Entsetztes Abwenden vom gekreuzigten Christus

Von Klaus Berger

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WÜRZBURG, 12. Juni 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Auch unter strengen Maßstäben zeigen die Texte des Zweiten Vaticanums einen vorbildlichen Umgang mit der Heiligen Schrift. Vor allem aber wollte man alte Ängste und Hemmnisse beseitigen. Man bejahte die modernen Methoden. So konnte man fruchtbares Wirken der Schätze der Bibel erwarten. Noch in den ersten Jahren meines Studiums (1960–1965) galt die Exegese als Hoffnungsträgerin für die ganze Kirche. Was ist daraus geworden? Jedenfalls in Deutschland wurden die Anregungen und Hoffnungen des Konzils zu einem weiteren starken Schub einer gnadenlosen Säkularisierung, so eben, „als gäbe des Gott nicht“. Wie kam es dazu?



„Ein faszinierendes Bild wahrer Menschlichkeit“ – so wird Jesus auf dem Umschlag eines Jesusbuches eines bekannten deutschen katholischen Neutestamentlers 2006 genannt. Sind diese wenigen Worte nicht so etwas wie die Summe des nachkonziliaren Jesusbildes vieler Ausleger? In der Tat: Das Konzil wurde in Deutschland begleitet und ausgelegt durch den Siegeszug der Theologie Karl Rahners. Was dabei geschah, darf man gut und gerne eine anthropologische Wende nennen. Zu Deutsch heißt das: Jesus Christus wird nicht von der Beziehung Vater/Sohn her gedacht, sondern in der Beziehung von Mensch und Gott als der Idealfall der Verwirklichung des Menschen. So sah es freilich auch schon F. Schleiermacher, und damit ist gleich auch die Brücke zum liberalen Protestantismus geschlagen. Zwar ist das Neue Testament für eine Auslegung auf die „wahre Menschlichkeit“ aus meiner Sicht denkbar ungeeignet, aber des Menschen (Auslegers) Wille ist eben buchstäblich sein Himmelreich.

Und obwohl Karl Rahner – ungeachtet sonstiger Qualitäten – immer wieder vorgehalten wird und werden muss, dass er für Exegese nicht viel Sinn gehabt habe – seine Wirkung gerade auf die katholische deutsche Exegese ist mit Händen zu greifen. Sie verstärkt die ohnehin wirksame Faszination, die R. Bultmann auf die katholischen Kollegen ausübte, und legitimiert sie gewissermaßen dogmatisch. Denn unbestritten ist, dass Bultmann und Heidegger (zu dessen Schülern Karl Rahner zählt) nicht nur eng zusammen gelehrt und gearbeitet haben, sondern eben auch denselben philosophischen Hintergrund im Deutschen Idealismus hatten.

Man kann nun sehen, dass die nachkonziliare deutsche Exegese aufgrund katholischer Voraussetzungen gerade für eine und speziell diese Philosophie besonders anfällig war. Denn Philosophie war doch immer schon eine wesentliche Grundlage gerade katholischer Theologie im Ganzen. Was hinderte eigentlich daran, die philosophische Anthropologie jetzt zur Basis der Exegese zu machen? Heinrich Schlier war der bekannteste Schüler R. Bultmanns, der die Konsequenz zog und katholisch wurde. Und Systematiker wie G. Hasenhüttl haben ihr Leben lang nichts anderes getan als Bultmann auf die katholische Dogmatik zu übertragen, auch wenn R. Bultmann schon zu Hasenhüttls Dissertation ein ironisches Vorwort schrieb.

Und war der anthropologische Ansatz nicht wirklich faszinierend? Wenn man Wahrheiten über den Menschen erfahren konnte, war die Frage ob historisch oder unhistorisch recht belanglos, und der Weg zu interreligiöser Wahrheit ist dann leicht gefunden. Man sollte sich daher nicht wundern, wenn die katholischen Dialogpartner im ökumenischen Gespräch wie im interreligiösen Feld sehr leicht die gemeinsame Wahrheit über „den Menschen“ erkennen. Alles Kantige, Ärgerliche und Verletzende historischer Einmaligkeit geht so über Bord.

Die jüngere Diskussion über Jesu Leiden und Kreuz hat dafür gute Beispiele geliefert. Es waren dieselben katholischen Professoren (auch Exegeten), die sich gegen die exzessive (zu Deutsch: realistische) Darstellung des Leidens Jesu in einem Film wandten und die sich entsetzt abwenden, wenn ihnen jemand die Zumutungen der paulinischen Kreuzestheologie drastisch vor Augen hält. Denn in der Tat kann Paulus das Kreuz nur als denkbar größte Schande und einen Gott, der dazu steht, nur als einen Gott darstellen, an den man von Rechts wegen nicht glauben kann. Weder bei Jesu Leiden noch bei der Theologie des Kreuzes geht es um das „faszinierende Bild wahrer Menschlichkeit“, sondern einen solchen Gott darf es (eigentlich) gar nicht geben.

