„Einer ist euer Führer: Euer Führer ist Christus!“

Wien gedenkt der ersten scharfen Konfrontation zwischen Kirche und NS-Regime

| 1515 klicks

Von Stephan Baier



WÜRZBURG, 11. Oktober 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Im März 1938, wenige Tage nach dem militärischen Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, hatte der Wiener Kardinal noch gehofft, sich mit den neuen Machtverhältnissen irgendwie arrangieren zu können. Überfordert von der politischen Situation und schlecht beraten empfahlen Österreichs Bischöfe, bei der rein propagandistischen Volksabstimmung für den Anschluss zu stimmen. Kardinal Innitzer fügte einem Brief eigenhändig ein „Heil Hitler“ hinzu, wofür er nach Rom zitiert und von Papst Pius XI. schärfstens gerügt wurde.

Ein halbes Jahr später hatte Wiens Oberhirte alle Illusionen verloren, ging offen auf Konfrontation zu den Nationalsozialisten, gab der österreichischen Kirche ihre Klarheit zurück. Zum Rosenkranzfest am 7. Oktober 1938 hatte er die katholische Jugend in den Wiener Stephansdom eingeladen, und 7 000 – weit mehr als erwartet – kamen. Was an diesem Abend mit dem Lied „Ein Haus voll Glorie schauet“ begann, wurde zur einzigen öffentlichen katholischen Massenkundgebung unter der Nazi-Herrschaft.

Eine klare Grenze zwischen Kirche und Nazi-Ideologie

Kardinal Theodor Innitzer stieg auf die Pilgram-Kanzel des Stephansdoms und wandte sich mit unmissverständlichen Worten an die Jugend: „Liebe katholische Jugend! Ihr habt in den letzten Monaten viel verloren. Eure Verbände, Eure Jugendgemeinschaften, die ihr mit einem so schönen Idealismus aufgebaut hattet, sind nicht mehr da. Eure Fahnen, Ihr dürft sie nicht mehr tragen.“ Dann formulierte der Kardinal seinen Widerstand: „Wir wollen gerade jetzt in dieser Zeit umso fester und standhafter unseren Glauben bekennen, uns zu Christus bekennen, unserem Führer und Meister, unserem König und zu seiner Kirche.“ Wiens Kardinal war offensichtlich daran gelegen, eine unübersehbare Grenze zwischen Kirche und Nationalsozialismus zu ziehen: „Einer ist Euer Führer: Euer Führer ist Christus. Wenn Ihr ihm die Treue haltet, werdet Ihr niemals verloren gehen!“

Dieser mutigen Worte seines Vorgängers gedachte am Dienstagabend im überfüllten Wiener Stephansdom Kardinal Christoph Schönborn: „Es muss ein bewegender Moment gewesen sein für den Kardinal, nach den Ereignissen seit dem März 1938 den Dom übervoll zu sehen mit Jugendlichen.“ Kardinal Innitzer habe gewusst, wie sehr der Glaube gefährdet war, habe gewarnt vor „den gleißenden Worten und ihrer Macht, die so viel Unglück gebracht haben über unser Land und über Europa“.

Wie Innitzer vor 70 Jahren, stieg auch Kardinal Christoph Schönborn bei der Rosenkranzfeier am Dienstagabend auf die Pilgram-Kanzel seiner Kathedrale, um sich an die Jugend zu wenden: „Damit wir heute nicht auf gleißende Worte hereinfallen, brauchen wir die Freundschaft mit Jesus.“ Schönborn erinnerte daran, dass der wegen seines mit „Heil Hitler“ gezeichneten Briefes bis heute kritisierte Kardinal Innitzer im Beichtstuhl des Stephansdoms vielen bedürftigen Menschen Geld zugesteckt habe, dass er 1940 im Erzbischöflichen Palais eine „Hilfsstelle für nichtarische Christen“ einrichtete.

Am nächsten Tag kam die Rache

Bei der Rosenkranzfeier 1938 habe Innitzer selbst „den Fehler, den er am Anfang gemacht hat“, angesprochen. Schönborn erinnerte aber auch an die unmittelbaren Folgen des mutigen Bekenntnisses seines Vorgängers: „Als Innitzer die Kanzel verließ, war die Begeisterung groß, aber am nächsten Tag kam die Rache.“

Als am Ende der Rosenkranzfeier tausende Jugendliche den Dom verließen, wurden sie von „Sieg Heil, Sieg Heil!“-Rufen der Nazis empfangen. Mehrere tausend Jugendliche antworten mit dem alten Herz-Jesu-Lied „Auf zum Schwure, Volk und Land“, dessen dritte Strophe einen so aktuellen Bezug hatte: „Fest und stark zu unserm Gott, stehen wir trotz Hohn und Spott; fest am Glauben halten wir, unsres Volkes schönster Zier.“

Die Jugendlichen versammelten sich beim Erzbischöflichen Palais: „Ein Volk, ein Reich, ein Bischof!“ riefen einige; andere „Lieber Bischof, sei so nett, zeige dich am Fensterbrett!“

Einen Tag später, am Abend des 8. Oktober, stürmte eine Hundertschaft der „Hitler Jugend“ das Erzbischöfliche Palais. Fensterscheiben klirrten. Tische, Stühle und Kreuze wurden systematisch zerschlagen. Domkurat Johannes Krawarik wurde von einem Fenster im ersten Stock in den Hof geworfen, der Kardinal selbst entging nur knapp den Gewalttaten. Am 13. Oktober schließlich sammelte Gauleiter Bürckel zur unmissverständlichen Gegenkundgebung 200 000 Menschen auf dem Wiener Heldenplatz. Spruchbänder waren zu sehen: „Nieder mit dem Klerus“, „Pfaffen auf den Galgen“ und „Innitzer und Jud, eine Brut“. Der Nazi-Gauleiter drohte unumwunden: „Wir dulden nicht, dass gewissenlose Hetzer den jämmerlichen Versuch unternehmen, ihre sogenannten christlichen Österreicher vom deutschen Volk loszubeten. Die Ostmark ist bei Deutschland und wird es immer bleiben.“

Dieser Ereignisse, aber auch des gesamten österreichischen Widerstands der Jahre 1938 bis 1945 gedenkt eine Ausstellung, die seit Dienstag auf dem Wiener Stephansplatz zu sehen ist. Die Katholische Jugend, das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes und das Wiener Diözesanarchiv haben als Organisatoren der Ausstellung bewusst darauf geachtet, nicht nur den kirchlichen Widerstand zu würdigen, sondern auch jenen der Kommunisten, Sozialisten und Monarchisten. Thematisiert werden der NS-Terror, die Judenverfolgung, das Schicksal der Kärntner Slowenen, der Roma und Sinti, wie auch das Verhalten der Kirche – von dem als Faksimile abgebildeten „Heil Hitler“-Brief des Kardinals bis zum offenen Widerstand ein halbes Jahr später.

Auch heute gibt es selbst ernannte Führer

Kardinal Schönborn bezeichnete die Rosenkranzfeier vor 70 Jahren als „die erste scharfe Konfrontation zwischen der katholischen Kirche und dem NS-Regime in unserem Land“. Der Wiener Erzbischof schlug aber auch die Brücke in die Gegenwart: „Auch heute gibt es selbst ernannte Führer mit ihren scheinbar so schlüssigen, einleuchtenden Ideologien. Heute liegt es an uns, unserer Jugend ein festes Fundament zu geben, indem wir bereit sind, mit dem Beispiel unseres Lebens entschieden gegen Verführer jeder Art aufzutreten.“

[© Die Tagespost vom 9. Oktober 2008]