"Er kann nicht bewiesen werden, sondern nur bezeugt"

Predigt von Bischof Wiesemann in der gestrigen Schlussandacht zur Herbst-Vollversammlung der DBK

Fulda, (DBK PM) | 604 klicks

Wir dokumentieren im Folgenden die Predigt von Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann in der gestrigen Schlussandacht zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda.

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Liebe Mitbrüder, liebe Schwestern und Brüder!

Es gibt Augenblicke, die können zu einem besonderen Schlüssel werden für ein tieferes Verständnis der Heiligen Schrift, des eigenen Lebens, der gegenwärtigen Situation. Ein solches Schlüsselerlebnis hatte ich am Rande des Weltjugendtages in Rio de Janeiro im Juli dieses Jahres. Das Logo des Weltjugendtages war ja von dem großen Christus beherrscht, der auf einem hohen Berg unmittelbar über Rio weithin sichtbar seine Arme ausbreitet. Mit der deutschen Jugenddelegation bin ich an meinem ersten Tag in Rio dorthin hoch mit der Zahnradbahn gefahren. Aber das Wetter in Rio war sehr veränderlich – und wir fuhren schnurstracks in die Wolke. Am Sockel der gewaltigen Statue angekommen, standen wir da und schauten mit Hunderten von jungen Menschen aus unterschiedlichsten Nationen in den Nebel und sahen: nichts. Auf einmal begannen sich flüchtig die Schwaden zu lösen – und in der nebelhaften Umschleierung zeichneten sich zaghaft die gigantischen Umrisse des Arme ausbreitenden Christus im Grau des Himmels ab. Und sogleich flammte ein unglaublicher Jubel auf. Die jungen Menschen begannen in allen Sprachen zu beten, zu singen und zu tanzen. Und während dessen wurden das Gesicht und die Gestalt Christi immer klarer. Es war wie bei der Verklärungsszene oder wie bei den Auferstehungserfahrungen der Jünger, wie bei der Begegnung auf dem Berg mit dem auferstandenen Christus: zunächst das fremdartig Gespenstische, dann das Ergreifende, Berührende, in Freude Verwandelnde, und schließlich das über allem Zweifel Erhabene, die bezwingende Klarheit der Gegenwart. Aber alles nur für einen Augenblick im Windhauch des Wolkennebels, der uns vom Schauen wieder auf den irdischen Weg des Glaubens und Vertrauens verwies. Darauf, dass Er nicht bewiesen werden kann, sondern nur bezeugt. Und dass das unsere unverwechselbare Aufgabe, unsere unübertragbare Sendung ist.

„Geht hin, und macht zu Jüngern alle Völker der Erde“ – unter diesem Leitwort, liebe Schwestern und Brüder, haben sich im Juli in Rio de Janeiro mehrere Millionen junger Menschen aus aller Welt mit Papst Franziskus zusammengefunden. Es war für alle, die dabei waren, ein überwältigendes Erlebnis begeisternder Glaubens- und Zeugnisgemeinschaft von Jugendlichen aus ziemlich allen Ländern und Völkern der Erde. Und es war die erste große Begegnung der Jugend der Welt mit Papst Franziskus in „seinem“ lateinamerikanischen Kontinent, den er bei seiner ersten Ansprache in Rom als neu gewählter Papst scherzhaft als „nahezu Ende der Welt“ bezeichnet hat. „Geht hinaus in die ganze Welt“ (Mk 16,15) „bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1,8): Diese dynamische, missionarische Botschaft des Weltjugendtages hätte besser auf Papst Franziskus nicht abgestimmt sein können, obgleich das Motto schon im August 2011 von Papst Benedikt XVI. festgesetzt worden war. Auch das zeigt eine tiefe, intuitive Verbindungslinie zwischen beiden Päpsten.

