Eine zweite Befreiung Österreichs – die Seligsprechung von Franz Jägerstätter im Linzer Dom

Von Monika Stadtbauer

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LINZ, 26. Oktober 2007 (ZENIT.org).- „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?“ Franz Jägerstätter, 1907-1943, wurde am 26. Oktober 2007 im Linzer Mariendom als Märtyrer zur Ehre der Altäre erhoben. Das Martyrium ist die höchste Form des Christusbekenntnisses, das die katholische Kirche kennt.



Was bedeutet diese Seligsprechung für Österreich? Oder könnte man nicht überhaupt fragen: Was heißt es, ein Christ zu sein?

Franz Jägerstätter weigerte sich, für einen nationalsozialistischen „Führer“ in den Krieg zu ziehen. Nur einer könne sein Führer sein, und das sei Christus, so kann man aus den erschütternden Briefen und Aufzeichnungen entnehmen, die der einfache Bauer aus dem oberösterreichischen St. Radegund hinterlassen hat.

Jägerstätter nahm das Christsein ernst. Gemeinsam mit seiner Frau las er in der Bibel; er betete, fastete und suchte in der Heiligen Schrift nach dem Richtmaß für sein Handeln. „Keiner irdischen Macht steht es zu, das Gewissen zu knechten“, notierte Jägerstätter. Täglich besuchte er die Heilige Messe und versah in seiner Heimatgemeinde den Mesnerdienst. So gab er schon damals prophetisch das Zeugnis eines Laien, der seine Taufgnade konsequent zu entfalten sucht und mit ganzer Kraft nach Heiligkeit strebt.

Als er 1943 dem letzten von mehreren Einberufungsbefehlen nicht Folge leistete, wurde er in Berlin zum Tod durch das Fallbeil verurteilt, nachdem sein Antrag auf Sanitätsdienst abgelehnt worden war. Am 9. August 1943 wurde das Urteil vollstreckt. Bis zuletzt hatte man in der Familie Jägerstätters gehofft, ein nahes Kriegsende könnte das Schlimmste noch verhindern. Der Gedenktag des seligen Franz wird in Österreich nun jährlich am 21. Mai, seinem Tauftag, begangen.

Was heißt es, ein Christ zu sein? Das Christsein ist nach Jägerstätters eigenen Worten „der höchste Beruf, den es auf der Welt gibt.“ Jägerstätter nimmt in wesentlichen Punkten die Lehre des Zweiten Vaticanums vorweg. Das Streben nach Heiligkeit sei nicht die Sache einiger weniger Auserwählter, sondern Pflicht aller, die an Christus glauben. So stellte der Familienvater Gott über alles – und trifft damit bis heute in vielen Herzen auf einen Punkt, der sich sträubt: Ein Familienvater stellt Gott über seine Familie? Er opfert die ihm Anvertrauten dem Anspruch seines Gewissens?

„Gott über alles.“ Dieses Motiv zog sich wie ein goldenes Band durch die festliche Liturgie, die den Linzer Dom zum Leuchten und Klingen brachte. Die Schriftlesungen und Antwortgesänge führten vor Augen, worauf es im menschlichen Leben ankommt.

Das Gesetz Gottes zu befolgen bringt Leben. Die Erfüllung des Gesetzes jedoch ist die Liebe, und die Liebe zu Gott steht über allem. Das Buch Deuteronomium, der Römerbrief und die Seligpreisungen aus dem Matthäusevangelium ließen die Person des neuen Seligen in greifbarer Nähe erscheinen: „Höre Israel, der Herr, unser Gott ist der einzige!“ Das Gebot Christi als Erfüllung des ganzen Gesetzes wurde im Antwortpsalm vorgetragen: „Liebet einander, wie ich euch geliebt.“

„Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert?“ – „Freut euch, wenn ihr um meinetwillen verfolgt werdet! Euer Lohn im Himmel wird groß sein!“ Ja, groß war der Lohn an diesem Tag auch auf der Erde, für Franziska Jägerstätter und ihre Familie, und für Österreich an seinem diesjährigen zweifachen Nationalfeiertag.

