Eine militärische Intervention wäre "Machtmissbrauch"

Interview mit Pater Adolfo Nicolás SJ, Generaloberer der Jesuiten, über Syrien und den Frieden

Rom, (ZENIT.org) | 718 klicks

Im Folgenden veröffentlichen wir die deutsche Übersetzung eines von John Pontifex, von „Independent Catholic News“, geführten Interviews mit dem Generaloberen der Gesellschaft Jesu, Pater Adolfo Nicolás SJ.

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Der Heilige Vater richtete einen ungewöhnlichen Aufruf zum Wohl des Friedens in Syrien gerichtet. Wie stehen Sie persönlich dazu?

Pater Adolfo Nicolás: Gewöhnlich gebe ich keine Stellungnahmen zu internationalen oder politischen Fragen ab. In diesem Fall sind wir jedoch mit einer humanitären Frage konfrontiert, zu der ich angesichts ihrer Tragweite nicht schweigen kann. Es ist mir, offen gesagt, unverständlich, mit welchem Recht die Vereinigten Staaten oder Frankreich gegen ein Land in einer Art und Weise vorgehen, die das Leiden einer bereits gehörig geprüften Bevölkerung zweifellos verstärken wird. Gewalt und Gewaltakte wie jener, der sich in Vorbereitung befindet, sind lediglich als letzter Ausweg und nur dann vertretbar, wenn sich daraus nur für die Schuldigen Folgen ergeben. Im Falle eines Landes ist dies selbstverständlich unmöglich und meines Erachtens daher vollkommen inakzeptabel. Das Vorgehen des Papstes erhält von uns Jesuiten uneingeschränkte Unterstützung. Wir wünschen uns aus ganzen Herzen, dass der angekündigte Angriff gegen Syrien nicht stattfinden wird.

Trägt die Welt nicht die Verantwortung, gegen jemandem vorzugehen, der Machtmissbrauch gegen das eigene Volk begeht, wie im Falle einer Regierung, die bei Auseinandersetzungen chemische Waffen einsetzt?

Pater Adolfo Nicolás: Hier handelt es sich um drei verschiedene Aspekte, die einer klaren Trennung bedürfen. Der erste bezieht sich auf die Tatsache, dass jeder Machtmissbrauch verurteilt und abgelehnt werden muss. Bei allem Respekt für das Volk der Vereinigten Staaten glaube ich jedoch, dass der in Vorbereitung befindliche militärische Einsatz einen Machtmissbrauch darstellt. Die Vereinigten Staaten Amerikas sollen damit aufhören, Verhaltensweisen und Reaktionen wie der große Bruder des globalen Dorfes an den Tag zu legen. Dies führt zwangsläufig zu Missbrauch, Belästigung und Schikanen gegen die Schwächsten der Gemeinschaft.

Der zweite Aspekt besteht darin, dass wir aufgrund der Verwendung chemischer Waffen die Verpflichtung haben, der gesamten Welt klar vor Augen zu führen, dass diese nur von einer Konfliktpartei und nicht von der anderen eingesetzt wurden. Es genügt nicht, dass von einigen interventionswilligen Mitglieder der Regierung des Landes ein Schuldspruch ergeht. Der Welt muss gezeigt werden, dass kein Zweifel darüber besteht, sodass die Welt Vertrauen in sie setzt. Dieses Vertrauen ist heute nicht vorhanden, und es existieren bereits Spekulationen über andere Gründe für die vorgesehene Intervention der Vereinigten Staaten.

In dritter Hinsicht gilt es zu bedenken, dass die für die Bestrafung des Missbrauchs als geeignet befundenen Mittel den Opfern des nachgewiesenen ursprünglichen Missbrauchs keinen Schaden zufügen dürfen. Die Erfahrung der Vergangenheit lehrt uns, dass dies praktisch unmöglich ist (selbst wenn wir den Euphemismus „Kollateralschaden“ für die Bezeichnung der Opfer verwenden), und die Folge ist eine Zunahme des Leidens unter dem unschuldigen und nicht am Konflikt beteiligten Volkes. Wir alle wissen, dass die große Sorge der Weisen und Ordensgründer aller Traditionen und Kulturen die Frage war, wie das menschliche Leiden zu mindern sei. Der Umstand, dass im Namen der Gerechtigkeit ein Anschlag geplant wird, der die Leiden der Opfer vergrößern wird, ist sehr besorgniserregend.

Ist dies nicht ein zu hartes Urteil gegen die Vereinigten Staaten?

Pater Adolfo Nicolás: Ich denke nicht. Ich hatte diesem großen Land gegenüber niemals Vorurteile und bin derzeit beruflich mit einigen US-amerikanischen Jesuiten in Kontakt, vor deren Ansichten und Zusammenarbeit ich sehr viel halte. Niemals hegte ich den Vereinigten Staaten gegenüber negative Gefühle. Vielmehr bewundere ich dieses Land aus verschiedenen Gründen, unter anderem für den Einsatz, die Spiritualität und das Denken. Was mich besorgt, ist die Tatsache, dass gerade dieses Land, das ich aufrichtig bewundere, Gefahr läuft, einen großen Fehler zu begehen. Dasselbe könnte ich über Frankreich sagen: Dieses Land war ein wahrer Führer in Bezug auf Spiritualität und Verstand. Es hat einen bedeutenden Beitrag für die Zivilisation und die Kultur geleistet und ist nun versucht, die Menschheit in einem offenen Widerspruch zu seiner unermesslichen Bedeutung für viele Generationen zurück in die Barbarei zu führen. Diese beiden Länder vereinen sich nun zu einer derart verletzenden Entscheidung, dass sie den Zorn vieler anderer Staaten auf sich ziehen. Wir haben keine Angst vor dem Angriff, doch wir haben Angst vor der Barbarei, auf die wir zusteuern.

Warum kommen diese Worte jetzt?

Pater Adolfo Nicolás: Die Gefahr besteht in diesem Augenblick. Der Heilige Vater trifft außergewöhnliche Vorkehrungen, um uns die Dringlichkeit des Momentes bewusst zu machen. Die Ausrufung des siebten Septembers zu einem Fast- und Gebetstag für Syrien ist eine außergewöhnliche Maßnahme, und wir wollen uns ihmanschließen. Wir können uns an eine Stelle des Evangeliums erinnern, in der die Jünger vergeblich versuchen, einen jungen Mann von einem bösen Geist zu befreien und Jesus zu ihnen sagt: „Dieser Geist kann nur mit Hilfe des Gebetes und des Fastens vertrieben werden.“ Die Tatsache, dass ein Land, das sich zumindest namentlich als christlich bezeichnet, in einer Konfliktlage keine andere Lösung als eine Militäraktion erkennt und eine Rückkehr zum Gesetz des Dschungels einleitet.