir vermuten“. Die Seelsorge gehe immer noch sehr stark von „Selbsterhaltung“ aus, dabei gehe es eigentlich um „die Zukunft des gesamten christlichen Glaubens in unserem Land und darum, was er bedeuten soll“. Die Frage sei nicht, „wie rette ich meine Pfarrei“, sondern, „ob eine moderne Gesellschaft mit vielfältigen Möglichkeiten auf Dauer zusammenhalten“ könne.

Zur pastoralen Herausforderung gehöre auch die Integration der Armen. Damit seien „nicht nur die materiell Armen, sondern auch die Kranken, die Suchenden, die Dementen, die Schwachen“ gemeint: „Wenn diese keinen Platz mehr in der Kirche haben, dann sind wir nicht mehr die Kirche Jesu Christi.“ 

In der Frage der Kirchenfinanzen bekräftige Marx seine Forderung nach Transparenz. Die Kirche müsse deutlich machen, dass ihre finanziellen Mittel einer dreifachen Zweckbindung unterliegen: der Verkündigung des Evangeliums, auch in den Bereichen Kunst, Kultur und Kirchenbau, der Sorge für die Armen und dem Unterhalt der Menschen, die für die Kirche arbeiten. Die Kirche müsse ihr Vermögen nachhaltig anlegen, um von den Erträgen ihre Aufgaben zu finanzieren: „Alle reden von nachhaltiger Finanzwirtschaft, aber keiner macht es“, kritisierte Marx mit Blick auf die staatlichen Haushalte: „Wir als Kirche müssen aber auch an die Armen in 100 Jahren denken, an die Kirchen in 100 Jahren und an die Pfarreien in 100 Jahren.“ (ck/kel)

(Quelle: Webseite des Erzbistums München und Freising)