Erfahrung der Vaterschaft Gottes ist der Beginn der Neuevangelisierung

Redebeitrag von Ricardo Antonio Tobón Restrepo, Erzbischof von Medellín (Kolumbien)

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VATIKANSTADT, 17. Oktober 2012 (ZENIT.org). - Im Folgen veröffentlichen wir den zusammengefassten Redebeitrag bei der 14. Generalkongregation der Bischofssynode vom 15. Oktober von Ricardo Antonio Tobón Restrepo, Erzbischof von Medellín, in einer Arbeitsübersetzung des Heiligen Stuhls.

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Die Neuevangelisierung muss, wenn sie den Glauben weitergeben will, mehr sein als nur die Vervielfachung dessen, was bisher getan wurde. Sie muss eine allumfassende Aktion sein, die in der Situation der heutigen Welt den Geist stimuliert, die Freiheit lenkt, die Gefühle berührt, die in das ganze Leben mit einbezogen wird. Die Evangelisierung ist ein einfaches aber zugleich auch komplexes Ereignis. Komplex, weil sie in der Schöpfung und ihrer Ordnung angesiedelt ist, einfach, weil sie ganz natürlich in demjenigen durch die Gnade ausgelöst wird, der dazu bereit ist. Meiner bescheidenen Meinung nach müssen die Wege der Evangelisierung drei konkrete und grundlegende Erfahrungen miteinander verbinden.

Zunächst die Erfahrung der Vaterschaft Gottes. Die Begegnung mit Christus und die Jüngerschaft mit ihm muss zu der grundlegenden und natürlichen Erfahrung Jesu führen: die Kindschaft. Deshalb wäre es angebracht, zum ursprünglichen Kerygma Jesu zurückzukehren: Gott ist nahe, seine Vaterschaft ist am Werk, das Reich Gottes ist nahe (Lk, 1,15; Lk 17,20). Wer durch die Gnade des Heiligen Geistes diese Erfahrung macht, findet für immer den Sinn des Lebens und besitzt die Kraft, den Plan, den Gott für ihn vorgesehen hat, zu erfüllen.

In zweiter Linie muss man konkret christliche Gemeinschaft erfahren. Da die neue Evangelisierung eine kirchliche Aufgabe ist, muss sie die Gemeinschaft auf allen Ebenen fördern: die Familie als erste Hauskirche; die kleinen kirchlichen Gemeinschaften als grundlegend wichtige Lebensräume; die Pfarrei als lebendiges Zentrum für Spiritualität und Pastoral, in dem verschiedene Wirklichkeiten eingefügt sind und Sinn erhalten; die Teilkirche, die, wenn sie der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils folgt, das Geheimnis der Kirche konkret und authentisch werden lässt.

Drittens, muss man Freude darüber verspüren, Gott den anderen nahe zu bringen. Die Weitergabe des Glaubens ist keine Last, sondern ein Bedürfnis, etwas Gewinnbringendes, es ist das Leben selbst für jene, die oben genannte Erfahrungen machen. Weh mir, wenn ich nicht das Evangelium verkünde, sagte Paulus (vgl. 1 Kor 9,16). Die wahre Evangelisierung entspringt dem Kontakt mit Gott und mit den Menschen unter der Führung des Heiligen Geistes. Sie ist das demütige und wagemutige Zeugnis von all dem, was man selbst erlebt und nicht verschweigen kann.