Erinnerungen an Benedikt XVI.

Interview mit Msgr. John Kennedy, Offizial der Kongregation für die Glaubenslehre

Rom, (ZENIT.org) Ann Schneible | 238 klicks

Am 11. Februar 2013 überraschte Papst Benedikt XVI die Welt, als er ankündigte, er werde auf sein Amt verzichten.

Seit seinem Rücktritt lebt der nun emeritierte Papst im Kloster „Mater Ecclesiae“, innerhalb der Mauern der Vatikanstadt. Hier betet er, widmet sich seinen Studien, hört Musik und empfängt ein paar wenige ausgewählte Besucher. Wie er versprochen hatte, hat er sich von den Augen der Öffentlichkeit ferngehalten.

Trotzdem ist das Echo seines Entschlusses, vom Stuhl Petri zurückzutreten, auch ein Jahr später noch zu spüren, besonders unter denen, die ihn persönlich gekannt haben.

Msgr. John Kennedy ist ein Offizial der Kongregation für die Glaubenslehre, der jahrelang unter dem damaligen Präfekten der Kongregation, Kardinal Josef Ratzinger gearbeitet hat.

Ein Jahr nach dem historischen Amtsverzicht Papst Benedikts XVI. teilt Msgr. Kennedy in einem Interview mit ZENIT seine Erinnerungen an den emeritierten Papst.

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Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie erfuhren, dass Papst Benedikt XVI. auf sein Amt verzichtete?

Msgr. Kennedy: Manchmal wird man gefragt: Kannst du dich erinnern, wo du an dem Tag warst, als John F. Kennedy erschossen wurde, oder als die Twin Towers einstürzten, oder als der Zweite Weltkrieg endete? Nun, in diesem Fall kann ich mich sehr genau daran erinnern, wo ich war. Ich war in Norditalien und wollte gerade das Hotel verlassen, wo ich mich für einen zweitägigen Skiurlaub aufgehalten hatte. Da rief mein Bruder an und fragte mich: „Was ist denn in Rom los?“ Ich antwortete ihm: „Keine Ahnung, ich bin jetzt nicht dort.“ Und er sagte einfach: „Schalt den Fernseher ein, dann wirst du genau sehen, was los ist.“

Dieser Augenblick, als Papst Benedikt der Welt verkündete, dass er knapp drei Wochen später den Stuhl Petri verlassen wolle, war wie ein Stein, den man in einen Teich wirft. Er schlägt Wellen, die sich kreisförmig nach allen Richtungen hin ausbreiten. Die von diesem Stein hervorgerufenen Wellen kann man, so glaube ich, auch heute noch spüren. Was mich persönlich am nachhaltigsten betroffen gemacht hat, ist, dass er den Stuhl Petri nicht auf die übliche Weise verlassen hat.

Sie haben Papst Benedikt XVI. viele Jahre lang gekannt, da sie in der Kongregation für die Glaubenslehre unter ihm gearbeitet haben. Welche seiner Eigenschaften ist Ihnen am meisten aufgefallen?

Msgr. Kennedy: Als ich noch ein Seminarist war, war der Name Josef Ratzinger mir schon ein Begriff. Man musste seine Bücher gelesen haben. Mit der Zeit wurde mir immer deutlicher klar, wer er war und welche Rolle er in der Kongregation für die Glaubensehre spielte, wohin Papst Johannes Paul II. ihn berufen hatte.

Als ich die Chance bekam, 1998 für meine Studien nach Rom zurückzukehren, hatte ich das Privileg, im Collegio Teutonico zu wohnen, das zwischen der Audienzhalle und dem Petersdom liegt. Das Kolleg ist eine deutsche Hochburg seit seiner Gründung im Jahr 1876, bzw. seit früher schon, wenn man seine Vorgeschichte mitrechnet, als es noch kein Kolleg war.

Kardinal Ratzinger kannte das Kolleg sehr gut. Er kam jeden Donnerstagmorgen für die deutschsprachigen Pilger. Zahlreiche deutsche Pilger kamen mit Bussen oder mit der Bahn zur Mittwochsaudienz und blieben über Nacht, um am nächsten Tag wieder abzureisen. Viele nahmen die Gelegenheit wahr, um am Donnerstag um 7.00 Uhr morgens an der Messe in deutscher Sprache im Collegio Teutonico teilzunehmen, die von Kardinal Ratzinger gefeiert wurde.

Drei Dinge fielen mir damals besonders an ihm auf. Zusammen mit allen Priestern des Kollegs ging ich jeden Donnerstagmorgen in die Sakristei, um mich vorzubereiten. Wenn wir so um zehn vor sieben in die Sakristei kamen, stand er schon voll gekleidet da, bereit, mit der Feier der heiligen Messe zu beginnen. Er betete oder begrüßte uns einzeln, wie wir hineinkamen; er erinnerte sich an jeden Einzelnen und hielt Kontakt zu den Leuten.

Das Zweite, was mir an ihm auffiel, war, dass er sich selbst während der Messe nie in den Vordergrund stellte; man hatte nie das Gefühl, es gehe um ihn, sondern immer nur um Gott. Er verschwand geradezu, um der Eucharistie Platz zu machen. Ich dachte erst, ich sei der einzige, der dies bemerkte; aber eines Tages ging ich auf dem Petersplatz an zwei jungen Männern vorbei und hörte zufällig, wie der eine zum anderen sagte: „Ist es nicht erstaunlich, wie er es versteht, der Eucharistie nicht den Weg zu verstellen?“

Das Dritte war, dass er nach der Messe immer alle Pilger begrüßte, bevor er sich still auf den Weg ins Refektorium machte, um sein Frühstück einzunehmen. Mir fiel auf, dass er in Bezug aufs Essen einen sehr unkomplizierten Geschmack hatte, und dass er Freude daran hatte, sich beim Frühstück mit allen zu unterhalten, die dabei waren. Das waren meistens der Rektor des Kollegs, einige Priester und Seminaristen; nicht selten aber auch Professoren, die aus allen europäischen Ländern kamen, um Gastvorlesungen zu halten. Diese Unterhaltungen wurden lebhaft, oft humorvoll und mit großem Interesse geführt. Wenn er fertig war, stand er auf, räumte sein Geschirr ab und war bis spätestens 8.00 Uhr gegangen.

Als ich ein paar Jahre später meine Arbeit an der Glaubenskongregation unter ihm begann, merkte ich, dass er immer als erster im Büro war, denn die meisten Mitarbeiter kamen erst gegen 8.30 Uhr.

Wie würden Sie Papst Benedikt XVI. beschreiben?

Msgr. Kennedy: Papst Benedikt war ein schüchterner, aber sehr intelligenter Mann und ein sehr aufrichtiger, freundlicher Mensch.

Ich erinnere mich, dass ich ihn anlässlich des 60. Geburtstags meiner Mutter fragte, ob es wohl möglich wäre, dass sie ihn trifft, und er sagte einfach nur: „Ja, bring sie um viertel vor eins zu mir.“ Ich begleitete meine Mutter in sein Büro, und er setzte sich neben sie aufs Sofa und unterhielt sich mit ihr wie mit einer alten Freundin, etwa 15 oder 20 Minuten lang. Das war sehr nett von ihm. Er besaß die Fähigkeit, sich auch an Einzelheiten über einen kaum bekannten Menschen zu erinnern, und auch nach Jahren konnte er noch fragen: Wie geht es diesem Menschen, den ich damals getroffen habe?

Wenn man im Gespräch erwähnt, dass man für jemanden wie Kardinal Ratzinger arbeitet, werden viele Menschen leicht neugierig und fragen, wie er im Alltag ist. Meistens wissen sie über ihn nicht mehr als das, was die Zeitungen schreiben. Ich habe oft beobachtet, dass die Leute sich ein völlig falsches Bild von ihm gemacht hatten und erstaunt waren zu hören, wie schön es war, mit ihm zusammenzuarbeiten, wie freundlich, väterlich und interessant er war.

Ich habe oft wiederholt, dass er ein im Grunde schüchterner Mensch ist, der jedoch mit einem erstaunlich guten Gedächtnis ausgestattet ist. Er konnte selbst kleine Details über Menschen behalten, mit denen er sich einmal unterhalten hatte, und manchmal fragte er sie, wenn er sie nach Jahren wiedertraf, wie es um eine bestimmte Sache stehe, beispielsweise wie es ihrem Vater oder ihrer Mutter gehe, oder er erinnerte sich an Dinge, die man ihm Jahre zuvor gesagt hatte.

Diese Seite seines Wesens konnten wir in der Kongregation für die Glaubenslehre fast täglich an ihm sehen.

Welche Kommentare hören Sie heute über Benedikt XVI., wenn Sie sich beispielsweise mit Pilgern unterhalten?

Msgr. Kennedy: Ich habe viele Menschen getroffen, die im Laufe dieses letzten Jahres nach Rom gekommen sind: Freunde, Verwandte, Pilgergruppen, Studenten; und fast jeder erwähnte, wenn er seine Freude und Begeisterung über Papst Franziskus zum Ausdruck brachte, auf irgendeine Art auch die Tatsache, dass es der großzügige, mutige und demütige Schritt Benedikts war, der dem neuen Papst den Weg bereitet hat. Viele sind neugierig zu wissen, wo Benedikt lebt, was er im Alltag tut, ob er Besucher empfängt, oder auch, ob er in Zukunft noch in der Öffentlichkeit auftreten werde oder ob er zur Kongregation für die Glaubenslehre zurückgekehrt sei, deren Präfekt er zwei Jahrzehnte lang war.

Eine Neuigkeit unserer Zeiten, in denen wir über die Medien so viele Informationen erhalten, aber auch weitergeben können, ist, dass wir unsere Gedanken und Gefühle über ein so geschichtsträchtiges Ereignis ein Jahr später kommentieren und für die Nachwelt festhalten können. Ich denke, das war beim letzten Mal, als ein Papst auf sein Amt verzichtete, eher nicht der Fall.