„Entweder Rom oder den Tod“: Vor 140 Jahren erlebte Garibaldi bei Mentana seine größte Niederlage

Von Ulrich Nersinger

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WÜRZBURG, 5. November 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- „O Roma o Morte – entweder Rom oder den Tod!“ hatte Giuseppe Garibaldi als Devise für seinen römischen Feldzug im Herbst des Jahres 1867 ausgegeben. Mit mehr als 12 000 Freischärlern wollte er durch die Besetzung des Kirchenstaates die Einigung Italiens vollenden. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war auf der apenninischen Halbinsel durch liberale und aufklärerisch orientierte Kräfte ein Nationalbewusstsein geweckt worden, das sich im Streben nach staatlicher Einheit äußerte. Der Kirchenstaat blieb von dieser Entwicklung nicht verschont; gegen das „dominium temporale“, die weltliche Herrschaft der Päpste, wurde mit großen Anstrengungen aufgerufen.



Der Plan der Savoyer war es, den Kirchenstaat zu destabilisieren

1859 verlor der Papst durch revolutionäre Umtriebe die Romagna an den künftigen italienischen König, Viktor Emanuel II. von Sardinien. Im darauffolgenden Jahr musste er nach den schmerzlichen Niederlagen des päpstlichen Heeres bei Castelfidardo und Ancona auch die Marken und Umbrien an Italien abtreten. Das Herrschaftsgebiet des Papstes war auf ein Fünftel seiner ursprünglichen Größe geschrumpft – auf das „Patrimonium Petri“ (Rom und Umgebung, die Provinzen Velletri, Frosinone, Civitavecchia und Viterbo).

Der winzige Kirchenstaat blieb den Anhängern eines geeinten Italiens jedoch ein Dorn im Auge. Das savoyische Königshaus aber war durch internationale Konventionen gebunden und konnte sich nicht offiziell des päpstlichen Territoriums bemächtigen, so sehr es ihm auch danach verlangte. Man musste zu anderen Mitteln greifen. Der Plan war es, den Kirchenstaat zu destabilisieren. Die Freischärler Garibaldis sollten hierzu das Nötige tun. Stände das Patrimonium Petri in Aufruhr, würde Italien dem Papst „zur Hilfe“ eilen und die Ruhe wiederherstellen. Ein Plebiszit würde folgen, das den Willen des Volkes kund täte, in die italienische Nation aufgenommen zu werden – und der Papst wäre seiner „weltlichen Sorgen“ entledigt gewesen.

Am 29. September 1867 fielen die ersten Freischärler in den Kirchenstaat ein. Zunächst gelang es, die schlecht organisierten Banden über die Grenze zurückzuschlagen. In zahlreichen kleineren Gefechten ging der Sieg noch mit Leichtigkeit an die päpstlichen Truppen. Dann aber drangen immer mehr Anhänger Garibaldis in das Territorium des Papstes vor; unabhängige Beobachter sprachen von 12 000 bis 15 000 Mann. Als die strategisch bedeutsame Ortschaft Monterotondo Ende Oktober in die Hände der Freischärler fiel, erkannte man im römischen Kriegsministerium den Ernst der Lage.

In den frühen Morgenstunden des 3. November verließ eine dreitausend Mann starke päpstliche Streitmacht unter dem Kommando von General Hermann Kanzler, dem aus Deutschland stammenden Befehlshaber der Armee des Papstes, die Ewige Stadt und zog auf der Via Nomentana in Richtung Monterotondo, gefolgt von einem zweitausendköpfigen französischen Expeditionskorps, das Kaiser Napoleon III. auf Drängen seiner katholischen Untertanen zur Unterstützung des Papstes nach Rom entsandt hatte. Gegen 13 Uhr traf man bei dem Städtchen Mentana auf mehr als 7 000 Freischärler. Bis zum frühen Abend tobte eine von beiden Seiten unter höchstem Einsatz geführte Schlacht. „An Mut fehlte es niemandem“, bezeugte Ferdinand Gregorovius in seinen Aufzeichnungen. Was kaum jemand für möglich gehalten hatte, gelang, die zahlenmäßig weit unterlegenen Truppen des Papstes errangen einen historischen Sieg und bereiteten der Identifikationsfigur des Risorgimento eine schmähliche Niederlage.

