Einige Missverständnisse über die Musik für die Liturgie (Erster Teil)

Einfach bedeutet nicht banal

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Von Aurelio Porfiri*

ROM, Donnerstag, 30. Juni (ZENIT.org). – Wenn man über einige Themen spricht, hält man nicht immer inne, um zu überprüfen, ob die Wörter und die durch die Wörter zum Ausdruck gebrachten Vorstellungen wahrhaft das darstellen, was man vorher mitzuteilen beabsichtigt. Manchmal benutzen wir Begriffe, von denen wir meinen, eine gemeinsame Vorstellung zu haben, aber dann merken wir, dass in Wirklichkeit verschiedene Personen verschiedene Bedeutungen damit verbinden. Manchmal, wie in unserem Fall, wird ein Begriff freiwillig oder unfreiwillig verbogen auf verschiedene Bedeutungen hin, um – erlaubt oder unerlaubt -verschiedenen Anforderungen zu dienen. Auch, wie wir sehen werden, indem man die eigene Logik durchbricht, um dort anzukommen, wo man ankommen will.

In den letzten Jahrzehnten, vor allem nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, hat die liturgische Musik ein gequältes Leben kennengelernt. Einige geben die Schuld dafür eben diesem Konzil, andere meinen, dass dasselbe schlecht ausgelegt worden ist. In der Tat würden einige der Wörter, die heute die liturgische Musik umgeben, wenn sie aufmerksam abgewogen würden, Anlass zu mehr als einem Einwand geben. Sie werden in äquivoker Weise benutzt. Der Ausdruck „äquivok“ kommt vom lateinischen „aequus“ und „vox“ und bedeutet etwas, das in ähnlicher Weise verstanden werden und daher Raum zum Irrtum geben kann. Tatsächlich wurden und werden genau auf der Basis einer gewissen semantischen und begrifflichen Zweideutigkeit viele Schlachten über die liturgische Musik ausgetragen. Daher möchte ich versuchen, ein wenig Klarheit über diese Begriffe zu schaffen in der Weise, dass das Thema unbeschwerter und ohne extreme seelische Nöte angesprochen werden kann. Die Vorstellungen, die sich für Missverständnisse eignen, sind – meiner Meinung nach – die folgenden:

- Die liturgische Musik muss einfach sein.

- Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Volkssprachen eingeführt und daher das Latein abgeschafft.

- Das Volk soll singen und daher ist der Chor hinderlich.

- Man muss die Musik und die Kultur der Jugend wertschätzen.

- Das Leben soll als Freude dargestellt werden.

- In der Kirche soll man eine Musik spielen, die die Leute als die eigene anerkennen.

- Wer einen musikalisch-liturgischen Dienst leistet, tut dies mit dem Herzen und mit gutem Willen, man darf nicht mehr als dies verlangen.

- Die Professionellen sind nicht mehr gern gesehen, weil sie bezahlt werden wollen, während diese Dinge im Geist der Unentgeltlichkeit vollzogen werden müssen.

Wie man sieht und wie jeder anerkennen kann, gibt es viele Vorstellungen noch in der Phase der Entwicklung, die eine Grundlage für Schlachten verschiedener Art geliefert haben. Und gewiss beschränken sich die Probleme nicht auf die oben genannte Auflistung. Meiner Meinung nach stellt die Auflistung dennoch eine sehr repräsentative Stichprobe dar. Schauen wir sie eins nach dem anderen an.

