Erfolgsfaktor Papst

In der Gesprächsrunde auf dem Katholikentag über die Internetseelsorge waren überraschende Thesen zu hören

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Von Regina Einig

WÜRZBURG, 28. Mai 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Wer medialen Erfolg haben will, setzt in Osnabrück auf den Papst: Publikumsmagnet auf der Medienmeile ist eine lebensgroße Darstellung Benedikts XVI. am Stand der dommedien GmbH, Herausgeber der Osnabrücker Kirchenzeitung. Der verlockenden Aufforderung „Ihr Souvenir mit dem Papst“ können die meisten nicht widerstehen. Geduldig warten sie vor der lebensgroßen Pappfigur, ehe ihr persönliches Foto mit dem Papst vor der prachtvollen Kulisse des Osnabrücker Doms geschossen wird. Es wird gelacht und umarmt, mancher Messdiener stellt schmunzelnd fest, dass er den zierlichen 81-Jährigen bereits um mehrere Zentimeter überragt. In der Innenstadt hat ein Kunsthändler vis-à-vis zur evangelisch-lutherischen Marienkirche limitierte Karten zum Katholikentag vor sein Schaufenster gestellt. Mit einer Ausnahme zeigen sie alle das Gesicht Benedikts XVI.

Erinnerungen an den Kölner Weltjugendtag vor drei Jahren weckt das Domradio mit T-Shirts, auf denen Johannes Paul II. zu sehen ist. Der mediengewandte Papst aus Polen hat in Bezug auf die modernen Kommunikationsmittel Maßstäbe gesetzt. Bei einer Podiumsdiskussion der Gesellschaft katholischer Publizisten fällt kein Wort über die kritische Distanz, mit der deutsche Journalisten das Pontifikat Johannes Pauls II. zu begleiten pflegten. Im Gegenteil: Den Teilnehmern ist sichtlich an einer friedlichen Würdigung vatikanischer Bemühungen gelegen. Kein Wort über Zeiten, in denen das Zentralkomitee schwarze Tage für den Laienkatholizismus in Deutschland witterte.

Norbert Kebekus, Referent für Internetseelsorge im Erzbistum Freiburg, schreibt es sogar in erster Line dem Papst aus Polen zu, dass die anfangs massiven Bedenken innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland gegenüber der Internetseelsorge schließlich geringer wurden. Als „Durchbruch“ bezeichnet Kebekus die Botschaft zum 26. Welttag der sozialen Kommunkationsmittel 2002. „Das Internet – ein neues Forum zur Verkündigung des Evangeliums“. Eine bemerkenswerte These, denn wer hätte hierzulande gedacht, dass ein römisches Schreiben in deutschen Ordinariaten einen grundlegenden Sinneswandel bewirken kann? Offensichtlich alle auf dem Podium und im Saal, denn auf keiner Seite gibt es Rückfragen oder erstaunte Reaktionen.

Mittlerweile gehört die – beratende und verkündigende – Internetseelsorge zum allgemein anerkannten pastoralen Instrumentarium und erreicht mit Erfolg die Zielgruppe der 15- bis 35-Jährigen. Dabei geht es auch um „explizite Glaubensfragen“. Die Seelsorger auf dem Podium berichten von Konversionen und Wiedereintritten in die katholische Kirche. Im Publikum steht außer Frage: Nicht nur mit Weltjugendtagen, sondern auch online hat der mitunter der Rückständigkeit bezichtigte Johannes Paul II. den Pastoralstrategen offensichtlich gezeigt, wie moderne Seelsorgestrategien aussehen. Auch Kapuzinerpater Paulus Terwitte spart nicht mit Lob für den Vatikan und erinnert daran, dass der Zwergstaat einen der weltweit ersten nicht militärisch genutzten Server in Betrieb nahm. Friedliche Mission auf päpstliche Art: Johannes Paul II. beauftragte in den neunziger Jahren Franziskanerinnen mit dem Aufbau und der Betreuung eines Internetzentrums im Vatikan. Vor dem Hintergrund ausgefeilter Werbestrategien auf vielen Webseiten erscheint das Surfen durch vatikanische Dokumente tatsächlich wie ein sicherer Hafen in der umkämpften virtuellen Welt: Christian Frevel von der Gesellschaft katholischer Publizisten (GKP) verwies am Beispiel virtueller Tanzräume auf die mehr oder minder kommerziell ausgerichtete Seite vieler Chatrooms.

Wer weiß, ob die Christen eines Tages im „second life“ – der virtuellen Wirklichkeit – mit dem Nachfolger Petri die Vesper oder die Komplet beten können? Viele säßen zweifellos gern einmal mit dem Papst im Internetgebetsraum, auch wenn Terwitte die Ambivalenz der neuen Wirklichkeit beklagt. Zwar seien online-Foren einerseits Herz-zu-Herz-Kommunikation, doch schlössen sie die Armen aus. Terwitte sieht eine virtuelle Exkommunikation für alle, die sich die Teilnahme an den Internetwelten der Wohlhabenden nicht leisten können.

Nicht nur aus diesem Grund herrschte auf dem Podium Konsens darüber, dass das Fach Medienerziehung dringend auf den Stundenplan deutscher Schüler gehört. An Anregungen für die Medienerziehung fehlte es nicht, auch wenn das Fach noch nicht auf dem Stundenplan steht. Doch ein gelungener Medienunterricht könnte an den Schulen Tugenden wieder ins Gespräch bringen, deren Vermittlung in der zeitgenössischen Pädagogik weitgehend verpönt ist. Terwitte nannte mit Blick auf den Medienkonsum sowohl „Schamhaftigkeit“ als auch „Askese“. Der Gedanke, dass vielfach verschüttete christliche Erziehungsleitsätze im virtuellen Raum wiederentdeckt werden könnten, wirkte pikant.

Gehört das Feindbild Rom in den Köpfen vieler katholischer Medienleute endgültig der Vergangenheit an? Der nach Ansicht des Freiburger Moraltheologen Eberhard Schockenhoff mit der Internetnutzung angestrebten Horizonterweiterung sind einige im Pontifikat des deutschen Papstes offensichtlich nähergekommen. Der 97. Katholikentag hat gezeigt, dass es sich kein kluger Kopf in den katholischen Medien leisten kann, den Papstfaktor zu unterschätzen.

[© Die Tagespost vom 27. Mai 2008]