"Eine Klärung ist immer befreiend"

Rainer Maria Kardinal Woelki zu den Umfrageergebnissen des Vatikans

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 333 klicks

In einem Interview mit der Tageszeitung „Frankfurter Allgemeine Zeitung” (FAZ) nahm Rainer Maria Kardinal Woelki, Erzbischof von Berlin, Stellung zu Fragen der Sexuallehre und zu den Ergebnissen der Vatikanumfrage.

Kardinal Woelki erklärte, auf Sexszenen in Filmen angesprochen: „Sexualität gehört zum menschlichen Leben und ist ein Wesenselement unserer Persönlichkeit. Ich gehöre nicht zu denen, die dann wegschauen. Allerdings ist es schade, dass man heute vielfach zu glauben meint, solche Szenen gehörten immer unbedingt dazu. Man kann auch gute Filme machen ohne Sexszenen, zumal manche Sexszenen menschenentwürdigend sind.“

Zur Umfrage des Vatikans teilte Kardinal Woelki mit, dass er in seiner Diözese zur Beteiligung aufgerufen habe. Mehr als 700 Antworten von Pfarrgemeinderäten, Verbänden, Familienkreisen und auch von einzelnen Katholiken seien eingegangen. Die Menschen seien erstaunt und dankbar gewesen, dass sie sich hätten beteiligen können. „In den Antworten erkenne ich ein tiefes Ringen der Menschen um diese nicht einfachen Lebensfragen. Da wird nicht einfach gesagt, dass alles, was die Kirche lehrt, Unfug sei, es werden Probleme benannt. Die Aussagen, die wir für das Erzbistum Berlin zusammengefasst haben, decken sich mit dem, was von der Bischofskonferenz als Gesamtbild veröffentlicht wurde.“

Kardinal Woelki empfindet es als schwierig, voreheliche Lebensgemeinschaften „nur auf das Sexuelle zu reduzieren“. Er erklärte dazu: „Als Menschen sind wir Abbild Gottes. Dazu gehört, dass wir einen freien Willen haben und Entscheidungen treffen können, die endgültig sind. Das macht unsere Würde als Person aus. In der Entscheidung für die sakramentale Ehe leuchtet das unverbrüchliche Ja Gottes zum Menschen und zu seiner Schöpfung auf, in der Liebe zwischen Frau und Mann. Ich entscheide mich für einen Menschen, auf Dauer, ein für alle Mal. Jeder von uns sehnt sich nach Annahme und danach, bedingungslos geliebt zu werden. Das will die christliche Ehe sakramental erfahrbar und erlebbar machen.“

Auf den Einwand hin, dass viele junge Menschen sich zu einem Zusammenleben vor der Ehe entschlössen, um sich zu prüfen, entgegnete der Kardinal: „Natürlich ist es wichtig, sich richtig kennenzulernen, so dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, wo ich verantwortet Ja zum anderen sagen kann. Ein Ja, das auf Dauer trägt. Aber es ist doch nicht wahr, dass wir wirklich schon alle später möglichen Lebenssituationen gewissermaßen vorab durchleben können. Ich glaube, von Johannes Paul II. stammt der Gedanke, dass wir nicht nur auf Probe leben, nur auf Probe sterben, nicht nur auf Probe lieben können. Wir können also auch einen Menschen nicht nur auf Probe und auf Zeit annehmen.“

Entsprechend sieht Kardinal Woelki den Raum für Sexualität im Rahmen der sakramentalen Ehe: „Das gegenseitige Sich-Schenken als Dimension menschlicher Sexualität gehört unserer Glaubensüberzeugung nach in die sakramentale Ehe hinein. Ich glaube, dass es auch heute die gibt, die dafür offen sind.“

Kardinal Woelki ist sich bewußt, dass es Christen gibt, die erst sündigen und dann beichten. „ … für Christen, die entschieden und bewusst leben, kann das keine Verhaltensnorm sein. … Dafür müssen wir werben: für ein Leben, das sich von dem, was heute üblich geworden ist, unterscheidet. Es gehört zum christlichen Glauben dazu, dass wir nicht sagen: Wir auch, sondern: Wir anders!“

Nur drei Prozent der Paare machen von der in der Enzyklika „Humanae Vita“ aus dem Jahr 1968 erlaubten natürlichen Verhütung, die sich an den fruchtbaren Tagen der Frau orientiert, Gebrauch. Kardinal Woelki erklärte dazu: „Humanae Vitae gilt immer noch. Es ist ja auch nicht völlig abwegig, was da drinsteht. … So verstehe ich Humanae Vitae: Die Enzyklika zeichnet ein Bild von Liebe und Sexualität, das gerade die Würde des Einzelnen hervorhebt. Im Übrigen bin ich kein Religionswächter, der die Schlafzimmer kontrollieren will.“

Auf die Zukunft bezogen äußerte Kardinal Woelki: „Papst Franziskus hat dadurch eine – wie ich hoffe – heilsame Verunsicherung ausgelöst. Nun wird es darum gehen, sich der kirchlichen Lehre in diesen Fragen zu vergewissern. Dann müssen wir Formen und eine Sprache finden, um unsere positive Sicht von Liebe und Sexualität, Ehe und Familie verständlich zum Ausdruck zu bringen.“

An der Lehre, so der Kardinal, werde wohl nichts geändert werden, „weil wir hier unter dem Wort Jesu stehen, unter einem göttlichen Gebot. Dadurch sind jedem Papst, jeder Synode und jedem Bischof Grenzen gesetzt.“ Wichtig sei es aber, die Hilfen für Paare in Schwierigkeiten zu verstärken und eine bessere und intensivere Ehevorbereitung zu garantieren. „Ich sehe da große Defizite.“

Vor allem in der Jugendarbeit müsse verstärkt über „verantwortungsbewusste Partnerschaft, Sexualität und Liebe, über unsere christliche Sicht von Ehe“ gesprochen werden. „Wir müssen die Erfahrungen ernst nehmen, die Jugendliche machen, ihre Sicht der Dinge. Wir müssen aber auch versuchen, für unsere kirchliche Sicht zu werben und das darin Befreiende zum Ausdruck zu bringen.“ Kardinal Woelki betonte: „In der Gemeindekatechese oder auch im Firmunterricht dürfen wir das Thema Sexualität nicht aussparen, wenn es um Fragen der Identität, des Erwachsenwerdens geht. Sonst treten unsere Ehe- und Lebensberatungsstellen erst in Erscheinung, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.“

Zur Zeit werden die Lehrpläne der Schulen so umgearbeitet, dass alle Formen menschlicher Sexualität gleichberechtigt werden. Deshalb müsse die Kirche im Religionsunterricht oder an anderen Orten ihre Haltung entgegensetzen, so der Kardinal.

Statt Verbotsethik spricht man nun von beratender Ethik. Kardinal Woelki räumte dazu ein, dass sich bereits Johannes Paul II. „gegen eine Leibfeindlichkeit gewandt“ habe, und er fügt hinzu: „Wir können Normen natürlich nicht einfach der Lebenswirklichkeit anpassen. Wenn wir in der Vergangenheit von etwas überzeugt waren, wird es jetzt nicht automatisch falsch. Wir müssen uns allerdings fragen, was wir falsch gemacht haben, wenn andere es nicht erkennen können.“

Die Klärung empfindet Kardinal Woelki als befreiend. „Eine Klärung ist immer befreiend. Die Wahrheit wird euch freimachen, heißt es im Evangelium. Das ist jetzt unsere Aufgabe.“