Ennio Morricone: „Der Glaube ist in meiner Musik immer präsent"

Ein Komponist spricht über den spirituellen Hintergrund seines Werkes

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Von Edward Pentin


Rom, 18. September 2009 (ZENIT.org).- Vielleicht kennen Sie seinen Namen nicht, aber Sie werden mit ziemlicher Sicherheit mit seiner Musik vertraut sein: Maestro Ennio Morricone ist allgemein als einer der besten Film-Komponisten Hollywoods bekannt. Morricone studierte am Santa Cecilia-Konservatorium Trompete, Orchestrierung und Komposition. Er schrieb über 400 Filmmusiken, davon über 30 zu Italo-Western der 60er-Jahre wie „Für eine Handvoll Dollar", „Zwei glorreiche Halunken" und „Spiel mir das Lied vom Tod". Vielen Katholiken ist er vielleicht vor allem für seine bewegende Filmmusik in „The Mission" bekannt, ein Film, der 1986 über die jesuitischen Missionare gedreht wurde, die im 18. Jahrhundert in Südamerika wirkten.

Von den etwas mehr als 450 Filmmusiken, die Morricone geschrieben hat, machen die Filmmusiken zu Western aber nur 8,5 Prozent aus. Es gab wichtige Filme wie „Die Verdammten", „Es war einmal in Amerika", „Nuovo cinema Paradiso". Aber man denkt nun einmal sehr oft, wenn man seinen Namen hört, an die Western und weniger an Filme, die eben keine Western, in Deutschland aber dennoch sehr erfolgreich waren. Aber sein Beitrag zur Filmindustrie geht weit über seine berühmtesten Werke hinaus. Arbeitete er doch mit führenden Regisseuren in Hollywood, von Sergio Leone und Bernardo Bertolucci bis zu Brian De Palma und Roman Polanski.

Er geht auf die 80 zu und wirkt immer noch kräftig und stark. Der legendäre Komponist hat gerade den Soundtrack zu Giuseppe Tornatores „Baaria" fertig gestellt, einen Film, mit dem das diesjährige italienische Filmfestival von Venedig eröffnet wurde. Gleichzeitig lud Quentin Tarantino ihn ein, die Noten für seinen neuesten Film zu schreiben, „Inglourious Basterds" (Terminschwierigkeiten hinderten Morricone daran, aber er überließ Tarantino stattdessen Clips aus seiner bisherigen Arbeit für den Film).

Der berühmte italienische Komponist gewinnt auch weiterhin hoch angesehene Auszeichnungen: Anfang dieses Jahres erhob ihn Nicolas Sarkozy, der französische Präsident, zum Rang eines Ritters im Orden der Ehrenlegion - die höchste Ehre des Landes. Das ist eine Auszichung neben einer langen Liste von anderen großen Auszeichnungen, darunter ein „Honorar Academy Award“, fünf Oscar-Nominierungen, fünf Golden Globes und ein Grammy. Im Jahr 2007 erhielt er einen Oscar für sein Lebenswerk.

Doch Maestro Morricone, der in Rom geboren wurde, zieht es immer weg aus dem Rampenlicht, und nur selten gibt er Interviews. So war es doch eine Überraschung für mich, dass er sich freundlicherweise bereit erklärte, eine Ausnahme zu machen, um mich eines Morgens im August in seine Wohnung im Zentrum von Rom einzuladen, wo er mit mir vor allem über seinen Glauben und seine Musik sprach.

Sein Haus ist genauso, wie man sich das erwarten würde: Ein makelloser schwarzer Flügel steht nahe dem Fenster eines großen und geschmackvoll eingerichteten Wohnzimmers, das kunstvoll mit Wandmalereien, klassischen Gemälden und Mahagoni gestaltet ist.

Aber Morricone, der eine Frau und vier erwachsene Kinder hat, ist ein bescheidener Mann ohne Allüren, und er antwortet auf Fragen in der Regel auf die römische Art: direkt und auf den Punkt gebracht. Zunächst fragte ich ihn, ob seine Musik, die viele als sehr spirituell erachten, durch seinen Glauben inspiriert sei. Obwohl er sich selbst als „Mann des Glaubens" bezeichnet, nimmt er mit Blick auf seine Arbeit eine sehr professionelle, aber einfache Haltung ein und sagt, sein Glaube inspiriere ihn nun nicht zu den meisten seiner Kompositionen.

Wenn der Film nicht über Religion handle, denke er nicht ausdrücklich über Gott und die Kirche nach, sagt er. „Ich denke über die Musik nach, die ich zu schreiben habe - Musik ist eine abstrakte Kunst. Aber natürlich, wenn ich an einem religiösen Stück schreibe, trägt sicherlich mein Glaube viel dazu bei." Allerdings, so fügt hinzu, gebe es in ihm eine Spiritualität, die in seinen Kompositionen immer durchscheine. Aber das sei nicht etwas, was er explizit so haben wolle, er fühle es nur einfach.

„Weil ich ein gläubiger Mensch bin, ist dieser Glaube wohl immer bei mir, aber das müssen andere merken, die Musikwissenschaftler und diejenigen, die nicht nur die Musikstücke analysieren, sondern auch ein Verständnis für mein Wesen haben, für das Heilige und das Mystische", erklärt Morricone. Er sei davon überzeugt, dass Gott ihm helfe, „eine gute Komposition zu schreiben - aber das ist eine andere Geschichte."

