Eine Öffnung von globaler Dimension: Das vatikanische Geheimarchiv gibt die gesamten Aktenbestände aus dem Pontifikat Pius XI. frei

Von Thomas Brechenmacher

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WÜRZBURG, 12. Oktober 2006 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Papst Benedikt XVI. bleibt der Archivpolitik seines Vorgängers Johannes Paul II. treu: Zum ersten Mal unter dem neuen Papst gab das Vatikanische Geheimarchiv – das bedeutendste und größte unter den zahlreichen Archiven der Kurie – am 18. September Dokumente frei.



Eigentlich war diese „Apertura“ eine Vollendung. Abweichend von der bis dahin üblichen Praxis hatte Johannes Paul II. für 2003 angeordnet, nicht das gesamte Aktenmaterial eines Pontifikates, sondern nur dessen im engeren Sinn auf Deutschland bezüglichen Teil der Forschung zu öffnen. Diese päpstliche Entscheidung war für sich genommen schon aufregend genug, handelt es sich bei dem Pontifikat doch um dasjenige Pius‘ XI. (1922–1939) und beinhalten die „deutschen“ Akten dieser Zeit doch die gesamte Politik des Heiligen Stuhls gegenüber dem Nationalsozialismus bis zum Februar 1939. Freilich war die Teilfreigabe des Jahres 2003 von Historikern wie Archivaren auch kritisch kommentiert worden: Eine sinnvolle Bewertung der auf Deutschland bezüglichen vatikanischen Akten könne doch nur vor dem gesamteuropäischen Kontext der 1920-er und 1930-er Jahre vorgenommen werden. Die Teilfreigabe fördere isolierte, historisch nicht korrekte Urteile. Das Motiv für die ungewöhnliche Vorgehensweise lag im politischen Willen des Papstes, der demonstrieren wollte, dass der Vatikan durch eine Öffnung seiner Akten nichts zu befürchten habe.

Seit dem 18. September dürfte die Kritik von 2003 im Wesentlichen verstummt sein, stehen doch nun alle Dokumente des „Archivio Segreto“ aus dem Pontifikat Pius‘ XI. den Wissenschaftlern offen. Damit weitet sich die Perspektive auf die Jahre 1922 bis 1939 ins nachgerade Weltpolitische. Verglichen mit der Öffnung von 2003 umfasst die jetzige Freigabe Material schier unglaublichen Umfangs: Etwa dreißigtausend Aktenfaszikel harren der Bearbeiter. An der Katalogisierung der Bestände arbeiteten die Archivare jahrelang. Wohlfeile Beanstandungen über die „restriktive“ Archivpolitik des Vatikans ignorieren allzu gerne diese wichtige Voraussetzung für Forschungen in Archiven. Nur auf verzeichnete Dokumente können Wissenschaftler überhaupt zugreifen; „schnelle“ Freigaben sind allein aufgrund dieser Verpflichtung zu sorgfältiger Vorbereitung der Aktenbestände unmöglich. Dabei sind die Größe der Bestände und die notorische Personalknappheit im Vatikanischen Geheimarchiv noch gar nicht berücksichtigt. „Vorbereitung“ bedeutet, um ein weiteres Argument der Kritiker vatikanischer Archivpolitik aufzunehmen, im Übrigen nicht „Reinigung“: auch eine „Säuberung“ der Bestände im Vorfeld ihrer Freigabe wird allein durch deren schiere Masse verhindert.

Abgesehen davon, dass „Säubern“ dem wissenschaftlichen Ethos jedes Archivars entgegensteht, setzte ein derartiger Eingriff ja ein Urteil darüber voraus, welche Dokumente „brisant“ sind und welche nicht. Dies kann und wird kein Archivar leisten.

Die Erforscher der kirchlichen Zeitgeschichte dürfen sich auf einen unverstellten Blick in den diplomatischen Alltag des Heiligen Stuhls freuen. Das Herzstück der jetzt freigegebenen Bestände bildet das Archiv des Vatikanischen Staatssekretariates, der politischen Zentralbehörde des Heiligen Stuhles, die seit 1930 der Leitung Eugenio Pacellis unterstand. Besonderes Interesse kommt innerhalb des Staatssekretariates der so genannten Sektion I zu, die sich mit den Beziehungen zu den Staaten befasste, sowie der von der Sektion I bedienten „Kongregation für die außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten“, einem Kardinalsgremium, dessen Aufgabe darin bestand, die außenpolitischen Angelegenheiten des Heiligen Stuhls zu beraten.

Faktisch wurde dieses Gremium während der 1930er Jahre von Kardinalstaatssekretär Pacelli, dem späteren Papst Pius XII., dominiert. Neben den eigentlichen Basisakten dieser Kongregation werden jetzt zum ersten Mal auch die „Rapporti“ geöffnet, jene Akten, die Auskunft über die Diskussionen und Entscheidungsprozesse innerhalb der Kongregation geben. Damit nicht genug: Der Heilige Stuhl, seit den Lateranverträgen mit Italien auch formal wieder als völkerrechtliches Subjekt in den Kreis der Staaten zurückgekehrt, weitete im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts das Netz seiner diplomatischen Vertretungen weltweit aus.

