"Eingeladen, uns dem Licht Christi zu öffnen"

Die Worte des Papstes beim Angelus-Gebet

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 432 klicks

Am heutigen vierten Fastensonntag zeigte sich Papst Franziskus um 12.00 Uhr am Fenster seines Arbeitszimmers im Apostolischen Palast des Vatikans, um gemeinsam mit den auf dem Petersplatz versammelten Gläubigen und Pilgern den Angelus zu beten.

Zur Einführung in das marianische Gebet sprach der Papst die folgenden Worte, die wir hier in einer eigenen Übersetzung dokumentieren.

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[Vor dem Angelus:]

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Das heutige Evangelium berichtet von dem blind geborenen Mann, dem Jesus das Augenlicht schenkt. Diese lange Erzählung beginnt mit dem Blinden, der zu sehen beginnt und schließt – bemerkenswerterweise – mit vermeintlich Sehenden, die in der Seele blind bleiben. Das Wunder an sich umfasst lediglich zwei Verse, da der Evangelist Johannes die Aufmerksamkeit nicht auf das Wunder selbst, sondern auf das nachher Geschehene lenken wollte: auf die sehr oft mit guten Taten und Werken der Barmherzigkeit verbundenen Diskussionen und das Gerede, da manche der Wahrheit nicht ins Auge sehen wollen. Der Apostel will uns erkennen lassen, was heutzutage geschieht, wenn ein Werk der Barmherzigkeit vollbracht wird. Der geheilte Blinde wird zunächst von der erstaunten Menge – die das Wunder miterlebt hat – und dann von den Gesetzeslehrern befragt, die auch dessen Eltern zu Rate ziehen. Am Ende gelangt der Blinde zum Glauben, der größten Gnade, die ihm Jesus schenkt: nicht nur zu sehen, sondern ihn als „das Licht der Welt“ zu erkennen (Joh 9,5).

Während sich der Blinde Schritt für Schritt dem Licht nähert, versinken die Gesetzeslehrer immer mehr in ihrer inneren Blindheit. In ihrer Überheblichkeit eingeschlossen, leben sie im Glauben, das Licht bereits zu besitzen und öffnen sich nicht für die Wahrheit Jesu. Sie tun alles, um das Offensichtliche zu leugnen und stellen die Identität des geheilten Mannes in Frage. Dann leugnen sie das Wirken Gottes in der Heilung mit dem Argument, dass dieser am Sabbat ruhe und bezweifeln sogar die angeborene Blindheit dieses Mannes. Ihre Verschlossenheit für das Licht nimmt aggressive Züge an und mündet darin, dass der geheilte Mann des Tempels verwiesen wird.

Der Weg des Blinden hingegen gliedert sich in Etappen, beginnend mit der Kenntnis des Namens Jesu. Der Mann kennt nur ihn. Dazu lesen wir im Evangelium: „Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig, bestrich damit meine Augen“ (V. 11). Als Antwort auf die bedrängenden Fragen der Gesetzeslehrer bezeichnet er ihn zuerst als Prophet (V. 17) und dann als Gott nahe stehenden Mann (V. 31). Nach seinem Ausstoß aus dem Tempel und aus der Gesellschaft findet ihn Jesus erneut und öffnet ihm zum zweiten Mal die Augen, indem er ihm seine Identität offenbart: „Ich bin der Messias“. An dieser Stelle ruft der Blinde aus: „Ich glaube, Herr!“ (V. 38) und wirft sich vor Jesus nieder. Auf diese Weise illustriert das Evangelium das von vielen Menschen erlebte Drama der inneren Blindheit. Auch in unserem Leben existieren bisweilen Augenblicke der inneren Blindheit.