Mit diesem „Hinausgehen“ des Jüngers Christi, diesem „Aus-sich-heraus-Gehen“ bis an die Grenzen hat Papst Franziskus schon von Anfang an ein grundlegendes Thema seines Pontifikates markiert. Am Gründonnerstag in der so genannten „Chrisam-Messe“, in der die Öle geweiht werden, insbesondere das Chrisam für die Salbung des Volkes Gottes in der Taufe und der Firmung und die Salbung der Priester für ihren Heilsdienst am Volk, führte er aus: „So müssen wir hinausgehen, um unsere Salbung zu erproben, ihre Macht und ihre erlösende Wirksamkeit … Es ist eben gerade nicht in den Selbsterfahrungen oder in den wiederholten Introspektionen, dass wir dem Herrn begegnen …“ 1

In den Jugendlichen der Welt sieht der Papst geradezu die Protagonisten dieses Aufbruchs aus der lähmenden, stagnierenden Selbstbezogenheit. „Seinen“ argentinischen jungen Pilgern und Pilgerinnen vertraute er in Rio an: „Ich möchte euch sagen, welche Wirkung ich vom Weltjugendtag erhoffe: Ich hoffe, dass es einen Wirbel gibt. Hier wird es einen Wirbel geben, ja, den wird es geben ... Aber ich will, dass ihr auch in den Diözesen Wirbel macht, ich will, dass man hinausgeht, ich will, dass die Kirche auf die Straßen hinausgeht, ich will, dass wir standhalten gegen alle Weltlichkeit, Unbeweglichkeit, Bequemlichkeit, gegen den Klerikalismus und alles In-sich-verschlossen-sein.“ 2

Der Wirbel, der Sturm des Geistes, den Papst Franziskus entfachen möchte, ist also kein Wirbel um sich selbst, sondern eine Erschütterung der eigenen Existenz, des ganzen Lebens vom Glauben an den auferstandenen Christus, der uns aus jeder Form von Wellness-Religion wie aus jeder Art von „Theologie des Wohlstandes“, wie es der Papst nennt, herausreißt in die alles fordernde Wirklichkeit, in die Wirklichkeit der Gottesbegegnung und in die Lebenswirklichkeit der Menschen, besonders der „Excluidos“, der Menschen am Rande, derer ohne Stimme und Recht. „Der Jünger“, sagt er, ist jemand, der „über sich selbst hinausgeht“, der „auf die Begegnung hin ausgerichtet ist“, „mit dem Meister (der uns zu Jüngern salbt) und auf die Begegnung mit den Menschen, die auf die Verkündigung warten.“ „Er lebt in der Spannung auf die Randzonen hin … einschließlich derer der Ewigkeit in der Begegnung mit Jesus Christus.“ 3

Das gibt seinem Glauben und Handeln eine unerhörte Freiheit und Offenheit, die in Rio in allem hautnah zu spüren war. So wurde die Lebenswirklichkeit der jungen Menschen sehr konkret in das Geschehen des Weltjugendtages einbezogen – in den Texten etwa beim Kreuzweg, in den ergreifenden Glaubenszeugnissen der Jugendlichen bei der Vigil, in den unter die Haut gehenden Predigten des Papstes, der darin mit den jungen Menschen spontan dialogisierte, und nicht zuletzt bei seinen Zeichen setzenden Besuchen und politischen Botschaften, die auch gesellschaftliche Konfliktfelder wie die sozialen Ungerechtigkeiten, die Lebensbedingungen in den Favelas oder die Drogenproblematik nicht außen vor ließen.