Franz Jägerstätter hat niemanden verurteilt, auch nicht seine Gegenspieler. Sein Zeugnis war das einer tiefen, über alles gehenden Gottesliebe und einem Vertrauen in Gottes Barmherzigkeit, das selbst in äußerster Bedrängnis standhält. Die Frage nach dem Gewissen war für Jägerstätter stets mit der Frage nach dem Willen Gottes verbunden: „Gefällt Gott das, was ich jetzt tue?“ Nach diesem Maßstab bildete er sein Gewissen, das so zum Lot seines Handelns werden konnte.

Jägerstätter hat mit seinem Blut bezeugt, dass der letzte Anspruch des menschlichen Lebens die Heiligkeit ist und nicht irgendein politischer Kompromiss. Der Weg zur Heiligkeit jedoch führt eo ipso in Konflikt mit Systemen. Franz Jägerstätter ist uns als strahlendes Zeichen der Ermutigung zum klaren Bekenntnis geschenkt worden, nicht als einer, der anklagt und verurteilt. Auch das macht den neuen Seligen neben seinem Ringen um das allein vor Gott rechte Handeln so anziehend.

Mehr als 5.000 Menschen waren bei der Seligsprechung im Dom anwesend, allen voran Franziska Jägerstätter, die 94-jährige Witwe des neuen Seligen, die mit dem Martyrium ihres Mannes innigst verbunden ist; die Töchter und Familienangehörigen sowie mehr als 30 Bischöfe aus Österreich und den Nachbarländern bis hin nach Weißrussland. Nicht enden wollender Applaus erfüllte den Dom, als der Linzer Diözesanbischof Ludwig Schwarz Franziska Jägerstätter begrüßte. Man hatte den Eindruck, Österreich wolle in diesem Applaus etwas von seiner tiefen, von oben geschenkten Freude und Dankbarkeit mitteilen, eine Zustimmung zum Ausdruck bringen, wie sie Worte nur schwer vermögen. Vielleicht kamen auch die Gedanken mancher dabei ans Licht. Eine himmlische Leichtigkeit wurde spürbar: „Die Wahrheit wird euch freimachen!“ Und es war eine Stunde der Wahrheit und der erhebenden Befreiung.

Der Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen, José Saraíva Martins, verlas das Dekret der Seligsprechung sowie die Dankesworte des Papstes, der seiner besonderen Freude Ausdruck verlieh, dass ein verheirateter Laie und Familienvater in die Reihe der Seligen aufgenommen wurde. Die Reliquien Franz Jägerstätters, von seiner Witwe in einer leibhaftig scheinenden Begegnung liebevoll verehrt und zum Altar gebracht, wurden in einen Glasschrein übertragen, der von nun an in einer Maria, der Königin der Märtyrer geweihten Seitenkapelle des Domes aufgestellt sein wird: eine Urne mit sterblichen Überresten und ein handgeschriebener Brief Jägerstätters aus dem Jahr 1938, in dem er seinen Traum von einem „Zug“ schildert, „der in die Hölle fährt“.

In diesem Traum meinte er die Gefahr des herannahenden Nationalsozialismus zu erkennen. Als das Bild des neuen Seligen mit der Unterschrift „Franz Jägerstätter Märtyrer 1907 – 1943“ schließlich in der Apsis enthüllt wurde, ereignete sich in den Herzen vieler Unaussprechliches. Spätestens jetzt wurde klar: Er war einer von uns – er war einer für uns: Er hat in letzter Konsequenz Christus und das Gesetz Gottes über alles gestellt und dafür mit seinem Leben bezahlt. Das ist es, was aus Franz Jägerstätter einen Seligen macht.

Seine Erhöhung zur Ehre der Altäre war wie ein Durchbruch, auf den Österreich seit mehr als 60 Jahren gewartet hat. Die Zeit scheint reif geworden zu sein. Österreich wurde am 26. Oktober 2007 vielleicht zum zweiten Male frei, diesmal von geistigen Fesseln. Dieser Gnadentag gibt Grund zur Hoffnung, dass die Kirche in Österreich neue Kraft gewinnt und wieder Mut fasst, frei zu bekennen, was des Herzens Glaube ist.