"Entweder setzt man auf die Kultur der Begegnung oder alle verlieren"

Ansprache des Papstes im "Theatro Municipal" von Rio de Janeiro

Rio de Janeiro, (ZENIT.org) | 352 klicks

Papst Franziskus hat gestern im “Theatro Municipal” von Rio di Janeiro die Führungsklasse und die Intellektuellen Brasiliens getroffen. Wir übernehmen in offizieller deutschen Übersetzung die vom Heiligen Vater gehaltene Ansprache.

Es handelt sich nicht um die endgültige Fassung des Textes. 

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Exzellenzen,

meine Damen und Herren,

Gott danke ich für die Gelegenheit, so bedeutende Vertreter der Verantwortungsträger aus Politik und Diplomatie sowie aus dem Bereich von Kultur, Religion, Wissenschaft und Unternehmertum in diesem riesigen Land Brasilien zu treffen.

Gerne würde ich in Ihrer schönen portugiesischen Sprache zu Ihnen sprechen, aber um besser ausdrücken zu können, was mir am Herzen liegt, spreche ich lieber auf Spanisch. Ich bitte Sie, mir dies freundlich nachzusehen!

Alle begrüße ich herzlich und spreche Ihnen meinen Dank aus. Ich danke für die freundlichen Worte von Erzbischof Orani und Herrn Walmyr Júnior zur Begrüßung und zur Vorstellung. Ich sehe in Ihnen das Gedächtnis und die Hoffnung: das Gedächtnis des Weges und des Gewissens Ihrer Heimat sowie die Hoffnung, dass Ihre Heimat, stets offen für das vom Evangelium Jesu Christi herkommende Licht, sich weiter entwickeln kann in der vollen Achtung der ethischen Grundsätze, die auf der transzendenten Würde des Menschen beruhen.

Wer in einer Nation eine verantwortungsvolle Rolle innehat, ist berufen, die Zukunft anzupacken „mit dem ruhigen Blick eines, der die Wahrheit zu sehen weiß", wie der brasilianische Denker Alceu Amoroso Lima sagte („Nosso tempo" in: „A vida sobrenatural e o mundo moderno", Rio de Janiero, 1956, 106). Ich möchte nun drei Punkte dieses ruhigen, sachlichen und weisen Blickes bedenken: erstens, die Originalität einer kulturellen Tradition; zweitens, die solidarische Verantwortung, die Zukunft aufzubauen; und drittens, der konstruktive Dialog, um die Gegenwart zu bewältigen.

1. Vor allem ist es wichtig, die lebendige Originalität, welche die brasilianische Kultur kennzeichnet, mit ihrer außergewöhnlichen Fähigkeit, verschiedene Elemente zu integrieren, zur Geltung zu bringen. Das gemeinsame Empfinden eines Volkes, die Grundlagen seines Denkens und seiner Kreativität, die Grundsätze seines Lebens, die Beurteilungsmaßstäbe hinsichtlich der Prioritäten und Leitsätze seines Handelns beruhen auf einer ganzheitlichen Sicht des Menschen.

Diese Sicht des Menschen und des Lebens, wie sie dem brasilianischen Volk eigen ist, hat durch die katholische Kirche reichlich von der Lebenskraft des Evangeliums empfangen: an erster Stelle den Glauben an Jesus Christus und an die Liebe Gottes sowie die Brüderlichkeit mit dem Nächsten. Aber der Reichtum dieser Lebenskraft muss voll zur Geltung gebracht werden! Sie kann einen kulturellen Prozess fruchtbar machen, der der brasilianischen Identität treu bleibt und eine bessere Zukunft für alle schafft. So hat sich der verehrte Papst Benedikt XVI. bei seiner Eröffnungsansprache zur V. Generalkonferenz der Bischofskonferenzen Lateinamerikas in Aparecida ausgedrückt.

Die ganzheitliche Humanisierung und die Kultur der Begegnung und der Beziehung wachsen zu lassen ist die christliche Art und Weise, das Gemeinwohl zu fördern, die Freude am Leben. Und hier überschneiden sich Glaube und Vernunft, die religiöse Dimension mit den verschiedenen Aspekten der menschlichen Kultur: Kunst, Wissenschaft, Arbeit, Literatur … Das Christentum verbindet Transzendenz und Inkarnation; es belebt immer neu das Denken und das Leben angesichts der Enttäuschung und der Ernüchterung, die sich in den Herzen breit machen und auf den Straßen verbreiten.

2. Ein zweites Element, das ich ansprechen möchte, ist die soziale Verantwortung. Diese erfordert eine gewisse Art eines kulturellen und folglich politischen Vorbilds. Wir sind verantwortlich für die Bildung neuer Generationen, die tüchtig sind in Wirtschaft und Politik und in ethischen Werten feststehen. Die Zukunft verlangt von uns eine humanistische Sicht der Wirtschaft und eine Politik, die immer mehr und immer besser die Beteiligung der Bevölkerung verwirklicht, Formen des Elitebewusstweins vermeidet und die Armut ausmerzt. Dass es niemandem am Nötigsten fehle und allen Würde, Brüderlichkeit und Solidarität gewährleistet wird – das ist der zu beschreitende Weg. Schon zu Zeiten des Propheten Amos erging sehr heftig die Warnung Gottes, „weil sie den Unschuldigen für Geld verkaufen und den Armen für ein Paar Sandalen, weil sie die Kleinen in den Staub treten und das Recht der Schwachen beugen" (Am 2,6-7). Die Rufe, die Gerechtigkeit verlangen, gehen noch heute weiter.

