Er kündigte „Neues und Ungewöhnliches“ an

Der Mystiker Meister Eckhart hatte auch eine pointierte Philosophie

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Von Alexander Riebel

WÜRZBURG, 23. April 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Meister Eckhart wird neu entdeckt. Denn er ist nicht nur der große Mystiker des Mittelalters, sondern auch ein eminenter Philosoph. Ihn hat am Wochenende die Tagung „Was denkt der Meister - Philosophische Grundoperationen bei Eckhart von Hochheim" genau unter die Lupe genommen. Man unterliege leicht der Illusion, einen unmittelbaren Zugang zu Meister Eckhart (1260-1328) zu haben, „ohne die scholastische Panzerung durchbrechen zu müssen", wie bei anderen mittelalterlichen Philosophen, sagte einleitend Rolf Schönberger, Professor am Lehrstuhl für Geschichte der Philosophie an der Universität Regensburg und Mitveranstalter der Tagung der Universität gemeinsam mit der Katholischen Akademie in Bayern. Schönberger hält den philosophischen Blick auf Eckhart, auch wenn der sich selbst nicht als Philosoph bezeichnet hätte, am ehesten für gerechtfertigt: „Wenn es nur ums Spirituelle geht, hätte der theoretische Aufwand geringer sein können." Ernst Bloch habe Meister Eckhart auf der Höhe der Vernunft gesehen und Martin Heidegger hielt seine Mystik für eminent begrifflich. Würde Eckhart heute leben, meinte Schönberger, dann hätte er wohl auch wie Romano Guardini einen Lehrstuhl für christliche Weltanschauung, weil sich schwer sagen ließe, ob er nun mehr Theologe oder Philosoph sei.

Auch Professor Dietmar Mieth, Präsident der 2004 gegründeten Meister Eckhart-Gesellschaft und emeritierter Moraltheologe, hat auf die Schwierigkeit der Texte Eckharts hingewiesen und sich gewünscht, dass auch die Tagung nicht nur Wissenschaft in gemäßigter Form biete, wonach man nicht mehr wisse, worum es geht. Die Vorträge waren dann auch auf höchstem Niveau.

Die Rolle der höchsten Begriffe
Die Referenten wurden nicht müde, die Einzigartigkeit Meister Eckharts zu betonen. Denn Eckhart habe sich ein Programm gestellt, das ihn von anderen mittelalterlichen Philosophen abhob und das doch die Grundfragen der christlichen Denker behandelt hat: die Fragen nach dem Wesen Gottes, der Gottessohnschaft, nach dem Sein, den allgemeinen und konkreten Begriffen. Gerade die obersten Begriffe haben für Eckhart eine besondere Rolle gespielt. So lag es nahe, hierüber mit dem ersten Vortrag einzusteigen. Unter dem Thema „Die Bedeutung der Transzendentalbegriffe für das Denken Meister Eckharts" hat Jan A. Aertsen, emeritierter Professor für Philosophie an der Universität Köln, gleich zu Beginn hervorgehoben, dass Eckhart das Projekt des „Opus tripartum sowohl qua formaler Struktur als auch hinsichtlich seines doktrinären Inhalts kein Äquivalent im Mittelalter hat". Denn für keinen anderen mittelalterlichen Denker seien die Transzendentalbegriffe Seiendes, Eines, Wahres und Gutes so zentral gewesen. Das Transzendentale hat Meister Eckhart mit Gott gleichgesetzt, denn Gott selbst ist das Seiende, Eine, Wahre und Gute.

Die Transzendentalien sind damit das, was noch über allen Kategorien über die Welt zu denken ist. Die konkreten Entsprechungen der Transzendentalien, „dies Wahre" oder „dies Gute", fügen nichts zu den höchsten Begriffen hinzu, sie sind darin enthalten. Somit ist Gott das Ununterschiedene und Gemeinsame gegenüber allem konkreten Einzelseienden. Mit dieser Einsicht legte Aertsen die Worte von Augustinus „Er kam in sein Eigen" aus. Meister Eckhart schreibt: „Es ist also zu bemerken, dass nichts so zu eigen ist wie das Seiende dem Sein selbst und das Geschöpf dem Schöpfer: Gott aber ist das Sein, er ist auch der Schöpfer." Die Worte bedeuten auch, mehr theologisch, dass das Eigen, in welches Gott kam, Erbarmen und Erlösen sei. Auch in der Leibwerdung kam Gott aus Gemeinsamen in Eigenes.

