Eine moderne Kathedralschule für Paris - das Collège des Bernardins

Von Harm Klueting

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WÜRZBURG, 12. September 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Nach sieben Jahren Restaurierung öffnet an diesem Wochenende das ehemalige Zisterzienserkolleg in der Pariser rue de Poissy im V. Arrondissement seine Pforten. In den Räumen des Collège des Bernardins hat die Erzdiözese Paris ein Bildungs- und Kulturzentrum eingerichtet. Drei Tagen der offenen Tür stimmen die Stadt auf den Höhepunkt der Feierlichkeiten ein: Benedikt XVI. wird am 12. September eine Rede vor 650 Wissenschaftlern, Künstlern und Medienvertretern halten.



Von den ältesten, seit dem 12. und im 13. Jahrhundert entstandenen Universitäten Europas waren die Hohen Schulen Italiens und Südfrankreichs – Bologna, Padua, Neapel, Toulouse – vor allem Stätten des gelehrten Rechts. Seit dem 12. Jahrhundert wurde hier die Sammlung des Kirchenrechts des Gratian, das „Decretum Gratiani“, zur Grundlage der Kanonistik, während die Auslegung des „Corpus Iuris civilis“ des römischen Kaisers Justinian I. das Zivilrecht entstehen ließ. Die Universitäten nördlich der Alpen – Paris, Oxford, Cambridge – waren in besonderem Maße Orte theologischer Studien. Das galt vor allem für die seit dem späten 12. Jahrhundert aus der Kathedralschule von Notre-Dame und den Schulen der Augustinerabteien Saint-Victor und Sainte-Geneviève (heute Panthéon) hervorgegangene Universität von Paris. So kam es zu der einzigartigen Bedeutung von Paris für die abendländische Theologie im 13. Jahrhundert.

Eine lange Liste renommierter Lehrer prägten die Stadt

In Paris traten die Klostertheologie mit ihrer auf Meditation und Gebet gerichteten „lectio divina“ und die Schultheologie mit ihrer verstandesorientierten Lehrmethode der „disputatio“ auseinander. Seit 1114 hatte Petrus Abaelard an Notre-Dame gelehrt, dem der Zisterzienser Bernhard von Clairvaux theologischen Rationalismus vorwarf. Seit 1215 wurde in Paris das Sentenzenwerk des Petrus Lombardus – auch er seit 1145 Lehrer an Notre-Dame und 1159 Bischof von Paris – zum Standardlehrbuch der Theologie erhoben und blieb es in der ganzen lateinischen Christenheit bis ins 16. Jahrhundert, vor allem durch Alexander von Hales, der seit 1210 in Paris lehrte. Seit 1245 dozierte Albertus Magnus in Paris, bis er 1248 mit seinem Schüler Thomas von Aquin nach Köln ging, der 1252 nach Paris zurückkehrte und dort 1256 Magister der Theologie wurde, aber – hineingezogen in den Medikantenstreit um die Lehrberechtigung der Bettelorden – erst 1257 gemeinsam mit Bonaventura in das Kollegium der Magister genannten Professoren aufgenommen wurde. Thomas von Aquin und Bonaventura waren die führenden Köpfe der Hochscholastik.

In Paris, wo es um 1200 gut dreitausend Studenten – ein Zehntel der Bevölkerung der Stadt – und 148 Magister gab, wurde auch die Gliederung der Universitäten in die vier Fakultäten der Theologie, des Rechts, der Medizin und der „Artes“ oder der Philosophie entwickelt.

In Paris entstanden auch – lange vor Oxford mit seinem University College von 1249 – die universitären Kollegien – Wohn- und Arbeitsgemeinschaften von Magistern und Studenten mit beinahe klösterlicher Lebensform. 1180 wurde das Collège des Dix-Huit oder Collège de Notre-Dame gegründet, 1208 gefolgt vom Collège des Bon-Enfants. Das berühmteste Pariser Kolleg wurde das 1253 von dem aus Sorbon in den Ardennen stammenden Hofkaplan König Ludwigs des Heiligen, Robert de Sorbon, gegründete Collège de Sorbonne, das der Pariser Universität den volkstümlichen Namen „Sorbonne“ gab. Mit der nach 1968 erfolgten Aufteilung der Universität Paris in dreizehn Universitäten erhielt dieser Name als Bezeichnung der „Université Paris IV-Sorbonne“ offiziellen Charakter. Bis zur Revolution 1789 gab es in Paris weit mehr als fünfzig Kollegien, darunter das Collège de Montaigu von 1314, an dem Erasmus von Rotterdam, Jean Calvin und Ignatius von Loyola studierten, das 1563 gegründete, später Collège Louis-le-Grand genannte Collège de Clermont der Jesuiten und das 1661 eingerichte Collège des Quatre Nations oder Collège Mazarin.