Die Archive der Nuntiaturen und Apostolischen Delegationen werden nun gleichfalls bis zum Februar 1939 geöffnet. Hier handelt es sich um fast 30 Einzelarchive, darunter dasjenige der Nuntiatur beim italienischen Staat, die Archive der Nuntiaturen in Wien, Madrid, Paris, Warschau, oder die Archive der Apostolischen Delegationen in den Vereinigten Staaten und in Mexiko. Die Akten der Nuntiaturen und diejenigen des Staatssekretariates und der Kongregation für die außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten ergänzen sich komplementär, sofern keine Verluste – etwa Kriegsverluste wie im Fall der Berliner Nuntiatur – vorliegen. Damit lassen sich viele Vorgänge, wie beispielsweise Bischofsernennungen, die ja nicht selten ein wichtiges Mittel vatikanischer Politik waren, in großer Genauigkeit rekonstruieren. Eine höchst aussagekräftige Quellengattung stellen die Berichte der Nuntien und Delegaten aus den Ländern nach Rom dar sowie im Gegenzug die Handlungsanweisungen aus dem Staatssekretariat an den jeweiligen Gesandten.

Für sich genommen könnte bereits allein die Öffnung der vatikanischen Akten über die Beziehungen zum italienischen Staat als kleine Sensation gelten. Seit der Einahme Roms und dem Ende des Kirchenstaates 1870 galten diese Beziehungen als stark zerrüttet. Eine Besserung trat nur langsam ein; sie beschleunigte sich jedoch seit der Machtübernahme der Faschisten unter Mussolini. Lateranstaatsvertrag und Laterankonkordat vom Februar 1929 grenzten die gegenseitigen Rechtssphären völkerrechtlich voneinander ab. Was für beide Seiten vorteilhaft war, sollte nicht als „Bündnis“ zwischen Kirche und Faschismus verstanden werden, wenngleich die Haltung vieler Kurialer zum Faschismus deutlich konzilianter war als zum Nationalsozialismus. Natürlich hat die Forschung zur Geschichte des italienischen Faschismus die wesentlichen Linien des Verhältnisses zwischen Kirche und faschistischer Bewegung längst herausgearbeitet. Doch durch die Freigabe des vatikanischen Aktenmaterials besteht jetzt zum ersten Mal die Chance, dieses Verhältnis auch aus der vatikanischen Überlieferung kennen zu lernen. Wie schon im Fall der Teilfreigabe von 2003 gilt hier: sensationelle neue Funde, Ergebnisse gar, die dazu nötigen könnten, die „Geschichte neu zu schreiben“ – eine gängige Erwartungshaltung eher wissenschaftsferner Medien –, werden kaum zu finden sein. Aber es ist mit einer Fülle von neuen Details zu rechnen, die das bestehende Bild vielfach ergänzen und differenzieren werden.

Nicht nur die Haltung von Papst und Kurie zur Machtübernahme Mussolinis im Oktober 1922, auch die Position der italienischen Bischöfe wird im Einzelnen besser erkennbar sein, auch der Weg der gegenseitigen Verständigung bis hin zu den Lateranverträgen wird plastischer erscheinen. Welche Rolle spielte beispielsweise der Vatikan bei der Ausschaltung des Führers der katholischen Massenpartei „Partito Popolare Italiano“, Don Luigi Sturzo, 1923? War es ein Fehler, den Faschisten gegenüber auf die Freiheit der Laienbewegung der „Katholischen Aktion“ zu setzen? Genau darüber entbrannte 1931 das erste große Zerwürfnis zwischen Pius XI. und Mussolini. War Pius XI. damals zu einem radikalen Bruch mit Mussolini bereit, und wie moderierend wirkte Pacelli beim anschließend gefundenen Kompromiss?

