Erfüllung der Sonntagspflicht und Teilnahme am orthodoxen Gottesdienst

Was tun, wenn es keine Messfeier im eigenen Ritus gibt?

Rom, (ZENIT.org) Edward McNamara LC | 417 klicks

P. Edward McNamara, Professor für Liturgie am Päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“ in Rom, antwortet auf die Frage, ob ein Katholik durch den Besuch einer hl. Messe in orthodoxem Ritus seine Sonntagspflicht erfüllt.

Frage: In Canon 1248 des Codex des kanonischen Rechts für den lateinischen Ritus (CIC) heißt es, dass man seine Pflicht an einem gebotenen Feiertag erfüllt, indem man an einer Messfeier in „katholischem Ritus“ teilnimmt. Würde man demnach mit dem Besuch eines orthodoxen Gottesdiensts die Sonntagspflicht erfüllen? Im Ökumenischen Direktorium des Heiligen Stuhls von 1970/71 wurde dies ausdrücklich genehmigt, doch in der aktuellen Version (1993) wird es nicht erwähnt, weder ablehnend noch befürwortend. -- C.Y., Butler, Pennsylvania

P. Edward McNamara: Lesen wir gemeinsam den vollständigen Text von Canon 1248 CIC:

„§ 1. Dem Gebot zur Teilnahme an der Messfeier genügt, wer an einer Messe teilnimmt, wo immer sie in katholischem Ritus am Feiertag selbst oder am Vorabend gefeiert wird.“

„§ 2. Wenn wegen Fehlens eines geistlichen Amtsträgers oder aus einem anderen schwerwiegenden Grund die Teilnahme an einer Eucharistiefeier unmöglich ist, wird sehr empfohlen, dass die Gläubigen an einem Wortgottesdienst teilnehmen, wenn ein solcher in der Pfarrkirche oder an einem anderen heiligen Ort gemäß den Vorschriften des Diözesanbischofs gefeiert wird, oder dass sie sich eine entsprechende Zeit lang dem persönlichen Gebet oder dem Gebet in der Familie oder gegebenenfalls in Familienkreisen widmen."

Da Canon 1248 ausdrücklich bestimmt, dass dem Gebot durch die Teilnahme an einer Messfeier in katholischem Ritus genüge geleistet werden muss und keine Ausnahmen vorgesehen sind, behaupten einige Kirchenrechtler, dass dieser Canon tatsächlich das Privileg abgeschafft hat, das im Ökumenischen Direktorium von 1970 gewährt worden war, indem es diese Ausnahme genehmigte.

Da das überarbeitete „Direktorium zur Ausführung der Prinzipien und Normen über den Ökumenismus“ dieses Privileg in keiner Weise erwähnt, könnte das als endgültige Aufhebung des Privilegs oder einfach als Anerkennung des nach der Promulgation des Codex herrschenden Status quo ausgelegt werden.

Der Codex des kanonischen Rechts der Ostkirchen (CCEO) trifft eine ähnliche, obwohl anders formulierte Anordnung, die der besonderen Situation der Ostkirchen angepasst ist. So heißt es in Canon 881 § 1:

„Die Christgläubigen sind dazu verpflichtet, an Sonn- und gebotenen Feiertagen am Gottesdienst oder entsprechend den Vorschriften ihrer eigenen Kirche sui iuris an der Feier des göttlichen Lobpreisesteilzunehmen.“

Dabei ist zu bemerken, dass nirgendwo die Rede von der Teilnahme „an einem katholischen Ritus“ ist. Das liegt wahrscheinlich daran, dass diese Kirchen sehr stark mit ihrer eigenen liturgischen Tradition und der Teilnahme daran verwurzelt sind.

Dennoch trifft Canon 883 § 1 für jene, die weit von zuhause entfernt sind, folgende Anordnung:

„Die Christgläubigen, die sich außerhalb des Gebiets ihrer Kirche sui iuris befinden, können sich, was Buß- und Feiertage angeht, den an ihrem Aufenthaltsort gültigen Normen ganz anpassen.“

In der Praxis bedeutet das Folgendes:

Ein Katholik lateinischen Ritus genügt dem Gebot durch den Besuch jedweder katholischen Messe, die er von Samstagabend bis Sonntag (den ganzen Tag über) aufsucht.

