Er sollte sich "Freund der Wahrheit" nennen

Der Osservatore Romano: heldenhaft gegen die Totalitarismen

| 829 klicks

Von Antonio Gaspari

ROM, 19. Januar 2011 (ZENIT.org). – Er müsste sich „Freund der Wahrheit“ nennen. Er hat sich dem Nazismus und dem Kommunismus entgegengestellt. Er hat den Papst und die Armen verteidigt und die Diktatoren aller Teile der Welt herausgefordert. Sein Motto lautet: „Non praevalebunt“ (Sie werden sie nicht überwinden). Papst Paul VI. nannte ihn „das nährende Licht des Stuhls Petri“. Er hat gerade sein 150. Jubiläum gefeiert und Benedikt XVI. sprach von einer „langen und großen Geschichte“.

Wir sprechen vom „Osservatore Romano“, der in Rom gemeinhin als „die Zeitung des Papstes“ bekannt ist. Er wurde 1861 in einer schwierigen Zeit ins Leben gerufen, als es so schien, als würde der Heilige Stuhl weggefegt, und er ist gewaltig gewachsen, sodass er heute in acht Sprachausgaben erscheint, darunter auch eine indische Ausgabe in Malayalam.

In Brasilien ist dem „Osservatore Romano“ eine Straße gewidmet, im Stadtteil Jardim Carlos Lourenco di Campinas im Staat von Sao Paolo.

Der Osservatore wurde von dem Anwalt Nicola Zanchini gemeinsam mit dem Journalisten Giuseppe Bastia gegründet, nachdem Papst Pius IX. seine Publikationserlaubnis erteilt hatte.

Im Gründungsdokument steht geschrieben, dass das Ziel des „Osservatore Romano“ sei, „die Verleumdungen zu demaskieren und zu widerlegen, die man gegen das römische Pontifikat schleudert“, „an die Prinzipien der katholischen Religion zu erinnern, die die Gerechtigkeit und das Recht als Grundlage eines zivilen Zusammenlebens sind“ und „die Verehrung des hochverehrten Papstes zu wecken und zu fördern.“

In Bezug auf die aufgehende italienische Nation und die Wissenschaften nahm sich der „Osservatore Romano“ vor „über die Pflichten gegenüber dem Vaterland zu unterrichten“ und „die Errungenschaften der Künste, Literatur und Wissenschaften zu sammeln und der Öffentlichkeit zu präsentieren, vor allem die Erfindungen und ihre jeweiligen Anwendungen.“

Im Verlauf seiner herausragenden Geschichte zeichnete sich der „Osservatore Romano“ vor allem durch seine Opposition gegen jede Art von Totalitarismus und durch Verteidigung der Freiheit und der Würde jedes Menschen aus.

In den 30iger-Jahren, als Italien die Zeit der faschistischen Diktatur durchlebte, hielt Francis Charles-Roux, der Botschafter Frankreichs am Heiligen Stuhl, fest, dass der „Osservatore Romano“ „die einzige Zeitung italienischen Sprache ist, die nicht den Vorgaben der Regierung der faschistischen Partei gehorcht“.

„Seine Unabhängigkeit in Bezug auf die Regierung“, fügte der französische Diplomat hinzu, „ließ seine Auflage ganz außergewöhnlich ansteigen“. In dieser Zeit verkaufte die Zeitung des Papstes ungefähr 60.000 Exemplare, teils sogar 100.000, eine enorme Zahl für die damalige Zeit.

Die Verbreitung des „Osservatore Romano“ ließ die faschistischen Milizen toben, was soweit ging, dass Verkäufer verprügelt und ganze Pakete der Zeitung beschlagnahmt und verbrannt wurden.

In einer Versammlung am 20. März 1947 erklärte der bekannte italienische Journalist, Jurist, Autor und Politiker Piero Calamandrei: „In den Jahren der größten Verfolgung wurden wir die einzige Zeitung, in der man noch Spuren von Freiheit finden konnte, unserer Freiheit, der Freiheit aller freien Männer des „Osservatore Romano“.

„Als die rassistischen Verfolgungen begannen“, fügte Calamadrei hinzu, „stellte sich die Kirche den Verfolgern entgegen und verteidigte die Verfolgten. Als die Deutschen unsere Kinder raubten, um sie zu foltern und zu erschießen, fanden diese, wie ihre politische Meinung auch sein mochte, in den Pfarrhäusern und Konventen Zuflucht, weil sich Priester fanden, die sich als Geiseln nehmen ließen, um die Bewohner einer Gemeinde zu retten und mit ihrem Opfer das Leben aller freizukaufen.“

Unter den tausenden heldenhaften Werken der Katholiken sticht auch das des Direktors des „Osservatore Romano“, Giuseppe Dalla Torre, hervor, der auf Geheiß des Dieners Gottes Pius XII. am 29. Oktober 1943 die Verantwortung übernahm und im Lombardischen Seminar von Rom die Juden Giovanni Astrologo mit seinem Vater und vier Vettern aufnahm. Sie wurden von den Nazis verfolgt und bespitzelt. Dalla Torre vertraute sie Msgr. Franscesco Bertoglio, dem Rektor des Seminars, an, der am 29. Juni 2010 in Yad Vashem als „Gerechter unter den Nationen“ anerkannt wurde.

Am 24. September 1936 erklärte der am zweiten internationalen Kongress der katholischen Journalisten teilnehmende Kardinal Eugenio Pacelli, dass der „Osservatore Romano“, „unter den fünfzehn ruhmvollen und einfachen Boten der Stimme und Aussagen des Petrus und Verkünder seiner heiligsten Lehren ist.“ Als Pacelli Papst Pius XII. wurde, beschrieb er ihn als „treu und geschätzt“.

Laut dem sel. Papst Johannes XXIII. ist der „Osservatore Romano“ „der täglicher Bote, das Instrument und die sicherste Stimme, durch die das Denken des Papstes verlässlich und garantiert authentisch von Rom aus bis in die letzten Winkel der Erde verkündet wird.“

In der Einführung des Sonderhefts zum  150. Jubiläum erklärte Benedikt XVI., dass der „Osservatore Romano“ immer „die herzliche Freundschaft des Heiligen Stuhls zu der Menschheit unserer Zeit auszudrücken versteht, durch die Verteidigung der menschlichen Person, die als Abbild und Ebenbild Gottes geschaffen und von Christus erlöst wurde.“

[Übersetzung des italienischen Originals von Jan Bentz]