Er gibt mir eine ähnlich professionelle und einfache Antwort auf die Frage, ob er irgendwelche Bedenken hat, Musik für recht gewalttätige Filme zu komponieren. „Ich muss dem Film dienen", erklärt er diesbezüglich. „Wenn der Film gewalttätig ist, dann komponiere ich Musik für einen gewaltsamen Film. Wenn ein Film von Liebe handelt, arbeite ich für einen Liebesfilm. Vielleicht gibt es gewalttätige Filme, in denen das Sakrale oder mystische Elemente vorkommen und nicht nur Gewalt, aber ich habe nie selbst nach diesen Filmen Ausschau gehalten. Ich versuche, ein Gleichgewicht mit der Spiritualität des Films herzustellen, aber der Produzent denkt nicht immer so wie ich.“

Ennio Morricone begann seine musikalische Karriere 1946 nach dem Erhalt des Trompeten-Diploms. Ein Jahr später komponierte er schon Theatermusik und spielte in einer Jazz-Band, um seine Familie zu unterstützen. Doch seine Karriere in der Filmmusik, die im Jahr 1961 begann, nahm ein paar Jahre später ihren Lauf, als er gemeinsam mit seinem alten Schulfreund Sergio Leone und seine „Spaghetti-Western“ begann.

Vielleicht sei er gerade für dieses Genre bekannt, sagt er, auch wenn es nur acht Prozent seines Repertoires ausmache. „Jeder bittet mich darum, bei Western mitzumachen, aber ich vermeide das, weil ich Vielfalt bevorzuge.“

Was den Film „The Mission" angeht, lobt er sowohl die technische als auch die spirituelle Wirkung. Bei diesem Film sei es gelungen, drei musikalische Themen, die mit dem Film in Zusammenhang stehen, zu kombinieren. Die Mitwirkung von Geigen und Pater Gabriels Oboe „stellen die Erfahrung der Renaissance über den Fortgang der Instrumentalmusik" dar. Der Film benutzt außerdem andere Formen von Musik, die aus der Kirchenreform des Konzils von Trient herrühren, und er endet mit der Musik der Indianer.

Das Ergebnis sei eine „moderne" Themenstellung, bei dem alle drei Elemente - die Instrumente, die aus der Renaissance kamen, die nachkonziliäre reformierte Musik und die Volksmelodien am Ende des Films harmonisch - zusammen kämen. „Das erste und zweite Thema gehen Hand in Hand, das erste und dritte kommt zusammen, und das zweite und dritte fließt schließlich ineinander über", erklärt Morricone. „Das war mein technisches Wunder, und ich glaube, das war ein großer Segen."

Doch, so fügt der italienische Komponist hinzu, habe er noch eine andere Formel für erfolgreiche Filmmusik. „Wenn ich sie gekannt hätte, hätte ich schon früher angefangen, immer mehr Musik wie diese zu schreiben", sagt er. Die Qualität von Musik hänge davon ab, ob er glücklich oder traurig sei.

„Wenn ich weniger glücklich, rettet mich immer die Professionalität und die Technik“, sagt er. Er verrät auch nicht seine Lieblingsstücke oder Lieblingsfilme. „Ich liebe sie alle, denn bei allen habe ich in gewisser Weise eine Form von Qual und Leiden durchgemacht, als ich an ihnen arbeitete, aber ich muss und werde dies nicht beurteilen.“

Wir wenden uns schließlich dem Thema eines anderen leidenschaftlichen Musikers zu: Papst Benedikts XVI. Morricone sagt, er habe eine „sehr hohe Meinung" vom Heiligen Vater. „Er scheint mir ein sehr edel gesonnener Papst zu sein, ein Mann von großer Kultur und auch großer Stärke." Er sei besonders wohlwollend gegenüber den Bemühungen Benedikts XVI. zur Liturgiereform eingestellt, ein Thema, das Morricone innerlich sehr packt. „Heutzutage hat die Kirche einen großen Fehler gemacht; sie hat die Uhren 500 Jahre zurückgedreht und Gitarren und Volkslieder einbezogen", argumentiert er.

„Ich mag das überhaupt nicht. Gregorianischer Choral hat eine wichtige und bedeutende Tradition in der Kirche, und diese sollte man nicht aufgeben, indem man gewisse Leute religiöse Worte mit profanen vermischen lässt, fast im Stil von Western-Songs. Das ist schon heftig, sehr heftig."

Er behauptet, dass hier schlicht die Uhren zurückgedreht würden, weil das Gleiche auch schon vor dem Konzil von Trient passiert sei, als Sänger Profanes mit sakraler Musik vermischten. „Der Papst tut gut daran, dies zu korrigieren", sagt Morricone. „Er sollte das mit noch viel mehr Festigkeit korrigieren. Einige Kirchen haben darauf Rücksicht genommen, aber andere nicht."

Maestro Morricone sieht fitter und wesentlich jünger aus, als er ist. Das erlaubt ihm auch, weiterhin Konzerte auf der ganzen Welt zu geben. In der Tat ist er mehr denn je gefragt: Im nächsten Monat wird er seinen Soundtrack auf der Los-Angeles-Hollywood-Bowl vorstellen.

Doch trotz all seines Ruhms und seiner Auszeichnungen hat der berühmte italienische Komponist nichts von seiner römischen Bodenständigkeit und Demut verloren. Vielleicht ist es gerade das, und seine anrührenden und einzigartigen Kompositionen, was ihn zu einem der ganz Großen Hollywoods macht.

Von Edward Pentin, der als freier Schriftsteller in Rom lebt. Seine Email-Adresse lautet: epentin@zenit.org . Aus dem Englischen übersetzt von Angela Reddemann]