Viele – jedoch nicht alle Kirchenrechtler – behaupten, dass „Samstagabend“ ab 16.00 Uhr bedeutet; andere meinen, es bedeute nach 12.00 Uhr Mittag. In einigen Bistümern hat der Bischof die Uhrzeit per Dekret festgelegt und tut dies in legitimer Ausübung seiner Autorität in einem Bereich, der vom Heiligen Stuhl nicht festgelegt worden ist.

Der Katholik lateinischen Ritus erfüllt sogar seine Sonntagspflicht, wenn die Liturgie, die gefeiert wird, nicht der vom jeweiligen Sonntag entspricht, zum Beispiel wenn er einer hl. Messe mit Trauung, einer Begräbnismesse oder sogar einer Samstagsabendmesse beiwohnt (es gibt Ordensgemeinschaften, die ihre Tagesmesse gewohnheitsmäßig abends feiern).

Man darf auch jeden katholischen Gottesdienst in ostkirchlichem Ritus besuchen, sollte dabei aber keine Mühe scheuen, um die Traditionen der jeweiligen „liturgischen Familie“, d.h. Haltung, Fasten und Kommunionempfang, zu beachten.

Der Katholik ostkirchlichen Ritus sollte innerhalb des Jurisdiktionsbereichs seiner eigenen Kirche vorzugsweise immer den Gottesdienst besuchen, der im eigenen Ritus gefeiert wird. Außerhalb dieses Bereichs sollte er sich in angemessener Weise bemühen, um an einem Gottesdienst im eigenen Ritus teilzunehmen, ansonsten aber einer anderen katholischen Messfeier beiwohnen.

An Orten, wo mehrere katholische Jurisdiktionen vertreten sind, wie zum Beispiel in einigen Teilen Indiens und des Nahen Ostens, besuchen Katholiken zum Zeichen der Harmonie und des gemeinsamen Glaubens gelegentlich den Gottesdienst in den anderen Riten.

Es gibt eine oder zwei antike, doch kleine „liturgische Familien“, die einen katholischen und einen orthodoxen Zweig besitzen. Außerhalb ihres traditionellen Heimatlandes und wo eine ausreichende Anzahl von Gläubigen vorhanden ist, hat die katholische Kirche eingewilligt, dort, wo Priester sehr knapp sind, eigene Priester für orthodoxe Feiern zur Verfügung zu stellen, um die Beibehaltung dieser liturgischen Tradition zu gewährleisten. In solchen Fällen gehen Katholiken und Orthodoxe gemeinsam zum Gottesdienst.

In allen anderen Fällen kommt der Katholik seiner Sonntagspflicht durch den Besuch einer Feier in orthodoxem Ritus nicht nach.

Sollte keine katholische Messe gehalten werden, entfällt für den Katholiken die Sonntagspflicht, denn niemand kann zu etwas verpflichtet werden, was unmöglich einzuhalten ist. Wie oben unter can. 1248 § 2 CIC erwähnt, empfiehlt die Kirche in diesem Fall sehr, das Fest in alternativer Form zu heiligen, wie zum Beispiel durch einen Wortgottesdienst. Dies stellt jedoch nur eine Empfehlung dar und hat keinen verpflichtenden Charakter.

Sollte in der Umgebung keine katholische Messe, jedoch ein orthodoxer Gottesdienst stattfinden, könnte der Katholik diesen besuchen, um den Feiertag zu heiligen, nicht aber um seiner Sonntagspflicht zu genügen.

In Fällen, in denen die Vorschriften der orthodoxen Kirche dies erlauben, könnte der Katholik auch die Kommunion empfangen (Canon 844 § 2 CIC; Canon 671 § 2).

Als Katholik sollte man sich aber immer vorher erkundigen, ob diese Möglichkeit besteht. Wenn man sich aufgrund von Sprachbarrieren nicht informieren kann, ist es besser, davon Abstand zu nehmen, um nicht etwa das Risiko einzugehen, der geistlichen Tradition von Mitchristen zuwider zu handeln.

Übersetzt von P. Thomas Fox, LC, aus dem englischen Artikel http://www.zenit.org/en/articles/sunday-precept-and-the-orthodox-divine-liturgy