Mitunter ähnelt unser Leben dem des Blinden, der sich dem Licht Gottes und der Gnade öffnet. Manchmal ist es leider wie das der Gesetzeslehrer: Aus der Höhe unseres Stolzes urteilen wir über die anderen und sogar über den Herrn! Heute sind wir eingeladen, uns dem Licht Christi zu öffnen, um in unserem Leben Frucht zu tragen, um nicht christliche Verhaltensweisen zu beseitigen. Wir alle sind Christen, doch ein jeder von uns legt manchmal Verhaltensweisen an den Tag, die nicht christlich sind, die Sünden sind. Wir müssen diese bereuen und beseitigen, um entschlossen den Weg der Heiligkeit zu beschreiten. Dieser Weg beginnt mit der Taufe.  So sind auch wir in der Taufe von Christus „erleuchtet“ worden, damit wir uns nach den Worten des hl. Paulus wie „Kinder des Lichts“ (Eph 5,8) verhalten können: mit Demut, Geduld und Barmherzigkeit. Die Gesetzeslehrer besaßen keine dieser Eigenschaften!

An dieser Stelle möchte ich euch empfehlen, nach eurer Rückkehr in eure Wohnungen diesen Abschnitt in Kapitel 9 des Johannesevangeliums zu lesen. Diese Lektüre wird euch gut tun, denn sie wird euch den Weg aus der Blindheit in das Licht und den Abweg in die Blindheit vor Augen führen. Stellen wir uns nun die folgende Frage: Habe ich ein offenes oder ein verschlossenes Herz? Ist mein Herz offen oder verschlossen für Gott, für den Nächsten? Immer haben wir in uns eine aus der Sünde, den Fehlern, den Irrtümern entstandene Verschlossenheit. Wir dürfen keine Angst haben! Öffnen wir uns dem Licht des Herrn, er erwartet uns immer, um uns besser sehen zu lassen, um uns mehr Licht zu geben, um uns zu vergeben. Vergessen wir das nicht! Der Jungfrau Maria empfehlen wir den Weg durch die Fastenzeit an, auf dass auch wir wie der geheilte Blinde mit der Gnade Christi „zum Licht kommen“, dem Licht näher kommen und zu neuem Leben geboren werden können. 

[Nach dem Angelus:]

Ganz herzlich begrüße ich die Familien, Gruppen von Pfarrgemeinden, Verbände und alleine gekommenen Gläubigen aus Italien und vielen anderen Ländern - insbesondere jene aus Ponferrade und Valladolid; die Studenten und Professoren der Kollegien Murcia, Castelfranco de Cordoba und Laganés; die Internatsschüler aus Paris sowie die portugiesischen Emigranten in London. 

Mein Gruß geht an die Jugendbewegung „Lasalliano“, die Gruppe „Giovani, arte e fede“ (Junge Menschen, Kunst und Glaube) aus Santa Paola Frassinetti und die Universitätsstudenten aus Venedig.

Mit großer Freude empfange ich die italienischen Soldaten, die während einer Fußwallfahrt von Loreto nach Rom für eine friedliche Lösung der Auseinandersetzungen beteten. Das ist sehr schön. So hinterlässt uns Jesus in den Seligpreisungen die Worte: Selig, die Frieden stiften.

Einen besonderen Gedanken richte ich an die Gruppen von Gläubigen aus Potenza, Atella, Sulmona, Lomagna, Conegliano, Locara, Neapel, Afragola, Ercolano und Torre del Greco; an die Firmkandikaten aus Gardone Valtrompia, Ostia, Reggio Emilia, Fane, Serramazzoni und Parma sowie an die Studenten aus Massa Carrara und Genova-Pegli.

Mein abschließender Willkommensgruß gilt dem Chorverband aus Brembo, dem Sportverein Laurentino aus Rom, den Motorradfahrer aus Terni-Narni sowie den Vertreter des WWF-Italia, die ich in ihrem Einsatz für die Umwelt ermutige.

Lasst uns heute nach der Rückkehr in unsere Wohnungen daran denken, das Johannesevangelium zur Hand zu nehmen und die in Kapitel 9 enthaltene Geschichte über den sehend gewordenen Blinden und die immer mehr in die Blindheit versunkenen Sehenden zu lesen.

Euch allen wünsche ich einen schönen Sonntag und gesegnete Mahlzeit. Auf Wiedersehen!

[Aus dem Italienischen übersetzt von Sarah Fleissner]