Wenn der Papst von den „existentiellen Peripherien“ als Ort des Jüngers Christi spricht, dann bindet er zwei Dimensionen zusammen, die immer wieder in der Gefahr stehen, je für sich zu bleiben oder gar gegeneinander ausgespielt zu werden. Die eine Dimension ist die des Mysteriums, des Geheimnisses der Gottesgegenwart, der sich der Mensch nur anbetend, lobpreisend und mit der Bereitschaft zu ganzer Hingabe nähern kann. Die andere ist die der sozialen und politischen Lebenswirklichkeit der Menschen, die zur vorurteilsfreien Wahrnehmung der Realität und zum mutigen Einsatz für die Schwächeren und Benachteiligten herausfordert. Die eine ist die mystische, die andere die diakonische Dimension unseres Christseins. Es kommt dabei nicht nur darauf an, dass beides untrennbar zusammengehört. Das ist unmittelbar einsichtig: dass etwa die Kreise, Gemeinschaften, Bewegungen, deren innerster Herzschlag in der Anbetung, im Lobpreis, in der unmittelbaren Christus-Berührung pulsiert, nicht den Nächsten in Not aus ihren Augen verlieren dürfen, weil sie sonst den ganzen Christus (vgl. Mt 25) nicht finden können und ihr Gebet Gefahr läuft, im Namen Gottes zu reiner Selbstbestätigung zu werden; und dass umgekehrt alle, deren Schwerpunkt im karitativen, sozialen und politischen Engagement liegt, dauerhaft nicht ohne die Kraftquelle des Gebetes, des Gottesdienstes, nicht ohne vertiefte gläubige, mystische Durchdringung ihres Tuns fruchtbar wirken können, weil ihnen sonst die Unterscheidung der Geister fehlt, die sie vor Verweltlichung oder vor Ideologisierung bewahrt.

Aber es kommt auf mehr an, nicht nur darauf, dass beides zusammengehört und sozusagen das Diakonische auch ein wenig fromm und das Fromme auch ein wenig diakonisch ist. Das Wort von den „existentiellen Peripherien“, von den Grenzen, an die und über die wir gehen sollen, fordert beide Seiten des einen Christseins auf, über sich selbst hinauszugehen – und sich damit selbst radikal in den Dienst zu stellen. So unbestreitbar wichtig und wertvoll es ist, geistliche, menschliche Heimat gefunden zu haben in einer Gemeinde, einer geistlichen Gemeinschaft oder einem Verband – die Herausforderung des Geistes besteht darin, sich dem Unbekannten zu öffnen. Nur so können wir die lebendige Gegenwart Gottes neu entdecken, nur so verlieren wir die Angst vor der Zukunft, in der Gott neu auf uns zukommen will.

Liebe Schwestern und Brüder, eine bleibende Frucht des Weltjugendtages 2005 in Köln sind die Night-Fever-Abende, die in vielen Kathedralen und Kirchen mittlerweile schon über Deutschland hinaus stattfinden. Junge Menschen laden völlig unbekannte Passanten, Touristen, Menschen in der Fußgängerzone, auf der Straße oder dem Platz vor der Kirche in das bis in die Nacht offen stehende Gotteshaus ein. Sie können eine Kerze aufstellen oder einfach einen Augenblick verweilen. In der Kirche ist der eucharistische Christus in der Monstranz gegenwärtig. Der ganze Raum lädt zum Gebet und zur Besinnung ein: durch junge Menschen, die die Anbetung durchtragen, durch eine sich nicht aufdrängende, geistliche Musik, durch eine stimmige Beleuchtung. Und an den Seiten laden Priester zum Glaubensgespräch und zur Beichte ein. Ich habe mich vier Stunden lang im Speyrer Dom in die hinterste Bank gesetzt. An diesem Abend sind drei- bis viertausend Menschen an mir vorbeigezogen: darunter sehr viel junge Menschen und solche, die wir sonst in unseren Gemeinden nur selten antreffen. Ich erinnere mich an eine kleine Gruppe von Punks, die offensichtlich unsicher, aber irgendwie doch angezogen in den Dom eintraten, in der einen Hand die Kerze, die die mutige „Missionarin“ vor der Tür den Jugendlichen in die Hand gedrückt hatte, in der anderen noch die geöffnete Bierdose. Nach einigen Metern auf den Altar zu sah ich, wie sie ein wenig verschämt die Bierdosen in Seitentaschen verschwinden ließen und vorne ihre Kerze abstellten. Und ihren Gesichtern war durchaus abzulesen, dass sie das nicht unberührt gelassen hat.