„Dort wurde ich am Fuß verletzt, bei Mentana im Herzen“

Garibaldi, der sich bei den Gefechten nicht in der ersten Linie gezeigt hatte, sondern im Wagen sitzend befehligte, hatte sich noch vor Ende der Schlacht mit ein paar tausend Mann auf die Flucht begeben – und nicht den Tod gesucht. Am frühen Morgen des folgenden Tages überquerte er bei Passo Corese die Grenze des Kirchenstaates. Zwei Monate später, am 7. Januar 1868, wird Giuseppe Garibaldi niederschreiben, was er in diesen Stunden empfand: „Mentana fu per me un secondo Aspromonte; là fui ferito al piede, a Mentana nel cuore – Mentana ist für mich ein zweites Aspromonte gewesen; dort wurde ich am Fuß verwundet, bei Mentana im Herzen.“

Lange Zeit versuchte man – bis in die Geschichtsbücher der Gegenwart hinein –, den Sieg bei Mentana dem Eingreifen der französischen Unterstützungstruppen zuzuschreiben, vor allem dem Einsatz hochmoderner Gewehre, der berühmt-berüchtigten Chassepots, die der kommandierende General des Expeditionskorps, Pierre Louis de Failly, als „Wunderwaffen“ gepriesen hatte („les chassepots ont fait merveilles“) und, Ironie des Schicksals, in einer italienischen Fabrik hergestellt worden waren.

Professor Francesco Guidotti, Direktor des Nationalmuseums in Mentana und Dozent für die Geschichte des Risorgimento an der Accademia „V. Mantegna“ in Mantua, gilt als ausgewiesener Experte der Ereignisse von 1867. Für ihn steht fest, „dass es mit Sicherheit nicht die Franzosen mit ihren Gewehren gewesen sind, die den Kampf gegen die Italiener entschieden haben. Die Schlacht von Mentana muss man als Sieg der päpstlichen Truppen ansehen. Die Franzosen kamen erst ,a cose fatte‘ (nach vollendeten Tatsachen). Sie beschränkten sich darauf, um das zu kämpfen, was ihnen übriggelassen worden war. Ihre Gewehre feuerten sie zwar ab, aber die meisten Kugeln trafen nur die Dächer und Wände der Häuser. Die Reichweite der Chassepots von ungefähr achthundert Metern war von keinem Nutzen für das hügelige Gebiet zwischen den Weinbergen und den Strohschobern. In Mentana kämpfte man Mann gegen Mann, mit auf den Gewehren aufgepflanzten Bajonetten, so wie es die Funde auf den Schlachtfeldern in beeindruckender Zahl bezeugen.“

In diesen Tagen gedenkt man der Gefallenen der Schlacht

Die Niederlage der Verfechter der italienischen Einheit vermochte jedoch nicht, den Untergang des alten Kirchenstaates im Jahre 1870 zu verhindern – zu sehr wirkten die politischen Gegebenheiten gegen dessen Erhaltung. Aber sie ermöglichte es dem Papst, in noch voller Freiheit das Erste Vatikanische Konzil zu beginnen und eine für die Kirche bedeutsame Glaubenswahrheit zu bekräftigen.

In diesen Tagen gedenkt man in Mentana vor allem der Gefallenen der Schlacht. „Heute ist die Rivalität zwischen den einstigen Gegnern verschwunden“, bekräftigt Professor Guidotti, ein leidenschaftlicher Bewunderer Garibaldis und Verfechter seiner Ideen, „wir empfinden die damalige Kontroverse als einen Abschnitt in der Geschichte Italiens, als ein historisches Faktum. Wir wollen an diesem Jahrestag alle Toten ehren, ob sie nun für die Einheit Italiens oder für den Erhalt der weltlichen Herrschaft des Papstes gekämpft haben“.

[© Die Tagespost vom 3. November 2007]