Einheit ohne Wahrheit? Wahrheit ohne Einheit?

Impuls zum 3. Sonntag im Jahreskreis

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 490 klicks

“Das Volk, das im Dunkeln lebte, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen” (Mt 4,15). Immer noch wirkt der Gedanke des großen Festes Epiphanie nach: Christus ist das Licht, das den Menschen erschienen ist, die im Dunkeln lebten.

Licht und Dunkelheit sind, vordergründig gesehen, Phänomene unserer diesseitigen Welt. Mit den Mitteln der Technik können wir jederzeit große Lichtmengen in jedwede Dunkelheit hineinbringen. Hier aber geht es um das übernatürliche Licht der Wahrheit. Und das ist nicht so leicht zu haben. Um es zu bekommen, muss man es haben wollen. Und um es zu wünschen, muss man von ihm wissen. Da liegt das Problem: viele Menschen suchen das Licht der Wahrheit nicht, weil sie nicht von ihm wissen.

Papst Benedikt XVI. hat unermüdlich auf die Tatsache hingewiesen, dass die Wahrheit eine absolute ist, denn die Wahrheit ist nicht nur ein Gedanke, sie ist eine Person. Die Person Jesu Christi, der nicht nur Mensch, sondern auch Gott ist. Ist er aber Gott, der Allmächtige, der alles geschaffen hat, dann ist sein Wort absolut richtig und zuverlässig. Die Wahrheit, die er bezeugt – so zum Beispiel vor Pilatus – kann nicht eine relative sein, eine, die sich anpassen muss, die veränderlich ist. Sie ist vielmehr absolut, so wie er selber absolut ist, in seiner Existenz und in seinem Wesen. Mit einfachen Worten: selbst wenn kein Mensch an ihn glauben würde, wäre er da.

Nun ist das Wunderbare, dass sich das Licht der Wahrheit in Liebe mitteilt. Die göttliche Wahrheit ist also nicht eine kalte Wahrheit, der der Mensch ausgeliefert ist. Sie will das Glück des Menschen, der sich allerdings seinerseits der Wahrheit öffnen muss. Es ist immer wieder die alte Geschichte: “Gott kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf” (Joh 1,11).

Woran liegt das? Hat der Mensch kein Empfinden für die Wahrheit? Kann er Wahres und Falsches nicht unterscheiden? Doch, er kann es. Aber zur Erkenntnis gehört auch der Wille. Wieviele Menschen erkennen eine Wahrheit, wollen sie aber nicht anerkennen, weil das manchmal eine Änderung ihres Lebens bedeuten würde. Das ist gerade die Finsternis, die Dunkelheit, von der das Evangelium spricht. Sie geht zurück auf die Sünde. Wenn der Mensch sündigt, erlebt seine Erkenntnisfähigkeit eine Einbuße. Obendrein: durch die Sünde der ersten Menschen, die sich an uns alle vererbt hat, ist die Klarheit unseres Erkennens getrübt. Nicht anders die Entschiedenheit des Willens zum Guten, auch sie ist in Mitleidenschaft gezogen.

Im Alltag macht sich diese Tatsache dadurch bemerkbar, dass Menschen, die eigentlich das Böse nicht wollen, es doch tun.

Und in diese Situation des Menschen, in diese seine “condition humaine”, ist der Sohn Gottes hineingeboren worden, hat sein grandioses Erlösungswerk vollbracht (“die Wahrheit wird euch frei machen”, Joh 8,31), das er der von ihm gegründeten Kirche anvertraut hat.

Natürlich hat Jesus eine einzige Kirche gegründet und seinen Vater in einem leidenschaftlichen Gebet angefleht, “dass alle eins seien, so wie Du, Vater in mir und ich in Dir” (Joh 17,23).

Diese Einheit hat gut tausend Jahre gehalten, dann zerbrach die Kirche in zwei Teile, Ost und West, blieb aber im großen und ganzen im gleichen Glauben. Wieder ein halbes Jahrtausend später die noch größere Katastrophe der Glaubensspaltung der westlichen Kirche in zwei, vier und schließlich über zweihundert Kirchen und Denominationen. Und nun ist die Wahrheit selbst “geteilt”. War es zunächst nur eine organisatorische Trennung, die man – auch heute – relativ leicht überwinden kann, so ergibt sich für die heute Lebenden, von denen keiner an dem Skandal der Kirchenspaltung persönlich schuldig ist, in vielen Punkten die Frage: was ist nun wahr, objektiv wahr? Am schmerzlichsten in der Frage des wichtigsten “Geheimnisses des Glaubens”, der Eucharistie. Es kann nun mal nicht unwichtig sein, ob man im zentralen Gottesdienst, den Christus selber eingesetzt hat (“Tut dies zu meinem Gedächtnis!”) nur eine symbolische Erinnerungsfeier sieht oder ob da der Leib und das Blut Christi real gegenwärtig sind. Ähnliches gilt für die anderen Sakramente, von denen die meisten den Reformatoren abhanden gekommen sind.

Äußerst ehrenwert ist der Vorstoß des deutschen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert, der in diesen Tagen forderte: “Ökumene jetzt, wann sonst?” Aber da es tatsächlich um die objektive Wahrheit geht (wie ist es wirklich, nicht wie meint es die Mehrheit?), ist im Hinblick auf die Kirchen und Gemeinschaften der Reformation rein menschlich gesehen nichts zu machen. Auf den Punkt gebracht: Können wir uns dahingehend einigen, dass die Eucharistie zugleich der wirkliche Leib Christi ist und es nicht ist?

Sollen wir uns mit einer “versöhnten Verschiedenheit” abfinden?

Papst Franziskus sagte letzten Montag bei einer Audienz für eine Delegation des Lutherischen Weltbundes (LWB) im Vatikan, die Einheit sei nicht in erster Linie Ergebnis menschlicher Bemühungen, sondern ein Handeln des Heiligen Geistes.

Das allerdings kann uns mit Hoffnung erfüllen: der Heilige Geist vermag mit Leichtigkeit, was wir Menschen nicht können. Er hat uns vor einigen Jahren den Beweis dazu geliefert: als wir Deutsche uns schon mit der Teilung Deutschlands abgefunden hatten, hat er uns die Einheit unseres Volkes geschenkt. Sie ist absolut ein Geschenk, denn kein Mensch hat sie hervorgebracht. So wie damals die Menschen von dieser Einheit völlig überrascht und danach sehr glücklich waren, so wird es auch mit der Einheit der Christenheit sein.

Nicht Wahrheit ohne Einheit und auch nicht Einheit ohne Wahrheit, sondern Einheit in der Wahrheit.

Was wir doch dazu tun können – denn im Gegensatz zu unserer nationalen Einheit muss sie ein übernatürliches Geschehen sein – sind zwei Dinge. Dafür beten und die anderen lieben. Mit einem Wort: Bekehrung.

Sehr sinnvoll endet daher die Weltgebetsoktav für die Einheit der Christen am Fest der Bekehrung des hl. Apostels Paulus.

Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich).