Er war ein Adeliger und wollte der Fürst der Straße werden

Die Seligsprechung Vladimir Ghikas ‑ ein Priester, der die Barmherzigkeit wie eine Liturgie praktizierte

Rom, (ZENIT.org) Antonio Gaspari | 342 klicks

Er ein Fürst des orthodoxen Glaubens, der katholisch wurde, die „Liturgie des Nächsten“ praktizierte und mit Kranken, Armen, Bedürftigen, Vagabunden und Inhaftierten lebte. Er zeigte die Barmherzigkeit als jenen Weg an, der Katholiken und Orthodoxe wieder zueinander führt. Papst Pius XI. bezeichnete ihn als den „großen apostolischen Vagabunden“. Jacques Maritain charakterisierte ihn mit den folgenden Worten: „ein Fürst der Welt mit einer höheren Berufung, ein Priester Christi“. Sein Zeugnis war von so großer Stärke, dass er selbst die Gott gegenüber Zornigsten zu bekehrten vermochte. Auch der japanische Kaiser bat ihn um einen Segen.

Das kommunistische Regime empfand ihm gegenüber eine so große Furcht, dass er im Alter von 80 Jahren gefangen genommen wurde. Halbnackt ließ man ihn auf der Krankenstation des Gefängnisses zurück, wo er am 16. Mai 1954 verstarb. Am Samstag, den 31. August 2013 wurde in Bukarest seine Seligsprechung gefeiert.

Die Rede ist von Vladimir Ghika, einer legendären Persönlichkeit, einem Heiligen.

Ghika war Priester, Beichtvater, geistlicher Berater, Wissenschaftler und Diplomat. Seine Arbeit erstreckte sich auf alle Bereiche. So begegnete er Fürsten, Königen, Kaisern, Staatsoberhäuptern, Politikern, Philosophen, Künstlern, Schriftstellern, Theologen, Anarchisten, Okkultisten, Enterbten, Lästernden, körperlich und seelisch Kranken, die er erzog, beriet und bekehrte.

Sein Großvater Gregorio Ghika X. war der letzte regierende Fürst in Moldawien. Sein Vater wirkte zunächst als Verteidigungsminister und Außenminister Rumäniens und später als bevollmächtigter Minister beim Sultan in Konstantinopel, in Wien, Rom und Sankt Petersburg, Russland. Seine Mutter Alessandrina Moret de Blaremberg war eine vornehme französische Adelige.

Vladimir erblickte am Heiligen Abend des Jahres 1873 als Kind adeliger Eltern in Konstantinopel das Licht der Welt. Dort wurde er sofort in der orthodoxen Kirche getauft und gefirmt. Nach Frankreich und Rom führten ihn Reisen und Studienaufenthalte. Trotz des Drucks seitens der Familie trat er am 15. April 1902 mit 28 Jahren zur katholischen Kirche über. Nach seinen bereits abgeschlossenen Studien der Philosophie und der Rechtswissenschaften absolvierte er noch ein Theologiestudium, um katholischer Priester werden zu können. Er wurde von Papst Pius XI. empfangen, der ihn davon überzeugte, sich für das Laienapostolat einzusetzen.

Nach seiner Rückkehr nach Rumänien widmete er sich den Werken der Barmherzigkeit. So eröffnete er die erste kostenlose Krankenfürsorge-Einrichtung Bukarests, rief das Sanatorium „San Vincenzo de Paoli“ ins Leben und gründete das erste kostenlose Krankenhaus und eine Erstehilfe-Station. Während der Balkankriege des Jahres 1913 kümmerte er sich um die Kriegsverletzten und leistete den Cholerakranken Beistand.

Zur Zeit des Ersten Weltkriegs widmete er sich diplomatischen Missionen, den Opfern des Erdbebens von Avezzano, den Tuberkulosepatienten in einem Krankenhaus in Rom und den Kriegsverletzten. In diesen Jahren begann er mit der Ausarbeitung einer „Liturgie des Nächsten“, die sich zum Mittelpunkt all seines Handelns entwickelte.

Bezüglich der Liturgie des Nächsten sind uns folgende Worte des Seligen erhalten: „Zweifache und geheimnisvolle Liturgie: Der Arme sieht Christus in dem zu ihm kommen, der ihm hilft. Der Wohltäter sieht im Armen den leidenden Christus, der sich über ihn beugt. Doch gerade deshalb handelt sich um eine einzige Liturgie. Wird die Geste richtig ausgeführt, so ist auf beiden Seiten nur Christus: Christus der Retter kommt dem leidenden Christus entgegen, und beide vereinen sich im auferstandenen, glorreichen und segnenden Christus.“

Ghika zufolge weitet sich auf diese Weise der Blick der bereits auf dem Altar zelebrierten eucharistischen Liturgie auf die Armen hin aus.

Am 7. Oktober 1923 empfing Ghika durch Kardinal Guillaume Dubois, dem Erzbischof von Paris, das Sakrament der Priesterweihe. Kurze Zeit später erhielt er vom Heiligen Stuhl die Genehmigung zur Messfeier nach dem byzantinischen Ritus. So erhielt er als erster Priester das Privileg, nach beiden Riten zu zelebrieren. Ghika wurde in Paris zum Rektor der „Ausländerkirche“ ernannt und zog nach Villejuif, an den gefährlichsten Teil der Peripherie der französischen Hauptstadt. Seine Ankunft wurde von Protesten und Beschimpfungen begleitet. Er wurde geschlagen und mit Steinen beworfen, doch er ertrug alles mit Geduld und Demut. Nach einigen Wochen nahm er die Bekehrungen mit der ihm eigenen Güte wieder auf.

Der Selige erkannte in der „Praxis der Barmherzigkeit den Ort einer edlen Nachahmung unter allen Christen.“ Nach Ghika solle die Ökumene „im Apostolat der Liebe und in der Achtung der Freiheit und des guten Glaubens der anderen begründet liegen, wobei unnütze und schädliche Polemik“ zu vermeiden sei. Während des Zweiten Weltkrieges blieb er in Rumänien. Er weigerte sich, das Land zu verlassen, um den Armen und Kranken weiterhin nahe sein zu können. Ghika besuchte die Inhaftierten des Gefängnisses an der Peripherie Bukarests. Er setzte seinen Einfluss bei den Behörden für die Rettung zahlreicher Juden vor der Deportation durch die Nazis ein. Über den Apostolischen Nuntius ersuchte er die USA während der Hungersnot von 1946 um Hilfe in Form der Zusendung von Lebensmitteln. Auf seine Veranlassung wurden die Hilfsgüter auch an die orthodoxen Klöster von Moldawien verteilt.

Auch nach der Einsetzung der kommunistischen Herrschaft blieb der Selige in Rumänien. Im Jahre 1948 beschloss Stalin, Generalsekretär der kommunistischen Partei und der UdSSR, die Unterdrückung der katholischen Kirche und die Unterwerfung der orthodoxen Autorität unter die staatliche Macht. Die sechs griechisch-katholischen Bischöfe wurden gefangen genommen: fünf starben im Gefängnis, und nur einer überlebte die 22-jährige Inhaftierung. Dasselbe Schicksal ereilte die etwa 600 Priester. Eineinhalb Millionen Rumänen wurden verhaftet und gefangen genommen. Die von den Nationalsozialisten in Rumänien eingerichteten Konzentrationslager wurden unter den Kommunisten neu eröffnet.

Msgr. Lucian Mureşan, Präsident der Bischofskonferenz Rumäniens, erinnerte im Rahmen der Bischofssynode zur Eucharistie (2005) daran, dass „die Verfolger in den Gefängnisse in Rumänien die Priester zur Messfeier mit Exkrementen zwangen, mit Exkrementen zu zelebrieren, um die Eucharistie dem Gespött preiszugeben und ihre menschliche Würde zu erniedrigen, ihnen aber nicht ihren Glauben nehmen konnten.“

Der „Osservatore Romano“ schrieb im Jahre 1949: „In den historischen Aufzeichnungen findet sich kein weiteres Beispiel einer derartigen Verfolgung, Gewalt gegen das Gewissen und eines Leidensweg der Freiheit, der Persönlichkeit und Würde in dieser Größenordnung.“

Am 18. November 1952 wurde Msgr. Ghika im Alter von 79 Jahren verhaftet und gefangen genommen. Er wurde seiner Kleider beraubt und beinahe ein Jahr lang, lediglich seine Unterbekleidung tragend, der Kälte ausgesetzt.

Er wurde beinahe 80 nächtlichen Befragungen unterzogen, verlor infolge von Schlägen das Augenlicht und Gehör und erlitt Folterungen mit elektrischem Strom. Ziel war sein Geständnis von Spionageakten beim Vatikan oder sein Verzicht auf die Einheit mit Rom. Trotz seines Alters und seiner körperlichen Schwäche blieb er stets standhaft. Aufgrund seiner Würde und seines Glaubens wurde er von den anderen Häftlingen als Beispiel betrachtet.

In der 30 Quadratmeter großen Zelle befanden sich weitere 44 Häftlinge. Er beklagte sich nie und widmete sich ihnen. Er fungierte als Zuhörer, Beichtvater und Helfer beim Gebet. Mit jedem, der dies wünschte, betete er den Rosenkranz; mit anderen ging er den Kreuzweg. An die Schwächsten verteilte er die Hälfte seiner kärglichen Lebensmittelration, den Verzweifeltsten spendete er Trost. Der Kälte ausgesetzt, ohne medizinischen Beistand und mit wenig Nahrung, wurde er am 16. Mai 1954 auf die Krankenstation gebracht, wo er alleine und halbnackt entschlief.

Ein Zeuge sagte folgendes über ihn: „Für ihn existierten die Gefängnismauern nicht. Er war frei, da er den Willen Gottes verwirklichte.“