"Eine Revolution, die aus der Kirche kam - Und es wurde möglich, was unmöglich war ..."

Pfarrer Christian Führer verstorben

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 257 klicks

„Eigentlich weiß es ja jeder Mensch, wenn er wirklich ehrlich ist, dass das Böse in jedem Menschen, auch in einem selbst steckt und wie eine Krankheit jederzeit ausbrechen kann! Das ist die Realität! Wer davor die Augen verschließt, wird niemals einen Weg aus der Friedlosigkeit, aus Hass und Gewalt finden. Der wird in seinem eigenen Leben niemals zur Ruhe finden, sondern sich mit Ausreden und Ängsten von Tag zu Tag hangeln, immer die anderen und die Verhältnisse beschuldigend, selbst unfähig sein, etwas zu Gerechtigkeit, Frieden und zum Gemeinwohl beizusteuern,“ so Pfarrer Christian Führer zum Hohen Friedensfest am 8. August 2010 in Augsburg.

Pfarrer Christian Führer, einer der wichtigsten Akteure der friedlichen Revolution in der DDR, ist am Montag im Alter von 71 Jahren im Universitätsklinikum Leipzig nach einem schweren Krebsleiden verstorben. Führer war seit 1980 Gemeindepfarrer in der Nikolaikirche in Leipzig und gehörte zu den Mitorganisatoren der Montagsdemonstrationen im Jahr 1989. Seit dem 20. September 1982 hatten in der Nikolaikirche regelmäßig die sogenannten Friedensgebete stattgefunden. Führer setzte sich besonders für die Menschenrechte in der DDR ein. An der Kirche hatte er das Schild „Nikolaikirche – offen für alle“, montieren lassen und den Gesprächskreis „Hoffnung für Ausreisewillige“ organisiert.

Trotz des vehementen Drucks seitens der Staatsorgane der DDR wurden die Friedensgebete nicht eingestellt. Am 9. Oktober 1989 nahmen zwischen 70.000 und 100.000 Menschen an der gewaltlosen Friedensdemonstration teil. Führer erinnert sich: „Am 9. Oktober 1989, dem Tag der Entscheidung, wurde die Nikolaikirche im Verbund mit den anderen Innenstadtkirchen zum Ausgangspunkt der Demonstrationen der 70.000 und damit zum Kernpunkt der Friedlichen Revolution überhaupt. Immer wieder hatte die Bergpredigt Jesu eine zentrale Rolle gespielt. Immer wieder, so auch an diesem Tag, die Bitte: ‚Lasst die Gewaltlosigkeit nicht in der Kirche stecken, nehmt sie mit hinaus auf die Straßen und Plätze!‘ Denn Beten und Handeln, drinnen und draußen, Altar und Straße gehören zusammen!

Was mich am meisten bis heute bewegt: Mit dem Ruf ‚Keine Gewalt!‘ war die Bergpredigt Jesu auf den Nenner gebracht! Aus dem Volk geboren, nicht von einem Pfarrer oder Bischof formuliert. Und sie haben nicht nur gedacht oder gerufen ‚Keine Gewalt!‘, sondern haben die Gewaltlosigkeit konsequent auf der Straße praktiziert. Menschen, die in zwei unterschiedlichen atheistischen Weltanschauungsdiktaturen aufgewachsen waren. Bei den Nazis mit Rassenhass und Kriegsvorbereitungen. An die Stelle Gottes war die ‚Vorsehung‘ getreten. Bei den Realsozialisten mit Klassenkampf und Feindbild und atheistischer Propaganda: ‚Euren Jesus hat’s nie gegeben, und euer Gefasel von Gewaltlosigkeit ist gefährlicher Idealismus. In der Politik zählen Geld, Armee, Wirtschaft, Medien. Alles andere kannst du vergessen!‘ Dass die so erzogenen Menschen im Geist Jesu der Gewaltlosigkeit draußen auf der Straße handelten – wenn je etwas das Wort ‚Wunder‘ verdient, dann das. Ein Wunder biblischen Ausmaßes!

Eine Friedliche Revolution ohne Blutvergießen, eine Revolution, die aus der Kirche kam: das hat es in Deutschland noch nie gegeben. Einheit Deutschlands ohne Krieg und Sieg dieses Mal. ‚Und die Kirche endlich einmal bei ihrem Herrn‘, wie Heinrich Albertz sagte, ‚auf der richtigen Seite: bei den Unterdrückten und nicht bei den Unterdrückern, beim Volk und nicht bei den Mächtigen!‘“

Nach der Wende engagierte sich Führer für Arbeitslose. In Leipzig rief er anlässlich der Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV zu Friedensgebeten in der Nikolaikirche auf.

Am 30. März 2008 ging Pfarrer Christian Führer in den Ruhestand. Er starb am 30. Juni 2014 in Leipzig. Sein Lebenswerk wurde mit zahlreichen Ehrungen und Preisen ausgezeichnet, darunter 1991 die „Theodor-Heuss-Medaille“, 2005 der „Augsburger Friedenspreis“ und zuletzt 2014 der „Deutsche Nationalpreis“.

Pfarrer Christian Führer zeichnete sich zeitlebens durch seinen unermüdlichen und friedlichen Einsatz für den Frieden, seinen unerschütterlichen Glauben, etwas bewegen und verändern zu können, und seinen tiefen Glauben aus. 2010 predigte er zum Hohen Friedensfest in Augsburg und ermutigte die Menschen: „Gut gesagt. Aber... Alles unrealistisch. Geht alles nicht. Weder in der Kirche noch in der Gesellschaft… Genau das haben wir vor dem 9. Oktober 1989 auch schon gehört: ‚Ihr denkt doch nicht, dass ihr mit Euren Kerzen und Gebeten was ändern könnt?‘ Wir nicht. Aber Jesus, dessen Geist uns erfasst und entzündet, Dessen ‚Kraft in den Schwachen mächtig ist‘ (2. Kor. 12a). Und es wurde möglich, was unmöglich war... .“