Energisch, herzlich und unprätentiös

Erste Audienz mit Franziskus I. und der Presse

Vatikanstadt, (ZENIT.org) Tanja Schultz | 740 klicks

Dass Papst Franziskus anders ist als seine Vorgänger, verrät allein sein Schritt: nicht würdevoll gemächlich, sondern energisch, schwungvoll und herrlich unprätentiös. Die Vorstellung, wie er als Missionar die Favelas in Buenos Aires durchstreift, drängte sich Samstagmorgen unwillkürlich bei der ersten Audienz mit der Presse auf. Nur mit einer weißen Soutane bekleidet, überquerte er mit langen, unbekümmerten Schritten die Tribüne der vatikanischen Audienzhalle, um auf dem Papstsessel Platz zu nehmen. Schon auf der Loggia des Petersdoms, als er sich erstmals dem Volk nach der Verkündigung des Habemus Papam präsentierte, hat er die elegante rote Mozzetta aus Samt mit weißen Fellsaum und das funkelnde Goldkreuz verschmäht. „Das kannst Du selber tragen“, soll er dem verdutzten Zeremonienmeister geantwortet haben. Also ab sofort keine herrschaftlich anmutenden Ehrabzeichen des Kirchenoberhauptes mehr und auch das restliche Hofprotokoll riskiert, generalüberholt zu werden. Franziskus genügt sein einfaches Metallkreuz, das er damals zur Bischofsweihe geschenkt bekam.

Der Verzicht auf herkömmliche Insignien zeigt Kohärenz zu seiner Vergangenheit als „Anwalt der Armen“, aber auch zu dem, was er in den wenigen Tagen seines Pontifikats öffentlich verlauten ließ. Seine Worte werden von den Menschen gierig aufgenommen. Man will alles über und von diesem in Europa weitgehend unbekannten argentinischen Papst erfahren, dem man jetzt schon als Reformer feiert, als „Papst gegen die globale Krise“.

So haben auch die Pressevertreter Samstagvormittag ungeduldig auf diese erste Begegnung mit dem neugewählten Petrusnachfolger gewartet. Der Audienzsaal war mit 6000 Teilnehmern fast bis auf den letzten Platz ausgefüllt. Außer den rund 4800 akkreditierten Journalisten und Kameraleuten aus circa 80 Ländern sah man auch viele Kinder in den Reihen. Im letzten Moment hatte Pressesprecher Pater Lombardi in einem Briefing die Medienvertreter aufgefordert „ihre Familienangehörigen zu der Audienz mitzubringen“. Das sei ausdrücklicher Wunsch des Papstes, der am liebsten „halb Rom mit Kind und Kegel in der Sixtina“ empfangen hätte.

Nicht der Papst, sondern Jesus Christus sind das Haupt“

Als der Heilige Vater um 11 Uhr den Saal betrat, empfing ihn die Presse mit einem langen „standing ovation“. Er dankte zunächst allen Journalisten für ihre Arbeit. „Ihr musstet in den letzten Wochen ganz schön schuften, nicht wahr“, rief er ihnen schmunzelnd zu.

Dann erinnerte er daran, dass er als neuer Bischof von Rom nicht im Mittelpunkt stehe. „Nicht der Papst, sondern Jesus Christus sind das Haupt.“ Dieser Ausspruch darf als Schlüssel zu dem neuen Selbstverständnis des Petrusamtes aufgefasst werden. „Christus ist der Bezugsüimlt für das Verstehen von Glaube und Kirche!“ Die Aufforderung, dass für eine gute und gerechte Berichterstattung über Kirchenereignisse die Dimension des Glaubens einbezogen werden sollte, einfach, um die Ereignisse der Kirche besser verstehen zu können, richtete sich vor allem an die mehrheitlich laizistische Presse im Saal. „Die Kirche ist nicht komplizierter zu berichten als politische oder ökonomische Ereignisse, sie folgt allerdings nicht einer Logik im Sinne der weltlichen Kategorien. Deswegen ist es nicht einfach, sie zu verstehen und an eine weite und sehr unterschiedliche Öffentlichkeit zu kommunizieren.“ Die Arbeit der Journalisten brauche Ausbildung und Erfahrung wie andere Berufe auch, aber sie wende sich in ganz besonderer Weise der „Wahrheit, der Güte und der Schönheit“ zu.

Ich möchte eine arme Kirche und eine Kirche für die Armen“

Besonderen Enthusiasmus erregte seine Erzählung von dem Konklave, wie es zur Namenswahl gekommen sei und auf welchen Franziskus er sich eigentlich namentlich beziehe. Als die Stimmenzahl auf seine Wahl langsam hindeutete, umarmte ihn der brasilianische Kardinal Claudio Hummes, küsste ihn auf die Wange und gemahnte den alten Freund: „Vergiss die Armen nicht!“ In jenem Augenblick sei Bergoglio die Idee des Namens in ihm wach geworden: Franziskus von Assisi, ein Mann der Demut und Einfachheit. Darüber hinaus stehe er aber auch für die Liebe zur Schöpfung, was gerade heute wichtig sei, wo die Menschen „keine gute Beziehung zur Natur“ hätten. Franziskus stehe auch für den Frieden, woran der Papst die restliche Zeit der Auszählung der Stimmen lang habe denken müssen.

„Ich trage den Namen Franziskus, weil ich eine arme Kirche und eine Kirche für die Armen wünsche!“, lautet seine abschließende Erklärung gegenüber den applaudierenden Journalisten.

Allgemeine Heiterkeit erntete seine eingeschobene Anekdote von dem Vorschlag einiger Kardinäle, sich Clemens XV. zu nennen, um sich an den Namensvorgänger (Clemens XIV.) zu rächen, der schließlich den Jesuitenorden aufgelöst hatte.

Die direkte, offene und persönliche Art des neuen Bischofs von Rom zog alle Audienzteilnehmer in den Bann. Es ist evident, dass auch die physischer Nähe zu den Gläubigen zu seiner bisherigen Pastoralarbeit als Jesuit gehörte. Die Annahme der Petrusschlüssel scheinen Bergoglio nicht zu einer Änderung seines Habitus zu verleiten. Sein südamerikanisches Naturell kommt jedenfalls gut an bei den Menschen. Bei der individuellen Begrüßung von auserwählten langjährigen Vatikan-Journalisten zum Abschluss der Audienz ließ er sich von einigen – die er wohlmöglich von früher kannte   innig umarmen und einen Kuss auf die Wange drücken. Das Glas Mate-Tee, das argentinische Nationalgetränk, nahm er ebenso freudig von einer Landsmännin als Mitbringsel entgegen, wie er sich auch spontan zu dem Blindenhund eines Journalisten herabbeugte und diesen streichelte.

Da viele Audienzteilnehmern Anhänger anderer Konfessionen oder Nichtgläubige waren, verzichtete Papst Franziskus auf die übliche Segensspendung. Diese wolle er aus Respekt nur im Stillen für jeden einzelnen Anwesenden vollziehen, in dem Wissen, dass sie alle Kinder Gottes sind. „Gott segne Euch!“