Die Menschwerdung Gottes war auch ein zentrales Thema des Vortrags „Meister Eckharts Verständnis der Sohnwerdung aus der Sicht von Heinrich Seuse" von Silvia Bara Bancel OP, Doktorandin in Theologie an der Universidad Pontificia Comilias in Madrid. Für Seuse (1295-1366), er war begeisterter Schüler Eckharts in Köln, führte Christi Geburt zu seiner eigenen Natur, der Mensch hingegen sei nicht der natürliche Sohn Gottes, daher sei unsere Geburt eine „Wiedergeburt", eine Wiederholung der Natur Christi. „Wenn Gott in uns ist, ist sein Sohn nicht außerhalb unser", fügte Bancel hinzu. Der Mensch sei nicht Ebenbild Gottes, sondern nach seinem Bild geschaffen, eben nicht als sein Bild. Für Eckhart ging es um Einheit des Menschen mit Gott, nicht um das Einssein. Seuse betonte allerdings stärker, dem leidenden Christus nachfolgen zu müssen. Eckhart wollte den Menschen das Kreuz von der Schulter nehmen, bei Seuse soll es auf seine Schulter gelegt werden.

Im Unterschied zu manchen Forschern rückte Bancel Eckhart und Seuse als ebenbürtige Denker nebeneinander; Eckhart sei nicht einfach der Philosoph und Seuse der bloß erbauliche. Seuse habe vielmehr Eckhart entsprechende Positionen vertreten und nicht nur die Gedanken Eckharts zur Gottessohnschaft bereinigen wollen.

Aufschlussreich waren auch ihre Ausführungen über die Lehre Eckharts von der Christförmigkeit des Gerechten. Zwar bleibe der Mensch hinter dem Göttlichen zurück, aber wenn man ihn aus der Sicht des Gerechten betrachtet, könne man nicht mehr von einem Zurückbleiben sprechen, was damit zusammenhängt, dass die höchsten Begriffe unmittelbar in den konkreten anwesend sind. - Über „Meister Dietrich und Meister Eckhart: Theoretiker des christlichen Selbstverständnisses" sprach Kurt Flasch, emeritierter Professor für Philosophie an der Universität Bochum. Rolf Schönberger führte Flasch mit den Worten ein, „was er geltend machte, machte er nie ohne Polemik". Und in der Tat stellte Flasch die Philosophen Dietrich von Freiberg und Meister Eckhart als diejenigen da, die dem christlichen Selbstverständnis eher weiterhelfen würden als die augustinische oder thomistische Tradition. Eckhart habe festgestellt, dass das christliche Selbstverständnis seit einiger Zeit morbid sei und einer dringenden Erneuerung bedürfe. Flasch war bemüht, in seinem Vortrag Rationalität gegen Spiritualität zu setzen, und so zitierte er kräftig Dietrich gegen zu defensiv denkende Theologen oder gegen zu rational denkende Thomisten, die sich aber auf Wunder zurückzögen, wenn ihnen zu starke philosophische Argumente entgegengehalten würden.

Der 750. Geburtstag
Dietrich und Eckhart hätten ein verschiedenes Verhältnis zu den Thomisten gehabt, Eckhart zitiert ihn öfter, war aber kein Thomist. Bei Dietrich fehle völlig eine Metaphysik der Sohnesgeburt, Eckhart habe sich neue Autoritäten verschafft wie Origines oder Bernhard von Clairveaux, die Dietrich gar nicht zitiert habe. Dass für Eckhart der Intellekt die Wurzel der Seele ist, deutete Flasch als neues Verständnis des Christentums. Die Weisheit als Weisheit sei nichts Erschaffenes, daher dürften die Theorien über den Intellekt auch nicht mit denen über die Seelenvermögen vermischt werden. Der Intellekt ziehe alle Welt an sich, und er müsse nicht von dieser Welt sein, um über sie urteilen zu können. Abschließend meinte Flasch, die Ideen von Eckhart und Dietrich hätten in der christlich westlichen Welt keinen Platz gefunden, sie seien abgestoßen worden.

Auf jeden Fall hat die Regensburger Tagung bereits wertvolle Impulse für das Meister-Eckhart-Jahr 2010 zum 750. Geburtstag des Philosophen und Mystikers gegeben und die Vielseitigkeit des Denkers auch Hochheim eindrucksvoll gezeigt.

[© Die Tagespost vom 21. April 2009]