Einigkeit unter den Religionen soll Gott den Menschen wieder näher bringen

Der Direktor des Osservatore Romano erläutert das Treffen in Assisi

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VATIKANSTADT, 27. Oktober 2011 (ZENIT.org). – Das internationale Friedenstreffen in Assisi von heute  stelle keine Gegenposition zu den vorherigen Begegnungen dar. Hinter die Ökumene, der die Einheit unter den christlichen Konfessionen zum Ziel habe, gebe es keinen Weg zurück. Assisi sei darüber hinaus eine Begegnung mit anderen Religionen. Doch die katholische Kirche verfolge nicht den Weg des Synkretismus.

Dies hat der Direktor des „Osservatore Romano”, Giovanni Maria Vian, in einem Interview gegenüber ZENIT geäußert.

Der Direktor erklärte: „ Ich glaube nicht, dass zwischen 1986 und 2011 gegenteilige Positionen bestehen, vielmehr handelt es sich um unterschiedliche Auslegungen. Hatte man aus dem Weltgebetstreffen von 1986 die Schlussfolge gezogen, dass alle Religionen gleich seien, das Credo keinen Unterschied mache und die Bekenntnis zum Christentum allen anderen Konfessionen gleichzustellen ist, so war dies mit Sicherheit nicht im Sinne der Initiative von Johannes Paul II.“

Vian erinnerte daran, dass bereits den christlichen Denkern des ersten Jahrhunderts zufolge „die Wahrheit im Logos, in Christus, liegt und auf geheimnisvolle Weise im gesamten Universum vorhanden ist: Es handelt sich dabei um die Theorie des „Samen des Logos“, die sich vom stoischen Grundgedanken ableitet.“

Extrem vereinfachend erläuterte Vian dies folgendermaßen: „Fragmente der einzigen Wahrheit finden sich geheimnisvoller Weise überall.  Eben dieser Umstand hat es den im 17. Jahrhundert als Missionaren in Indien, Japan und China tätigen Jesuiten, wie beispielsweise Roberto De Nobili, Alessandro Valignano und Matteo Ricci, erlaubt, kleinste Körnchen von Wahrheit selbst in diesen uralten religiösen Traditionen wiederzufinden, die nie etwas über Christus erfahren hatten. Auf dieser Grundlage aufbauend hat der Theologe Karl Rahner im 20. Jahrhundert von anonymen Christen gesprochen.“

Auf Assisi zurückkommend, mahnte der Direktor der Vatikanzeitung, „dass, davon ausgehend, dass viele Wege zum Heil führen können, da niemand die Pläne Gottes kennt, die traditionelle Lehre der katholischen Kirche dennoch weiterhin ihre Gültigkeit behält. Dies wurde vom Zweiten Vatikanischen Konzil bestätigt, das im Jahre 2000 die Veröffentlichung der Erklärung ‚Dominus Jesus’ nach sich zog: Das Dokument stellt eine Sammlung von Bestätigungen des Zweiten Vatikanischen Konzils in dem Punkt dar, dass einzig Jesus Christus Erlösung bringt und er der einzige Heiland der Welt ist.“

Vian machte dabei deutlich: „Benedikt XVI. wiederholt dies immer wieder im Zusammenhang mit der gesamten katholischen, ununterbrochenen und lebendigen Tradition.“

Bezüglich der Entscheidung, während des interreligiösen Treffens in Assisi die spezifische Identität aller Teilnehmer zu respektieren, um das Risiko des Synkretismus zu vermeiden, hat der Direktor des „Osservatore Romano” keine Zweifel: „Ich glaube, dass genau das die Absicht ist.“

Die Idee, Assisi als ein synkretisches Treffen anzusehen, hält er für falsch: „Man muss ein wenig die kulturelle Ausbildung von Karol Wojtyła kennen, seine Lehren als Bischof und später als Papst, ohne dabei zu vergessen, dass er bereits Ende 1981 Joseph Ratzinger als Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre an seine Seite rief und ihn auf diesem Posten hielt, obwohl der damalige Kardinal immer wieder darum bat, zu seinen Studien nach Bayern zurückkehren zu dürfen. Unter Berücksichtigung all dieser Umstände halte ich es für vollkommen unmöglich, dass in den Absichten Johannes Paul II. jedwede Art von Synkretismus lag, als er 1986 das Treffen von Assisi einberief.“

Zudem hat erinnerte Vian daran, dass „Assisi nicht nur eine ökumenische Begegnung“ sei. „ Wie Paul VI., Johannes Paul I., Johannes Paul II., Benedikt XVI. gesagt haben, die Ökumene ein irreversibler Weg: ein Weg, hinter dem es kein Zurück gibt, und den alle christlichen Konfessionen auf dem Höhepunkt einer Bewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts ihren Anfang hatte, eingeschlagen haben, um schließlich zu einer Einheit zu gelangen. Eine Einheit, die in relativ kurzer Zeit zwischen der katholischen Kirche, den altorientalischen und orthodoxen Kirchen erreichbar sein wird, mit der Perspektive auf einen gemeinsamen Weg, der auch Anglikaner und Protestanten miteinbezieht.“

Allerdings sei „Assisi nicht bloß ein interchristliches Zusammentreffen, sondern wohl auch eine Gegenüberstellung mit anderen Religionen, ohne jedoch dabei einen Synkretismus zu repräsentieren, der alles wahllos miteinander vermengt.“

Auf das jüngste Motu Proprio „Porta fidei“ vom vergangenen 17. Oktober angesprochen, hat Vian erklärt, dass „die Initiative von Benedikt XVI., ein Jahr des Glaubens auszurufen, klar aufzeigt, was dem Papst am Herzen liegt: Heutzutage beschäftigen sich Christen mit vielen Dingen, doch verlieren sie dabei das Wesentliche aus den Augen.“ 

Für den Direktor des „Osservatore Romano“ ist dies von zentraler Bedeutung. „Auf seiner kürzlich unternommenen Reise in seine Heimat hat Benedikt XVI. dies ausdrücklich unterstrichen. Der Papst weiß ganz genau, dass die Kirche in Deutschland über außerordentlich gute Strukturen verfügt, dass sie vielen hilft und auch zahlreiche lokale Kirchen auf der ganzen Welt unterstützt, doch er strebt nach Höherem.“

Insgesamt sei ein hoher Einsatz erforderlich, so schrieb der Papst am 10. März 2009: Selbst in Ländern mit einer lang währenden christlichen Tradition bestehe die Gefahr, dass die Flamme des Glaubens erlösche: eines Glaubens, der weder Ideologie noch Moral sei.  Was Benedikt XVI. in seiner Enzyklika „Deus caritas est“ bereits niedergeschrieben habe, bestärke er nun erneut im jüngsten Motu Proprio zum neuen Jahr des Glaubens.

[ZENIT-Übersetzung aus dem Italienischen]