Anthropologische Theologie dagegen domestiziert alles auf das für Menschen Mögliche. Das gilt beispielsweise auch für die Mariologie. Deren Thema ist doch nur bisweilen Maria als Inbegriff wahrer Menschlichkeit, in der Hauptsache dagegen als die einzigartig Erwählte. Doch bei der anthropologischen Auslegung klingt mir immer nur der kategorische Imperativ Kants in den Ohren, der in der Christologie und Mariologie sozusagen galoppierend sozialdemokratisch ausgelegt wird.

Das ewige Grundthema ist immer wieder: Wie wird der Dogmatiker mit der Historie fertig? Verblüffend naiv dazu die Äußerung eines süddeutschen katholischen Dogmatikers: Da die Kirche ja vom Heiligen Geist inspiriert lehre, seien ihre Aussagen auch ohne historisches Fundament wahr. Ich kann das, ich bitte um Nachsicht, nur als schlechten Witz bezeichnen. Das ist Bultmann auf katholisch. Für mich ist es reiner Zynismus.

Wer sich über den neueren Stand informieren möchte, sei auf den Sammel-Bericht eines katholischen Exegeten in der Herder-Korrespondenz 2007 verwiesen. Alternativlos und damit positiv wird Jesu Mahlwunder als „narrative Ausgestaltung einer Massenspeisung“ dargestellt. Die Frage danach, woher denn das viele Brot für die Massen kam, wird offenbar als „narrative Ausgestaltung“ gedacht. Mein Kommentar: Schließlich muss man ja als „moderner“ Ausleger bei der Vernunft bleiben. Die Verklärung sei eine „Jüngervision“, also ohne Grundlage in wirklicher Geschichte? Und ebenfalls ohne Protest kann die „Jungfrauengeburt“ (gemeint ist: Jesu Entstehung durch den Heiligen Geist in der Jungfrau Maria) als „theologische Konstruktion“ durchgehen. Ein anderer bekannter katholischer Exeget scheut sich nicht, Josef den biologischen Vater Jesu zu nennen.

Besonders interessant: Die einzige in den letzten Jahren diskutierte Alternative dieses Themas, durch Anfragen beim Verständnis von Wirklichkeit neu anzusetzen und derartige Ereignisse als mystische Fakten anzusehen, wird „ins hermeneutische Abseits“ verwiesen. Denn natürlich passen mystische Fakten nicht zum herrschenden neuprotestantischen Weltbild des Post-Hegelianismus à la Ernst Troeltsch. Die mangelnde Sorgfalt der Auseinandersetzung in diesem Punkt überrascht besonders angesichts der Ausführlichkeit, mit der über die Ladenhüter der liberalen Exegese berichtet wird.

Die positiven Aussagen des Konzils, insbesondere von Nostra aetate, über das Verhältnis von Kirche und Judentum, speziell über die bleibende Bedeutung der Erwählung Israels auch für die Kirche, sind gut bekannt und hier nicht zu wiederholen. Aber was ist in der Exegese daraus geworden? Erstens: Einen Neuen Bund darf Jesus nicht gewollt haben. Die Lesart der Kirche (bei der Messe) führe laut maßgeblichen Exegeten dazu, „die Sinaioffenbarung in ihrem systematischen Stellenwert zu degradieren, als habe die Christenheit die Judenheit ersetzt“ . Meine Anfrage: Aber was ist mit der Sinai/Sion-Antithese in Hebr 12? Wo steht denn im Sinai-Bund etwas von Sündenvergebung? Man lese vor allem 2 Kor 3, um festzustellen, dass das mit dem Neuen Bund so einfach nicht ist, jedenfalls für den Juden Paulus. Warum gilt dann der Neue Bund für alle Heiden, der Alte aber nicht?

Wegen Röm 9–11 möchte man Judenmission ausschließen. Dabei möchte doch Paulus selbst leidenschaftlich wenigstens einige Juden zum Glauben an Jesus bekehren. Allerdings geht das Neue Testament selbst immer wieder davon aus, Judenmission müsse von Judenchristen ausgehen. Jer 31, 31.34, wo vom Neuen Bund die Rede ist, erwähnt, dass dann, wenn der Neue Bund Wirklichkeit wird, auch ein Israelit nicht mehr den anderen belehren müsse. Das kann man gut auf die Judenmission durch Juden beziehen.