Die liturgische Musik muss einfach sein

Dies ist eines der am meisten debattierten Themen. Viele sagen, dass die Musik der Vergangenheit, jene der großen musikalischen Tradition der katholischen Kirche, nicht mehr genießbar sein könne, weil man, um dem Volk die Teilnahme zu ermöglichen, Platz für eine einfachere, liturgische Musik schaffen müsse. Aber auch hier stößt man mit einer irreführenden Auffassung des Begriffs „einfach“ zusammen. Jetzt müsste man vor allem anderen verstehen, woher der Ausdruck „einfach“ stammt, um zu vermeiden, ihn unsachgemäß zu benutzen und somit in die oben genannten Missverständnisse zu geraten. „Einfach“ kommt vom lateinischen „sine“ und „plica“, mit der Bedeutung von „ohne Falte“. Daher hat er nicht die Bedeutung von schmucklos, elementar, leicht verständlich, sondern bedeutet etwas, als eine vollkommenen Einheit erscheint. In der Tat ist die Einfachheit die am schwierigsten zu erreichende Sache, das, was am meisten Anstrengung erfordert. Die Musik der größten Komponisten scheint einfach, nicht weil sie leicht ist, sondern weil sie so nahe an einer gewissen Vollkommenheit ist, dass es scheint, nichts kann sich in ihrer Ausführung verändern, sie ist „ohne Falte“. Leider verwechselt man den Begriff „einfach“ mit „banal“, man meint, dass „einfach“ sagen wolle, die Dinge oberflächlich zu tun. In Wirklichkeit jedoch bedarf es, um die Einfachheit zu erhalten, eines noch eiserneren Eifers. Wenn man möchte, dass die liturgische Musik in einigen ihrer Ausdrucksformen einfach sein soll, um für den Gesang aller zugänglich zu sein, dürfte man daher niemals damit ein qualitatives Absinken verbinden, sondern einfach eine andere Modalität der Komposition nuancieren. In der Tat wird das Wort „Einfachheit“ von demselben Konzil mit den Riten selbst verbunden:

„Die Riten mögen den Glanz edler Einfachheit an sich tragen und knapp, durchschaubar und frei von unnötigen Wiederholungen sein. Sie seien der Fassungskraft der Gläubigen angepasst und sollen im Allgemeinen nicht vieler Erklärungen bedürfen“ (SC 34).

Nun, es wird auf die Einfachheit Bezug genommen, aber der Begriff wird durch das Wort „edel“ verstärkt, um wirklich zu verstehen zu geben, dass es nicht heißt, das qualitative Niveau abzusenken, sondern nur zu versuchen, die Liturgie erneut von einigen Überlagerungen, die sich mit der Zeit angesammelt haben, zu reinigen. Man kann nicht abstreiten, dass sich manchmal in den Konzilstexten, die bisweilen die Frucht von Kompromissen zwischen verschieden denkenden Fraktionen sind, ein Charakter zeigt, den Romano Amerio in dem inzwischen klassischen „Iota Unum“ (1989) als „amphibolisch“ bezeichnet hat. Dieser Begriff soll bedeuten, dass bestimmte Aussagen in zwei einander entgegen gesetzten Weisen gelesen werden können. Der oben genannte zum Beispiel, das Zitat aus SC 34, kann irreführen, besonders wenn man liest, dass die Riten „der Fassungskraft der Gläubigen angepasst“ sein sollen. Aber wenn man das Dokument in seiner Gesamtheit liest, kann man sehen, dass in dieser Aussage keinerlei herabsetzende Absicht vorhanden ist, sondern nur der Wunsch, einige Überlagerungen zu beseitigen, die im Laufe der Zeit in die Liturgie eingedrungen sind. Einige haben diesen Absatz gedeutet als eine Herabsetzung der Messe auf den Gebrauch einer Vorstellung des Volkes, die nicht anders als vage sein kann, weil der Begriff des „Volkes“ unbestimmt und nicht leicht zu quantifizieren oder zu qualifizieren ist.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Volkssprachen eingeführt und daher das Latein abgeschafft

Dies ist der typische Irrtum einer Logik, die „Rückgriff auf die Autorität“ genannt wird. Man zitiert praktisch eine autoritative Quelle, um eine These zu bestätigen, die in Wirklichkeit die autoritative Quelle niemals aufgestellt hat. Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich mich vor einigen Jahren befand. Da war eine Person, die mit einem Diakon über die Angemessenheit des Gebrauchs eines Liedes auf Latein während der Feier diskutierte. An einem gewissen Punkt hielt der Diakon ihr vor, dass man das Latein nicht benutzen könne, weil das Konzil es abgeschafft habe. Ich war überrascht zu erfahren, dass ohne mein Wissen ein anderes Konzil nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil zusammengerufen worden war, denn durch das, an das ich mich als letztes erinnerte, wurde erklärt:

„Der Gebrauch der lateinischen Sprache soll in den lateinischen Riten erhalten bleiben“ (SC 36,1)

In den darauffolgenden Punkten des Artikels 36 wurde den Landessprachen eine größere Möglichkeit zugestanden, aber den nachfolgenden Punkten war bewusst der erste Artikel vorausgestellt, der wie oben genannt lautet und der mir weit davon entfernt zu sein schien, die lateinische Sprache abzuschaffen. Wir dürfen folglich keine Fanatiker des Lateins sein, aber wir dürfen auch nicht vom Konzil etwas behaupten, was dasselbe niemals gesagt hat. Deshalb hat der Zorn gegen die liturgische Musik auf Latein keine Berechtigung und er basiert auf dem grundlegenden Missverständnis über das Zugeständnis eines größeren Raumes für die Landessprachen, das nicht notwendigerweise sagen wollte, dass dieselben de jure das Latein ersetzen sollten, auch wenn dieses anschließend de facto passiert ist. Die jüngsten Apostolischen Schreiben von Papst Benedikt XVI. zeigen, dass es keinerlei Verbot des Gebrauchs der lateinischen Sprache in der Liturgie und deshalb auch in der Musik gibt. Im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Sacramentum Caritatis“ erklärt Papst Benedikt XVI. in Bezug auf die großen Feiern:

„Um die Einheit und die Universalität der Kirche besser zum Ausdruck zu bringen, möchte ich empfehlen, was die Bischofssynode in Übereinstimmung mit den Richtlinien des Zweiten Vatikanischen Konzils vorgeschlagen hat: Es ist gut, wenn außer den Lesungen, der Predigt und den Fürbitten der Gläubigen die Feier in lateinischer Sprache gehalten wird; ebenso sollen die bekanntesten Gebete aus der Überlieferung der Kirche in Latein gesprochen und eventuell einige Teile in gregorianischem Choral ausgeführt werden. Ganz allgemein bitte ich darum, dass die zukünftigen Priester von der Seminarzeit an darauf vorbereitet werden, die heilige Messe in Latein zu verstehen und zu zelebrieren sowie lateinische Texte zu nutzen und den gregorianischen Choral zu verwenden. Man sollte nicht die Möglichkeit außer Acht lassen, dass auch die Gläubigen angeleitet werden, die allgemeinsten Gebete in Latein zu kennen und gewisse Teile der Liturgie im gregorianischen Stil zu singen“ (Sacramentum Caritatis 62).

Wie man sieht, wird auch in den jüngsten Dokumenten etwas ganz anderes bekräftigt. Aber auch in den vorhergehenden Dokumenten, wie die Anwendungsinstruktionen nach dem Konzil, wird, obwohl den Landessprachen der größte Raum zugestanden wird, niemals das Latein im Gesang und in der Liturgie verboten. Man dachte, dass die Landessprachen die Teilnahme der Gläubigen fördern würden, aber es gab niemals die Absicht zu ersetzen, sondern die reine Absicht zu ergänzen. Die häufigste Kritik lautet, dass die Leute nicht Latein können. Das mag wahr sein, aber ich möchte daran erinnern, dass gerade die Jugendlichen, die wir so rühmen, fast ausschließend fremdsprachige Musik hören. Deshalb besteht das Problem nicht darin, in einer Sprache zu zelebrieren, die das Volk nicht kennt; hier müsste man nach der Angemessenheit fragen, diese Sprache in der Liturgie zu benutzen. Und hier würde der Diskurs wirklich weit führen.

