"Er ist der liebende Vater, der stets vergibt"

Das erste Angelus-Gebet von Papst Franziskus

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 1477 klicks

Heute um 12.00 Uhr zeigte sich der Heilige Vater Franziskus zum ersten Mal am Fenster seines Arbeitszimmers im Apostolischen Palast, um gemeinsam mit den auf dem Petersplatz versammelten Gläubigen und Pilgern den Angelus zu beten.

Im Folgenden veröffentlichen wir die Worte von Papst Franziskus in deutscher Sprache:

***

Brüder und Schwestern, guten Tag!

Es erfüllt mich mit Freude, euch alle nach unserer ersten Begegnung am vergangenen Mittwoch am heutigen Sonntag, einem Tag des Herrn, erneut begrüßen zu dürfen! Für uns Christen ist es eine schöne und wichtige Erfahrung, am Sonntag zum Gruß und zum gemeinsamen Gespräch miteinander zusammenzutreffen; so wie hier auf diesem Platz, der sich dank der Medien auf die ganze Welt ausbreitet.

An diesem fünften Fastensonntag begegnet uns im Evangelium die Erzählung von der Frau, die Ehebruch begangen hat (vgl. Joh 8,1-11) und von Jesus vor dem Tod gerettet wird. Jesu Haltung ist zutiefst berührend: Er spricht keine Worte der Verurteilung oder Verachtung, sondern nur Worte der Liebe und der Barmherzigkeit, die uns zur Umkehr auffordern. So wendet sich Jesus mit folgenden Worten an die Frau: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (V. 11). Brüder und Schwestern, das Antlitz Gottes ist jenes eines barmherzigen Vaters, der niemals seine Geduld verliert. Habt ihr an die Geduld Gottes gedacht, die Geduld, die er jedem von uns entgegenbringt? Gerade darin besteht seine Barmherzigkeit. Gott hat stets Geduld mit uns. Er versteht uns und wartet auf uns. Er wird es nicht müde, uns sein Erbarmen zu schenken, wenn wir schuldbeladenen Herzens zu ihm zurückkehren. Im Buch der Psalmen lesen wir dazu folgenden Vers: „Groß ist die Barmherzigkeit des Herrn.“

In den letzten Tagen hatte ich Gelegenheit, ein Buch über die Barmherzigkeit zu lesen. Der Verfasser dieses Werkes ist ein Kardinal: Kardinal Kasper, ein sehr fähiger, großartiger Theologe. Dieses Buch hat mir so gut getan. Glaubt nicht, dass ich Werbung für die Bücher meiner Kardinäle machen möchte! Dies ist keineswegs der Fall! Dieses Buch war für mich ein wahrer Quell des Guten … Laut Kardinal Kasper führt das Vernehmen des Wortes „Barmherzigkeit“ in jeder Hinsicht zu einer vollkommenen Veränderung. Es ist das Beste, was wir hören können, es verändert die Welt. Ein wenig Barmherzigkeit macht die Welt zu einem wärmeren und gerechteren Ort. Wir müssen die Barmherzigkeit Gottes, dieses barmherzigen und unendlich geduldigen Vaters, begreifen … An dieser Stelle wollen wir uns an die Worte des Propheten Jesaia erinnern, der feststellte, dass unsere Sünden, mögen sie auch rot wie Scharlach sein, kraft der Liebe Gottes weiß wie Schnee werden. Das ist das Schöne an der Barmherzigkeit!

Als im Jahre 1992, kurz nachdem ich die Bischofsweihe empfangen hatte, die Madonna von Fatima nach Buenos Aires kam, wurde eine große Messe für die Kranken gefeiert. Ich nahm an Messe teil, um Beichtezu hören. Gegen Ende der Messe stand ich auf, da ich eine Firmung spenden musste. Da kam eine alte Frau auf mich zu. Sie wirkte sehr demütig und wahr wohl bereits über 80 Jahre alt. Ich sah sie an und sagte: „Nonna (Großmutter) – das ist die bei uns übliche Anrede für alte Menschen – wollen Sie beichten?“. „Ja“, antwortete sie. „Aber wenn Sie nicht gesündigt haben …“. Darauf entgegnete sie: „Wir alle haben Sünden.“   „Aber der Herr vergibt sie vielleicht nicht …“. „Der Herr vergibt alles“, versicherte sie mir. „Woher wissen Sie das?“  „Wenn der Herr nicht alle Sünden vergeben würde, gäbe es die Welt nicht“. Ich verspürte den Drang, ihr folgende Frage zu stellen: „Haben Sie an der Gregoriana studiert?“, denn aus diesen Worten sprach die innere Weisheit des Heiligen Geistes: die Weisheit auf die Barmherzigkeit Gottes hin. Lasst uns folgende Worte stets in Erinnerung bewahren: Gott wird es niemals müde, uns zu verzeihen! „Herr Pater, wo liegt nun die Schwierigkeit?“. Das Problem besteht darin, dass wir müde werden und uns der Wille abhandenkommt, um Vergebung zu bitten. Er wird es nie müde, uns Vergebung zu schenken, doch manchmal werden wir müde, darum zu bitten. Lasst uns niemals müde werden, lasst uns niemals müde werden! Er ist der liebende Vater, der stets vergibt und ein barmherziges Herz für uns alle hat. Auch wir wollen lernen, barmherzig zu allen zu sein. Lasst uns die Fürsprache der Gottesmutter anrufen, die in ihren Armen die menschgewordene Barmherzigkeit Gottes hält.

Lasst uns nun gemeinsam das Angelusgebet sprechen:

Nach dem Angelusgebet:

Einen herzlichen Gruß richte ich an alle Pilger. Danke für eure Gastfreundschaft und für euer Gebet. Ich bitte euch darum, für mich zu beten. Ich umarme erneut die Gläubigen aus Rom und schließe euch alle hier Versammelten und alle aus den verschiedenen Teilen Italiens und der Welt Gekommenen sowie alle über die Kommunikationsmittel mit uns vereinten Menschen in meine Arme. Ich habe den Namen des Patrons von Italien, des heiligen Franziskus von Assisi, als Papstnamen gewählt. Dies stärkt meine geistige Verbindung mit jenem Land, in dem, wie ihr wisst, meine familiären Wurzeln liegen. Jesus hat uns jedoch dazu berufen, zu Mitgliedern einer neuen Familie zu werden: seiner Kirche, der Familie Gottes, und gemeinsam den Weg des Evangeliums zu gehen. Möge der Herr euch segnen, möge die Gottesmutter euch beschützen. Vergesst eines nicht: der Herr wird nie müde, euch seine Vergebung zuteilwerden zu lassen! Wir sind es, die müde werden, diese Vergebung zu erbitten.

Ich wünsche euch einen schönen Sonntag und ein gesegnetes Mittagessen!