Alle großen Fragen der dreißiger Jahre werden durch die vatikanischen Dokumente vielfach in neuem Licht erscheinen: Wie hielt es der Vatikan mit der imperialen Expansion Mussolinis, mit dem Abessinienkrieg und der in Afrika einsetzenden rassistischen Politik? Weitere Erkenntnisse sind über die Frage der Position nicht nur des Papstes, sondern auch anderer kurialer Führungskräfte und Behörden zum Thema Antisemitismus, insbesondere zur italienischen Rassengesetzgebung von 1938 zu erhoffen. Wie verhielt sich die Kurie überhaupt zur „Achse Berlin-Rom“, zur sukzessiven und schließlich definitiven gegenseitigen Annäherung Mussolinis und Hitlers? Schlüsseljahr 1938: Im Spiegel der vatikanischen Akten wird der „Anschluss“ Österreichs ebenso zu sehen sein wie die Aggression Hitlers gegen das Sudetenland und schließlich gegen die „Resttschechei“, wenngleich der Einmarsch der Deutschen in Böhmen und Mähren am 15. März 1939 bereits wieder in jene Zeit fällt, für die der Aktenschrank vorerst noch verschlossen bleibt. In der Tschechoslowakei und in Frankreich, desgleichen im Mexiko der 20-er Jahre sah sich der Heilige Stuhl mit stark antiklerikalen Regimen konfrontiert. Seine Politik gegenüber jedem dieser Länder kann nun aus den Dokumenten dargestellt werden. Stichwort Österreich: Das von Engelbert Dollfuß eingerichtete „austrofaschistische“ System war im Grunde lediglich die Kopie eines faschistischen Staates, um Österreich vor Hitler zu schützen; seine christlich-ständische Prägung kam der Kirche entgegen. Wirkte der Vatikan gegenüber Österreich unter Dollfuß und Schuschnigg, die existentiell mit der nationalsozialistischen Aggression zu kämpfen hatten, stabilisierend? Verfolgte der Heilige Stuhl überhaupt Ziele in Österreich oder war man mit dem Konkordat von 1934 zufrieden? Lassen sich aus den Akten über die Verhandlungen zu diesem Konkordat noch flankierende Erkenntnisse ziehen über Entstehung und Absichten des Konkordats mit dem Deutschen Reich vom Juli 1933?

Breite Aufmerksamkeit der Forscher werden die vatikanischen Akten zum Bürgerkrieg in Spanien auf sich ziehen. Aktuell wird diskutiert, welche großen Opfer gerade die Kirche durch die Politik der radikalen Republik in Spanien zu beklagen hatte. Dass auch der Vatikan gewisse Hoffnungen auf den Putschisten Franco setzte, ist vor allem vor diesem Hintergrund zu verstehen; gleichwohl blieb der Heilige Stuhl den kämpfenden Parteien gegenüber neutral, ja, die Franco-Presse reagierte auf die Wahl Pacellis zum Papst 1939 genau aus diesem Grund eher kühl. Die Erklärung der spanischen Bischöfe für Franco vom Juli 1937 hatte der Heilige Stuhl nicht mitvollzogen. Was über die vatikanische Haltung zum spanischen Bürgerkrieg bisher geschrieben wurde, basiert auf keiner sehr überzeugenden Grundlage. Umso mehr sind nun wirkliche neue Einsichten aus dem Vatikanischen Geheimarchiv zu erwarten.

Nicht zuletzt werden die jetzt freigegebenen Akten weitere wichtige Erkenntisse nicht nur über die Persönlichkeit des „zornigen“ Papstes Pius XI., sondern vor allem auch über den „Diplomaten“ Eugenio Pacelli zutage fördern. War Pacelli, wie oftmals behauptet wird, wirklich ein kompromissgeneigter Zauderer, oder verfolgte er nicht vielmehr ein klares politisches Konzept, das freilich nicht allein aus seinem Handeln gegenüber Deutschland zu erklären ist? Seine strategische Annäherung an die Vereinigten Staaten, begonnen mit seiner Nordamerikareise von 1936, fortgesetzt 1938 mit dem Versuch, eine „Koalition der moralischen Mächte“ gegen Faschismus und Bolschewismus zu stiften, stehen in diesen Zusammenhang. Auch hierzu dürften die vatikanischen Akten neue Einsichten gewähren.

Bei aller Euphorie sollte eines klar sein: Zwar werden in den kommenden Wochen einzelne, aus dem Zusammenhang gerissene Stücke der jetzt freigegebenen Akten veröffentlicht und als „Sensationen“ verkauft werden. Die eigentliche Arbeit der Historiker wird angesichts der Masse der Dokumente freilich Zeit beanspruchen. Sorgfältige Sichtung, Kommentierung und Interpretation der Quellen sowie schließliche abgewogene Urteilsbildung bilden das mühsame Kerngeschäft des Historikers, ein Geschäft, das sich den allgegenwärtigen Tendenzen der Ökonomisierung entzieht und entziehen muss.

Zwar wird von Pacelli der Ausspruch überliefert, die Lage der Kirche in Deutschland allein beanspruche seine Arbeitskraft mehr als der Rest der Weltkirche zusammen. Gleichwohl kann die Politik des Heiligen Stuhls, kann die Politik Pacellis nicht isoliert auf eines oder einige Länder, sondern nur im globalen Zusammenhang wirklich begriffen und beschrieben werden; die katholischen Kirche war und ist ein weltpolitischer Akteur. Dass dieser globale Zusammenhang für die 20-er und 30-er Jahre des 20. Jahrhunderts jetzt aus den Akten hergestellt werden kann, ist die eigentliche Bedeutung dieser Archivöffnung.

[Der Autor ist Historiker und Mitglied der Wissenschaftlichen Kommission der Kommission für Zeitgeschichte in Bonn; © Die Tagespost vom 12.10.2006]