Viele Exegeten sind der Meinung, Israel komme um den Glauben an Jesus herum. Daher sagt man, das Heil sei dem jüdischen Volk dennoch zugesagt, auch wenn es nicht an Jesus glaube. Schon nach ältester Überlieferung hat Jesus selbst das anders gesehen: Mt 23, 39 („Doch eines Tages werdet ihr mich wiedersehen. Dann werdet ihr mir zurufen: Willkommen. Du bist der, der da kommen soll in Gottes Namen!“ (Lk 13, 35). Und Paulus nach Röm 11, 23 pflegt man auch zu verschweigen, wo er sagt, dass Juden, wenn sie nicht im Unglauben verharren, wieder in den Ölbaum eingepflanzt, also gerettet werden. Worin der Unglaube zu Lebzeiten des Apostels besteht, das hat er nun im Römerbrief wirklich oft genug gesagt: darin, dass diese Juden nicht an Jesus glauben (vgl. nur 11, 20).

Überaus sorgfältig ist man darum bemüht, jedes katholische Verständnis der einschlägigen neutestamentlichen Stellen über Ämter und Kirchenstrukturen abzuwiegeln, beziehungsweise möglichst bei der Auslegung Protestanten „links zu überholen“. Als Beispiel sei Mt 16, 18 genannt („Du bist Petrus“), das für echt zu halten sich einfach ein katholischer Exeget in Deutschland nicht leisten darf.

Andererseits gibt es den Abschnitt in 1 Kor 14, 33–36 über das Schweigen der Frauen in der Gemeindeversammlung. Alle neueren katholischen Exegeten müssen meinen, dass es sich hier um einen durch einen späteren Redaktor eingeschobenen Abschnitt handelte. Denn Paulus darf man doch nicht zutrauen, was hier steht. Noch dazu, weil das Verbot hier als Herrenwort bezeichnet wird. Das darf Paulus nicht gesagt haben. Dabei gibt es keinen einzigen textkritischen Anhaltspunkt für einen späteren Einschub. Und es ist schon merkwürdig, dass ausgerechnet die Sätze von einem Redaktor stammen sollen, die der Forderung nach Diakoninnen- und Priesterweihe für Frauen direkt entgegenstehen. Und man beruft sich auf Star-Autoren, die sagen: Von den frühchristlichen Gemeinden seien starke emanzipatorische Bestrebungen ausgegangen.

Ein katholischer Exeget fordert, aufgrund des neutestamentlichen Befundes hätte die katholische Kirche „einen heiligen Herrschaftsverzicht zu leisten und synodale Strukturen zu entwickeln.. , dass das hierarchische, vom Weiheamt her denkende lateinisch-römische ekklesiologische Konzept vom Kopf auf die Beine zu stellen“ sei, „gemäß der Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils mit dem dort favorisierten ekklesiologischen Modell vom wandernden Gottesvolk. Theoretisch ist dies eine kleine Bewegung, praktisch stellt sie das lateinisch-römische Selbstverständnis auf den Kopf“. Dazu ist anzumerken: Weder ist das neutestamentliche Kirchenverständnis synodal noch bedeutet synodale Konzeption „Herrschaftsverzicht“ noch ist das „wandernde Gottesvolk“ gegen irgendwelche Art von Hierarchie auszuspielen. Das gilt übrigens auch vom „allgemeinen Priestertum“, welches überhaupt keine Aussage über das „besondere Priestertum“ einschließt oder voraussetzt. Denn für beides gibt es ganz unterschiedliche Wurzeln und Begrifflichkeiten, sodass jede Art von Konkurrenz zwischen dem Priestertum der Gläubigen und den geweihten Ältesten („Priester“ kommt von „presbyteros“) schlicht ausgeschlossen ist. Aber es ist wie gehabt: Bibelkritik wird zum Instrument der Kirchenkritik. Das kann nicht gutgehen.

Das Konzil hatte bekräftigt, bei der Frage nach der Absicht der Autoren auch die literarischen Gattungen zu berücksichtigen, denn je nach historischer Lage (condicio) werde die Wahrheit je anders ausgedrückt, und zwar mit Hilfe der damals üblichen Gattungen.

Was macht man in Deutschland daraus? Man sagt: Die Tatsache, dass in einem Text von Engeln die Rede ist, weise eben darauf hin, dass es sich um einen legendarischen Bericht handele, dass also von historischer Wahrheit keine Rede sein könne. Daraus gestaltet man dann den Umkehrschluss: Weil es Engel nicht gibt, kann im Falle der Rede von Engeln nur der ganze Bericht falsch sein. Man verwechselt die Frage nach der Intention des Autors sogleich mit der Frage der historischen Tatsächlichkeit – und beantwortet die letztere mit den Kriterien des 19. Jahrhunderts.

Alles nur zeitbedingte Aussagen? Oder Wahrheit?