Als eines der ältesten Kollegien der Pariser Universität entstand 1245 das Collège des Bernardins, eine Gründung des Zisterziensers Stephen of Lexington. Der 1258 gestorbene Engländer, seit 1242 Abt des Zisterzienserkloster Clairvaux und vor seinem Ordenseintritt Student in Paris und in Oxford, hatte die Lage erkannt: Der Siegeszug der Philosophie und der Theologie der Scholastik mit ihrem Zentrum in Paris und das Aufkommen der studienorientierten Bettelorden, vor allem der Dominikaner seit 1215, aber auch der Franziskaner, die seit dem Ordenseintritt Alexanders von Hales 1235 an der Pariser Universität Fuß fassten, verlangten eine Reform der theologischen Bildung der Zisterzienser. Mit klosterinternen Studien war das nicht mehr zu leisten.

Als Abt von Clairvaux, einem der vier Primarabteien der Zisterzienser unter dem Mutterkloster Cîteaux, schrieb Stephen die Einrichtung eines „studium theologiae“ vor, wie es mit dem Pariser Collège Gestalt annahm. Papst Innozenz IV. bestätigte die Gründung 1245, wie sein Nachfolger Alexander IV. die Bestrebungen des Abtes von Clairvaux unterstützte. In den Zisterzienserklöstern war aber die Tradition des 1153 gestorbenen Bernhard von Clairvaux lebendig, der gegen die rationale Erörterung von Glaubenswahrheiten eingetreten war und in der scholastischen Theologie unerlaubte Wissbegierde im Sinne des „curiositas“-Begriffs des heiligen Augustinus gesehen hatte. So scheiterte Stephen mit seiner Studienreform und wurde abgesetzt. Das Collège des Bernardines – die Zisterzienser wurden nach Bernhard von Clairvaux auch Bernhardiner genannt – blieb aber bestehen. Zwischen der Tradition Bernhards von Clairvaux und den von Stephen von Lexington gesehenen Erfordernissen wurde das Collège ein Ort des Dialogs zwischen monastischer und scholastischer Theologie. Bis zur Französischen Revolution haben junge Zisterzienser in großer Zahl im Collège des Bernardins und an der Universität Paris Philosophie und Theologie studiert.

Das Collège des Bernadins lag im heutigen V. Arrondissement von Paris auf dem linken Ufer der Seine – nicht weit von der Kirche St-Julien-le-Pauvre, in deren Schatten die Vorlesungen der Universität stattfanden, die über kein eigenes Hörsaalgebäude verfügte – an der heutigen Rue de Poissy, die von der Rue des Ecoles, den Boulevard Saint-Germain kreuzend, auf das Ufer der Seine zuläuft. An der Rue de Poissy steht noch heute das Bauwerk des Collège des Bernardins, ein Juwel der Gotik aus dem 13. Jahrhundert.

In der Zeit der Französischen Revolution wurden, nach der im Februar 1792 erfolgten Aufhebung der Theologischen Fakultät von Paris, im September 1793 auch die Kollegien aufgelöst, darunter das Collège des Bernardins, dessen Gebäude in staatlichen Besitz überging. Nur zwei Kollegien blieben bestehen, das Collège Louis-le-Grand, heute das Gymnasium Lycée Louis-le-Grand, und das 1530 gegründete, von Anfang an von der Universität getrennte Collège Royale, heute unter dem 1795 eingeführten Namen Collège de France eine der bedeutendsten Wissenschaftsinstitutionen Frankreichs. Das Collège des Bernardins wurde Gefängnis. Seit 1845 diente es als Kaserne der Pariser Feuerwehr. 2001 kaufte das Erzbistum Paris unter dem 2007 gestorbenen Erzbischof Jean-Marie Kardinal Lustiger das eine Fläche von gut 5 000 Quadratmetern einnehmende Bauwerk mit Garten von der Stadt Paris. Kardinal Lustiger hatte schon seit den 1990er Jahren den Plan verfolgt, an diesem Ort mittelalterliche Theologie und Philosophie eine Stätte des Dialogs von Glauben und moderner Kultur einzurichten.

Heimstatt der Kathedralschule von Paris

Um die notwendigen Mittel aufzubringen, trennte sich das Erzbistum Paris von anderem Immobilienbesitz in Paris. Seit 2002 folgte eine architektonisch und technisch eindrucksvolle Restaurierung, die das gotische Bauwerk voll zur Geltung bringt und zugleich moderner Haus-, Klima- und Kommunikationstechnik Rechnung trägt. Das neue Collège des Bernardins ist ein Ort kirchlicher Bildungsarbeit mit Bibliothek, Hörsälen, Seminarräumen und Begegnungsmöglichkeiten mitten in der Weltstadt Paris. Das Collège ist aber auch Heimstatt der 1984 von Kardinal Lustiger gegründeten École Cathédrale (Kathedralschule) und ihrer in der heutigen Form seit 2005 bestehenden Faculté de Notre-Dame, einer kirchlichen Bildungsinstitution, die als Bildungshaus des Erzbistums Paris die Aufgaben einer Katholischen Akademie als offener Einrichtung kirchlicher Erwachsenenbildung mit denen einer katholischen Hochschule – neben dem seit 1875 bestehenden Institut Catholique de Paris – verbindet und das Theologiestudium mit dem Erwerb kanonischer akademischer Grade bis hin zum Doktorat ermöglicht. Am Freitagabend hat der Erzbischof von Paris, André Kardinal Vingt-Trois, das neue Collège des Bernardins eröffnet.