Das Volk soll singen, und daher ist der Chor hinderlich

Dies ist ein anderer, vollkommen falsch verstandener Punkt. In diesem Fall haben wir den logischen Fehler, der als „falsches Dilemma“ bezeichnet wird: Wenn A wahr ist, muss B folglich falsch sein. Wenn das Volk singen soll, kann also der Chor nicht singen, weil er den Gesang des Volkes behindert. Aber das ist eine Aussage, die nicht nur nicht den Tatsachen entspricht, sondern die auch dem Geist und allen kirchlichen Anweisungen vom Konzil bis heute entgegensteht. Was man verhindern wollte, war, dass ausschließend dem Chorgesang während der Zelebration der Vorzug gegeben wird, aber man wollte niemals den Chor in den liturgischen Feiern mit einer Strafe belegen oder unterdrücken. Aber dies geschieht leider in den Pfarreien, in denen Pfarrer, die wenig informiert sind, den Chor vor die Tür setzen aufgrund einer falschen Vorstellung von Teilnahme, die mehr von einem alten Kommunitarismus inspiriert ist, bei dem man niemandem außer der authentischen Lehre der Kirche glaubt. Man müsste diese Priester bitten, ein einziges Dokument zu zeigen, in dem gesagt wird, dass der Chor von der Zelebration ausgeschlossen werde müsse. Wenn wir dagegen eigens zu dem Dokument gehen, das oft von diesen ursprünglichen Auslegern des Lehramtes der Kirche in der Hand gehalten wird, das Dokument „Sacrosanctum Concilium“, sehen wir, dass die Wirklichkeit ganz anders ist:

„Der Schatz der Kirchenmusik möge mit größter Sorge bewahrt und gepflegt werden. Die Sängerchöre sollen nachdrücklich gefördert werden, besonders an den Kathedralkirchen. Dabei mögen aber die Bischöfe und die übrigen Seelsorger eifrig dafür Sorge tragen, dass in jeder liturgischen Feier mit Gesang die gesamte Gemeinde der Gläubigen die ihr zukommende tätige Teilnahme auch zu leisten vermag, im Sinne von Art. 28 und 30“ (114)

Und was sagten die Artikel 28 und 30? Artikel 28 machte darauf aufmerksam, dass in den liturgischen Feiern jeder Gläubige sich darauf beschränken solle, das zu verrichten, was ihm eigen ist, nicht alle dürfen alles tun. Artikel 30 gab einige Empfehlungen, für eine aktive Teilnahme der Gläubigen Sorge zu tragen, er sagte jedoch niemals, dass dies den Chor und das dem Chor eigene Repertoire ausschließe. Gewiss kann man über die Bedingungen seiner Teilnahme diskutieren, aber das ist ein anderes Thema. Hier befindet sich tatsächlich der Knotenpunkt für die Interpretation des Ausdrucks Teilnahme und seine Unterscheidung von einem Partezipationismus, bei dem alle alles machen.

* Aurelio Porfiri lebt in Macao, ist verheiratet und hat einen Sohn. Er ist assoziierter Professor der liturgischen Musik und der Chorleitung und Koordinator für das gesamte Musikprogramms an der Universität Saint Joseph in Macao (China). Er arbeitet in Macao mit dem „Polytechnic Institute“, der „Santa Rosa de Lima“ und der Fatima-Schule zusammen. Er unterrichtet außerdem am Schanghaier „Conservatory of Music“ (China). Seit Jahren schreibt er für verschiedene Zeitschriften, unter anderem für: „L’Emmanuele“, „La Nuova Alleanza“, „Liturgia“, „La Vita in Cristo e nella Chiesa“. Er ist Sozius des „Centro Azione Liturgica“ („CAL“) und der „Associazione Professori di Liturgia“ („APL“). Er ist dabei, ein Doktorat in Geschichte abzuschließen. Als Komponist gehen auf sein Konto Oratorien, Messen, Motetten und liturgische Lieder auf Latein, Italienisch und Englisch. Er hat zur Zeit vier Bücher veröffentlicht, das letzte wurde vom Verlag „San Paolo“ mit dem Titel „Abisso di Luce“ herausgegeben.

Der nächste Teil erscheint am 12. Juli 2011 auf ZENIT.

[Aus dem Italienischen übersetzt von Dr. Edith Olk]