Eintauchen in das frühe Christentum mit Google Map

Virtueller Rundgang in der römischen Priscilla-Katakombe

Rom, (ZENIT.org) Tanja Schultz | 484 klicks

Sie ist die „regina catacumbarum”, die Königin der rund 120 Katakomben in Rom. Den Titel verdient die frühchristliche Grabanlage nicht nur wegen den zahlreichen darin beigesetzten Märtyrern und Päpsten, sondern auch wegen der prächtigen Ausstattung der Grabkammern. Das belegt das glorreiche Ergebnis der fünfjährigen Restaurierungsarbeiten, die ein reiches Repertoire an frühchristlichen Wandbildern zum Vorschein brachte. Hinzu kommt eine wichtige Neuheit: Zum ersten Mal kann die Katakombe, mit ihren finsteren Gängen von den Besuchern häufig als unwirtlich empfunden, über Google Maps virtuell besichtigt werden.

Die unterirdische Grabanlage liegt an der antiken nördlichen Ausfallstraße via Salaria, circa zwei Kilometer vor den Toren der Stadt gegenüber der Villa Ada. Den Namen Priscilla gab ihr eine reiche Patrizierin, die das Gelände den Christen zur Verfügung stellte. Sie wird am 16. Januar als Heilige verehrt. Vom 2. bis 5. Jahrhundert wurden 13 Kilometer lange, bis zu 35 Meter tiefe, mehrstöckige Galerien in den weichen Tuff gegraben. Sie dienten den ersten Christen als Grabstätte. Im 4. Jahrhundert errichtete Papst Silvester darüber eine Basilika, die später größtenteils zerfiel. Zufällig bei Weinbauarbeiten im 16. Jahrhundert entdeckt, wurden die Katakomben seit dem späten 19. Jahrhundert erforscht. Aber erst die jüngsten Restaurierungsarbeiten haben große Teile der unter einer dunklen Schmutz- und Schimmelschicht verborgenen Wandmalerei und die reiche Sarkophagkunst sichtbar gemacht. Wie alle christlichen Katakomben in Rom untersteht die Priscilla-Katakombe der Päpstlichen Archäologischen Kommission. Es sind Benediktinerinnen, die seit 1929 den heiligen Ort verwalten und Führungen anbieten.

Etwa 40.000 Gräber konnten in den Priscilla-Katakomben nachgewiesen werden. Die Toten wurden in Tücher gehüllt und mit Kalk bestreut in sogenannten „Loculi“, schmale Wandnischen, oder in die luxuriöseren „Arcosolia“ beigesetzt, die größer waren und ein bogenförmigen Abschluss hatten. Diese boten Platz für Mehrfachbestattungen; sie wurden auch häufig für Märtyrer benutzt. Die Öffnungen verschloss man mit Marmorplatten oder nur mit den billigeren Tonplatten, in die Inschriften eingemeißelt oder aufgemalt wurden. Der Wunsch der Christen, in Gemeinschaft mit den Glaubensbrüdern zu ruhen, hat zur Entstehung regelrechter unterirdischen Totenstädten geführt. Entgegen der Legende jedoch waren die Katakomben nie Kult- oder Zufluchtsorte für verfolgte Christen. Mangelnder Versammlungsraum und bisweilen starker Verwesungsgestank erlaubten keine längeren Aufenthalte. Wohl aber wurden dort Gedächtnisgottesdienste am Todestag der Bestatteten gefeiert.

Von besonderer Bedeutung ist die Malerei als frühestes Zeugnis christlicher Kunst überhaupt. Sie erlaubt Einblicke in die Bildersprache von Glaubensinhalten zu einer Zeit, als der christliche Kult nur heimlich gelebt und tradiert werden konnte. So hat man in der Nische eines weiblichen Märtyrergrabes die älteste Marien-Darstellung gefunden: die sitzende Madonna mit dem Christuskind auf dem Schoß neben einem Propheten stammt aus dem frühen 3. Jahrhundert. In dieselbe Epoche wird die „Orans“ datiert, eine mit erhobenen Händen betende aufrecht stehende Frau, wahrscheinlich die Verstorbene. Sie wurde fälschlicherweise von manchen für die „erste Priesterin-Darstellung“ gehalten. Mit den ausgebreiteten Armen wurde einst der Gekreuzigte angedeutet. Es ist eine in der alten Kirche übliche Gebetshaltung.

Über den Kryptoportikus, einer frühkaiserzeitlichen breiten Galerie, gelangt man in die sogenannte „Griechische Kapelle“, ein ockerfarben ausgemalter Doppelraum mit Steinbänken für den Ritus des „refrigerium“, das Totenbankett. Szenen aus dem Neuen und Alten Testament zieren die Wände. Das Quellwunder Moses, der Susanna-Zyklus, die drei Jünglinge im Feuerofen, das Isaak-Opfer, Noah in der Arche und Daniel in der Löwengrube belegen die Vorliebe der ersten Christen für alttestamentarische Bildthemen. Unter dem frühen neutestamentlichen Repertoire sieht man neben dem Guten Hirten und den heiligen drei Königen die Heilwunder Christi. In neuer Farbpracht erscheint heute die Malerei im rechteckigen Cubiculum des Lazarus, einer Kammer aus dem 4. Jahrhundert: Ein bartloser Christus, ein typischer Darstellungstypus der Frühzeit, berührt den noch mit weißen Bändern umwickelten Lazarus. Interessant ist die erste eucharistische Szene (fractio panis) mit 6 Männern und einer verschleierten Frau. Auf dem Sigma-förmigen Tisch verteilen sich Becher, Fisch und Brot. Ein Mann bricht das Brot.

Neben den Laser-Reinigungen der Fresken und Stuckarbeiten, einer neuen Technik wurden auch 700 Sarkophag-Fragmente aus dem 3. und 4. Jahrhundert restauriert und in einem Museum ausgestellt. Ihr Reliefdekor illustriert auf anschauliche Weise den Übergang von paganen zu christlichen Bestattungen. Denn in den unterirdischen Grabgalerien wurden anfangs auch Heiden beigesetzt. Er zeigt darüber hinaus, wie die Christen immer stärker eigene Bildformeln und Ikonographien entwickeln, um ihre Botschaften und Vorstellungen auszudrücken.

Die überraschenden Ergebnisse der Restaurierung wurden am 19. November von Kardinal Gianfranco Ravasi, dem Präsidenten des Päpstlichen Kulturrates und dem Superintendenten Fabrizio Bisconti vorgeführt. Bei der Gelegenheit hat Google Maps den virtuellen Rundgang durch die Katakomben freigeschaltet. Es handelt sich um einen neuen Service, zu finden unter „Views Priscilla“, der nicht nur das Durchwandern der beleuchtenden Galerien ermöglicht. Für den Nutzer ist es möglich, das dreidimensionale Bild heranzuzoomen, Details zu studieren und von links nach rechts zu schwenken. Das ist eine wunderbare Alternative für all diejenigen, die nicht nach Rom reisen können oder denen Gehprobleme das Herabsteigen der Treppen in die unterirdische Totenstadt unmöglich machen. „Die Initiative stammt von Google selbst“, sagte Georgia Abeltino, die Verantwortliche für das Internetprojekt, bei der Eröffnung. „Unternehmensziel ist, in Zukunft so viele kulturelle Inhalte wie möglich ins Netz zu stellen.“