Night-Fever ist nur ein Projekt unter vielen, in denen der offene Mut zum Mysterium und der Hinwendung zum Unbekannten, Fremden, sich in einer einladenden Form verbinden, die nicht um sich selbst kreist, sondern immer neu zum Wachsen über sich selbst hinaus drängt: in einer Atmosphäre, die ungeniertes Gebet, ja Anbetung Gottes und unbefangenes Zugehen auf die Menschen - so fremd sie auch erscheinen mögen - ermöglicht. Ein ganz anderes, aber nicht minder beeindruckendes Projekt wurde im Juni dieses Jahres mit großartigem Einsatz aller Beteiligten vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) erneut durchgeführt: die 72-Stunden-Aktion „Uns schickt der Himmel“. Mehr als 150 000 junge Christen engagierten sich drei Tage lang in allen deutschen Bistümern in über 4.000 sozialen Projekten. Hier wurde das christliche „Über-sich-hinaus-Gehen“, die Bereitschaft zum Engagement weit über den eigenen Lebenshorizont hinaus in unglaublich kreativer Vielfalt anschaulich, und das Bild begeisterter, sich mit Hingabe sozial engagierender junger Christen deutschlandweit der Gesellschaft vor Augen gestellt. Eine solch große freiwillige Aktion kann wohl nur die Kirche mit ihrer spirituellen und institutionell-verbandlichen Kraft auf die Beine stellen. Ich erinnere auch an die Sternsinger-Aktion, bei der Jahr für Jahr Hundertausende junger Christen in die Häuser und Lebenswelten der Menschen Gottes Segen bringen und sich für hilfebedürftige Kinder in der einen Welt engagieren.

Liebe Schwestern und Brüder, für die Zukunft der Kirche kommt es meines Erachtens darauf an, dass wir uns ermutigen lassen, über uns selbst hinauszuwachsen, damit die Gotteskraft in uns neu aufstrahlen kann. Das ist mir als Vorsitzendem der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz besonders für die jungen Christen wichtig. Sie müssen spüren, was für eine Kraft in unserem Glauben an Christus steckt. Was wir brauchen, ist daher eine gegenseitige Befruchtung von neuen missionarischen Aufbrüchen, geistlichen Bewegungen, Gemeinschaften und unseren etablierten Verbänden und Institutionen. Dazu gehört als erstes, dass man nicht den jeweils anderen verdächtigt, das Christsein nicht richtig zu leben, und dem einen das geistliche, dem anderen das diakonische Moment abspricht. Es ist gut, wenn es unterschiedliche Schwerpunkte gibt – und wir brauchen sie in der Unterschiedlichkeit und Vielfältigkeit. Ich sehe die Chance zur Bewegung aufeinander zu, zu einer neuen Bereitschaft in der ganzen Kirche, alte Fronten hinter sich zu lassen. Das gelingt aber nur, wenn jeder bereit ist, über sich selbst hinauszuwachsen und sich selbst radikal in den Dienst für den anderen zu stellen. Nur aus neuen Horizonten können uns die Antworten zukommen, die die alten Blockaden überwinden. Gerade in dieser Hinsicht sehe ich Papst Franziskus vom „nahezu Ende der Welt“ als ein Geschenk des Heiligen Geistes, des Wirbelwindes an unsere Kirche. Bitten wir den großen Missionar und Apostel der Deutschen, den heiligen Bonifatius, hier an seinem Grab um seine Fürsprache. Amen.

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FUSSNOTEN

1 Aus der Predigt von Papst Franziskus am 28. März 2013 in St. Peter in Rom.

2 Aus der Ansprache von Papst Franziskus bei der Begegnung mit den argentinischen Jugendlichen in der Kathedrale St. Sebastian in Rio de Janeiro am 25. Juli 2013.

3 Aus der Ansprache von Papst Franziskus bei der Begegnung mit den Bischöfen des Koordinationskomitees des CELAM am 28. Juli 2013.