Oder so: Dass die Wahrheit in verschiedenen Situationen formuliert wurde, „nach den Bedingungen ihrer Zeit und Kultur“, wird natürlich zum Einfallstor von Meinungen, nach denen überhaupt alles Unpassende leider „nur zeitbezogen“ und daher extrem relativ zu nehmen sei. Dazu gehört dann nicht nur der Patriarchalismus in der Ämterfrage, sondern auch die klaren Aussagen der Bibel gegen praktizierte Homosexualität. Diese Aussagen seien eben, so sagt man, „zeitbedingt“ im Sinne des Konzils.

Das Konzil sagt: Die neutestamentlichen Autoren haben ihr Material schriftlich zusammengestellt („conscripserunt“). Schon die deutsche Übersetzung macht an dieser Stelle daraus: „sie haben redigiert“. Und wer weiß, welche überragende Bedeutung gerade für die Erforschung der Evangelien die „Redaktoren“ haben und dass man ihnen insbesondere jede Art von (angeblicher) Fälschung und (mutmaßlicher) Verdrehung sowie (frei erfundener) Neubildung von Jesusworten zutraut, der weiß, was mit der Übersetzung als „redigiert“ angerichtet worden ist.

Die Reaktionen auf den ersten Band von „Jesus“ seitens deutscher Exegeten offenbaren ein hohes Maß von Geschlossenheit. Eine Ausnahme bildet etwa Franz Mussner. Die meisten ziehen sich aus der Affäre, indem sie erklären, es handele sich um ein privates Andachtsbuch. Exegetisch gesehen bedeute das Buch aber einen Rückschritt, auch eben hinter das Konzil.

Hier wiederholt sich ein Stereotyp, dem wir auch in anderer Papstkritik begegnen. Da „das Konzil“ ein unüberschaubarer Berg von Dokumenten ist, hat man auf jeden Fall recht, wenn man den Papst gegen das Konzil ausspielt. Wie oft werden wir noch hören, der Papst sei hinter das Konzil zurückgefallen? Und so sagt man, der Papst habe die redaktionelle Tätigkeit der verschiedenen Evangelisten übersehen oder bewusst ignoriert. Mit Hilfe der „Redaktion“ konnte man doch so schön beispielsweise Mt 16, 18f für eine sekundäre matthäische Redaktion des zugrundeliegenden Textes Mk 8 halten. Wir bemerken: Ideologische Selbstkritik ist nicht gerade die Stärke der Exegeten. Überhaupt keinen Sinn hat man für die Heranziehung der patristischen Exegese, insbesondere der typologischen.

Fazit: Das Zweite Vaticanum war von großer Liebe und Begeisterung zur heiligen Schrift erfüllt. Das wird nicht zuletzt in der liturgischen Verehrung der Evangelien(bücher) deutlich. Gerade in Richtung auf die „literarischen Gattungen“ hat man alles Erdenkliche getan, um dem neuesten Stand der Forschung gerecht zu werden. Entscheidende Forderungen des Konzils aber haben viele Exegeten dann übersehen, insbesondere die, dass die Schrift „in dem Geist gelesen und ausgelegt werden muss, in dem sie geschrieben ist“, und überdies nach der „Analogie des Glaubens“ (Röm 12).

Jedenfalls aber hat man „das Konzil“ als Blanko-Fahrschein dazu missbraucht, nunmehr ungehemmt alle Irrtümer liberaler Exegese fortzuschreiben. Der schon erwähnte Artikel der Herder-Korrespondenz von 2007 fasst dieses alternativlos zusammen: Soteriologie (das heißt Aussagen über das Heil durch Jesus) wird als rückwärtige Projektion angesehen. An die Stelle der Titel „Gottessohn“, „Davidssohn“ und „Menschensohn“ traten Einordnungen Jesu als Religionsstifter, Charismatiker und eschatologischer Heilsmittler. Der ehemalige Jesuit John Dominic Crossan bezeichnet Jesus schlicht als Bauernrevolutionär – sein Buch ist so zum Bestseller geworden. Im Evangelium nach Johannes wird weiterhin die historische Dimension ausgeblendet; es sei nur „narrative Christusdogmatik“. Man kann daher sagen: Weder das Konzil noch das Jesusbuch des Papstes haben die katholische deutsche Exegese erkennbar weitergeführt. Die Öffnung des Konzils wurde missbraucht als Bekräftigung der Sucht nach Säkularisierung, das Konzil ist in diesem Strudel bislang untergegangen. Man kann immer mit Recht sagen, das hier Festgestellte gelte doch nicht für alle. Das ist richtig. Doch ein Kollege mag für den Rest stehen. Er gab seine gut ausgestattete Professoren-Stelle mit der Begründung auf, das Klima in Deutschland mache es schwer, seinen Glauben zu bewahren. Und damit meinte er nicht den Wetterbericht.

© Die Tagespost vom 30. Mai 2009