Element des guten Willens oder Wachstumsbremse? Gerechter Lohn und Mindestlohn aus sozialethischer Sicht

Von Peter Schallenberg

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WÜRZBURG, 18. Januar 2006 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- In den Augen der Theologie ist der Begriff Lohn eigentlich – im Licht der Ewigkeit betrachtet zumindest! – ein Unwort. Im Evangelium ist davon die Rede, dass viele Menschen schon ihren Lohn für gute Taten auf Erden erhalten, und somit keine Ansprüche mehr im Himmel haben: Gebrandmarkt wird eine schiere Geldgier und Belohnungssucht, eine auf purem Kosten-Nutzen-Kalkül aufbauende korrumpierte Gesinnung, die nur und ständig auf Kompensation für gebrachten Einsatz schielt, auf Entgelt und Vergütung, die alles be- und verrechnet, unablässig um die bang nagende Frage kreisend: Was werde ich dafür bekommen? Selbst die Jünger im Evangelium sind angekränkelt von dieser Gesinnung und fragen mehr als einmal angstvoll Jesus: „Was werden wir dafür bekommen?“, oder: „Welchen Platz werden wir dereinst einnehmen?“



Mit solcher Haltung freilich wird Liebe im eigentlichen Sinn verunmöglicht, keiner von uns lebt Ehe oder Freundschaft mit der geheimen Frage nach Belohnung. Und doch – die Sozialethik steigt in die rustikalen Niederungen des außerparadiesischen Lebens und muss nach gerechtem Lohn fragen, denn der Mensch lebt nicht mehr im ursprünglichen Paradies spontaner Liebe und eben auch noch nicht im Himmel der freien Zuwendung Gottes! Der Mensch erfährt seinen Wert und seine Würde vielmehr hierzulande auch und gerade durch Belohnung und Lohn und Vergütung, also durch Gerechtigkeit, ohne dass ein Mensch freilich umgekehrt seine Würde auf den gezahlten Preis reduzieren dürfte. Nicht umsonst mahnt Immanuel Kant: Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das mehr als einen Preis und einen Wert, nämlich Würde hat. Und dennoch hat der Mensch, dessen Würde nicht aufgerechnet werden kann und der sich jeder Preisberechnung entzieht, Anspruch auf einen gerechten Lohn.

Das ist der Spagat der Soziallehre: am Ideal unbezahlbarer Liebe und Zuwendung festzuhalten und zugleich realistisch Mindestlohn vom Billiglohn zu unterscheiden, jeder Ausbeutung von Menschen durch ungerechte Entlohnung zu wehren. Es geht letztlich immer um Liebe, denn das ist das Ziel der ewigen Anschauung Gottes, zu der wir hin unterwegs sind. Aber das Kleid, oftmals verschlissen und abgetragen, in das sich irdisch diese Liebe verbirgt, ist Gerechtigkeit. Der neue Sozialkatechismus notiert daher folgerichtig: „Die Vergütung ist das wichtigste Mittel, um die Gerechtigkeit in den Arbeitsverhältnissen zu verwirklichen. Die einfache Übereinkunft zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern hinsichtlich der Höhe der Vergütung genügt nicht, um den vereinbarten Lohn als ‚gerecht‘ zu qualifizieren, denn dieser darf nicht so niedrig sein, dass er einem genügsamen rechtschaffenen Arbeiter den Lebensunterhalt nicht abwirft: die natürliche Gerechtigkeit ist der Vertragsfreiheit vor- und übergeordnet.“ In der etwas altfränkischen Sprache aus der ersten Sozialenzyklika Rerum novarum (1891) von Papst Leo XIII. wird hier zitiert, was dem Inhalt nach immer noch aktuell ist: (1) Es gibt einen Begriff von objektiver Menschenwürde (natürliche Gerechtigkeit) und objektivem Menschenrecht, das immer und überall zu schützen ist, selbst wenn ein Mensch, aus welchen Motiven auch immer, auf diese Würde und dieses Recht verzichten würde: Recht auf Leben (daher das immer gültige Verbot der Selbsttötung), Recht auf Arbeit, Recht auf würdige Behandlung (daher das immer gültige Verbot von Sklaverei und Kinderarbeit), Recht auf Nicht-Verspeisung (daher das immer gültige Verbot von Kannibalismus, selbst wenn zwei sich einig wären). In Bezug auf den gerechten und menschenwürdigen Lohn, auf den keiner um seiner Würde willen verzichten dürfte, gibt es freilich keinen eindeutigen Maßstab außer dem Existenzminimum, das durch den Lohn garantiert werden muss. Daher folgt: (2) Ein genügsamer Lebensunterhalt reicht uns heute, über hundert Jahre nach „Rerum novarum“, nicht mehr zur Bestimmung des gerechten Lohnes und des Mindestlohnes, denn mehr denn je leben wir vom Bewusstsein gleicher Menschenwürde, die sich folgerichtig auch in nicht allzu sehr gespreizten Löhnen abbilden soll. Daher empfinden wir exaltierte Jahresgehälter von Managern und Bankern zu Recht als obszön – nicht aber seltsamerweise von Fußballspielern – und als ungerechtfertigten Auswuchs einer aus dem Ruder laufenden Sozialen Marktwirtschaft.

Unsere Gesellschaft lebt mehr denn je vom Vergleich mit anderen, und damit leider auch, mehr denn je, von Neid und Eifersucht und Missgunst. Das ist zunächst nicht zu beklagen, sondern schlicht festzustellen. Globalisierte Sozialstaaten werden in Zukunft mit größerer Ungleichheit leben müssen, auch innerhalb eines Staates, und das wird als ungerecht empfunden. De facto gab es immer eine Zwei-Klassen-Medizin und eine Zwei-Klassen-Vergütung. Das ist ärgerlich, aber jeder weiß das, und wir nehmen es hin – im Gegensatz zum Kommunismus, der jeden Arbeiter von Stirn und Faust, jeden Pfleger und jeden Arzt gleich entlohnte – um des Wettbewerbes willen, sofern die Unterschiede nicht allzu grell glänzen.

Können Mindestlöhne eine übermäßige Spreizung der Einkommen verhindern und für mehr Gerechtigkeit sorgen? Der Verfasser fürchtet: Nein! Vielmehr werden Mindestlöhne im produzierenden Gewerbe die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins billigere Ausland verstärken und im Inland prekäre Arbeitsverhältnisse und Zeitarbeitsverhältnisse befördern. Der Effekt des guten Willens würde verpuffen. Der Arbeitsmarkt im globalen Wettbewerb ist zu fragil und sensibel, als dass er auch noch mit Mindestlöhnen befrachtet werden dürfte. Ohnehin ist das Problem weniger eine ärgerliche Ausbeutung von Arbeitskraft bei beschämender Entlohnung, als vielmehr soziale Armut trotz staatlicher Unterstützung von Familien und Alleinerziehenden.

Es bleibt der schwierige Spagat der Sozialpolitik und des Sozialstaates: Produktivität und damit Wohlstand für alle anzukurbeln und zugleich auf eine einigermaßen gerecht entlohnte Menschenwürde der Menschen zu achten, die für eine Arbeitsleistung einen Lohn erhalten, der nur schwach abbildet, dass sie mehr sind als billige Maschinen. Denn: Der Mensch ist stets mehr, als er verdient!

[Der Autor ist Professor für Moraltheologie und Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Fulda; © Die Tagespost vom 16.01.2007]