Wer eine Führungsrolle innehat, muss ganz konkrete Ziele haben und nach den spezifischen Mitteln suchen, um diese zu erreichen. Es besteht aber auch die Gefahr der Enttäuschung, der Bitterkeit, der Gleichgültigkeit, wenn die Erwartungen nicht eintreten. Die dynamische Tugend der Hoffnung drängt dazu, immer weiter zu gehen, alle Kräfte und Fähigkeiten zum Wohl der Menschen aufzuwenden, für die man arbeitet. Sie drängt dazu, dabei die Ergebnisse anzunehmen und Bedingungen zu schaffen, um neue Wege zu entdecken, wie auch sich einzusetzen, wenn keine Ergebnisse zu sehen sind, und dennoch die Hoffnung lebendig zu erhalten.

Die Führungsspitze ist in der Lage, die beste der Optionen zu wählen, nachdem sie sie alle aus der eigenen Verantwortung heraus und im Interesse des Gemeinwohls erwogen hat. Das ist die Art, um zur Mitte der Übel einer Gesellschaft vorzudringen und diese auch mit der Kühnheit mutiger und freier Handlungen zu überwinden. In unserer – wenn auch stets begrenzten – Verantwortung ist es wichtig, die ganze Wirklichkeit zu verstehen, indem man beobachtet, abwägt und beurteilt, um in der vorliegenden Situation Entscheidungen zu treffen, dabei aber den Blick auf die Zukunft hin weitet und über die Folgen der Entscheidungen nachdenkt. Wer verantwortlich handelt, vollbringt sein Tun gegenüber den Rechten der anderen und dem Gericht Gottes. Dieser ethische Sinn erscheint heute wie eine historische Herausforderung ohne Vorläufer. Über die wissenschaftliche und technische Vernünftigkeit hinaus ist in der gegenwärtigen Lage die moralische Verbindlichkeit mit einer sozialen und zutiefst solidarischen Verantwortung nötig.

3. Um den „Blick", den ich mir vorgenommen habe, über den ganzheitlichen, die ursprüngliche Kultur respektierenden Humanismus und die solidarische Verantwortung hinaus zu vervollständigen, weise ich abschließend auf das hin, was ich für grundlegend erachte, um die Gegenwart zu bewältigen: den konstruktiven Dialog. Zwischen der egoistischen Gleichgültigkeit und dem gewaltsamen Protest gibt es eine Option, die immer möglich ist: den Dialog. Der Dialog zwischen den Generationen, der Dialog mit dem Volk, die Fähigkeit, zu geben und zu empfangen, zugleich für die Wahrheit offen zu sein. Ein Land wächst, wenn seine verschiedenen kulturellen Reichtümer konstruktiv in Dialog miteinander stehen: Volkskultur, Universitätskultur, Jugendkultur, Kultur von Kunst und Technik, von Wirtschaft und Familie sowie Medienkultur. Es ist unmöglich, sich eine Zukunft für die Gesellschaft vorzustellen ohne den großen Beitrag von moralischen Kräften für das Gemeinwesen. Eine Demokratie ist ja nie dagegen gefeit, einem System verhaftet zu bleiben, wo nur die bestehenden Interessen vertreten werden. Grundlegend ist der Beitrag der großen religiösen Traditionen, die eine fruchtbare Rolle als Sauerteig des sozialen Lebens und als Seele der Demokratie spielen. Für das friedliche Miteinander verschiedener Religionen ist die Laizität des Staates günstig, soweit dieser – ohne einen konfessionellen Standpunkt als den eigenen zu übernehmen – das Vorhandensein des religiösen Faktors in der Gesellschaft respektiert und zur Geltung bringt sowie seine konkreten Äußerungen fördert.

Wenn mich die Führungskräfte der verschiedenen Bereiche um einen Rat bitten, ist meine Antwort immer die gleiche: Dialog, Dialog, Dialog. Die einzige Art und Weise, dass ein Mensch, eine Familie, eine Gesellschaft wächst, die einzige Art und Weise, um das Leben der Völker voranschreiten zu lassen, ist die Kultur der Begegnung; eine Kultur, in der alle etwas Gutes zu geben haben und alle dafür etwas Gutes empfangen können. Der andere hat immer etwas, das er mir geben kann, wenn wir fähig sind, uns ihm in offener und bereitwilliger Haltung ohne Vorurteile zu nähern. Nur so kann ein gutes Einvernehmen zwischen den Kulturen und Religionen wachsen wie auch die gegenseitige Wertschätzung frei von grundlosen Voreingenommenheiten und in der Achtung der jeweiligen Rechte. Entweder setzt man heute auf die Kultur der Begegnung oder alle verlieren; den richtigen Pfad zu beschreiten macht den Weg fruchtbar und sicher.

Exzellenzen,

meine Damen und Herren,

ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Nehmen Sie diese Worte auf als Ausdruck meiner Sorge als Hirte der Kirche und der Liebe, die ich für das brasilianische Volk hege. Die Brüderlichkeit unter den Menschen und die Zusammenarbeit, um eine gerechtere Gesellschaft aufzubauen, sind keine Utopie, sondern das Ergebnis eines gemeinsamen Bemühens aller zugunsten des Gemeinwohls. Ich ermutige Sie in Ihrem Einsatz für das Gemeinwohl, das von Seiten aller Weisheit, Klugheit und Großherzigkeit erfordert. Ich vertraue Sie dem Vater im Himmel an und bitte ihn unter Anrufung der Fürsprache Unserer Lieben Frau von Aparecida, alle Anwesenden sowie ihre Familien und Gemeinschaften im persönlichen Umfeld wie am Arbeitsplatz mit seinen Gaben zu erfüllen. Von Herzen erteile ich allen meinen Segen.

[© Copyright 2013 - Libreria Editrice Vaticana]