"Erkennen wir in der Kirche eine gute Mutter"

Ansprache des Papstes bei der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 520 klicks

Die Generalaudienz von heute Vormittag begann um 10.30 Uhr auf dem Petersplatz, wo der Heilige Vater Franziskus Gruppen von Pilgern und Gläubigen aus Italien und allen Teilen der Welt begegnete.

In seiner in italienischer Sprache gehaltenen Rede setzte der Papst die dem Geheimnis der Kirche gewidmete Katechesen-Reihe fort. Im Mittelpunkt seiner Betrachtungen stand die Kirche als Mutter.

Nach einer Zusammenfassung in verschiedenen Sprachen wandte sich Papst Franziskus mit einem besonderen Gruß an die anwesenden Gruppen von Gläubigen. Anschließend richtete er einen Aufruf anlässlich des Internationalen Tages des Friedens der Vereinten Nationen am 21. September.

Die Generalaudienz endete mit dem Gesang des Vaterunser und dem apostolischen Segen.

Wir dokumentieren die Ansprache des Heiligen Vaters in eigener Übersetzung:

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Die Katechese des Heiligen Vaters

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Meine heutige Betrachtung möchte ich einmal mehr dem Bild der Kirche als Mutter widmen. Dieses Bild gefällt mir sehr. Ich wollte es erneut aufgreifen, denn es sagt uns nicht nur, wie die Kirche ist, sondern auch, welches Gesicht die Kirche, unsere Mutter Kirche, zunehmend annehmen sollte.

In Zusammenhang mit den Werken, dem Leben und dem Leiden der Mütter für ihre Kinder möchte ich an die Gedanken vom vergangenen Mittwoch anknüpfen und drei Aspekte hervorheben. Betrachten wir zunächst die folgende Frage: Was tut eine Mutter?

1. Zunächst bringt sie uns das Gehen bei; sie versteht es, den Kindern Orientierung zu geben, und versucht stets, ihnen den richtigen Weg für ihr Wachstum und das Erwachsenwerden zu weisen. Sie tut dies immer mit Zärtlichkeit, Zuneigung und Liebe; selbst dann, wenn sie unsere etwas aus den Fugen geratenen oder auf einen Abgrund zusteuernden Wege zurechtrückt. Eine Mutter weiß, was gut für ein Kind ist, damit es gut im Leben vorankommt. Dieses Wissen entspringt keinen Lehrbüchern, sondern ihrem eigenen Herzen. Die Universität der Mütter ist ihr Herz! Hier lernen sie, wie sie ihre Kinder aufziehen.

Genauso verhält es sich mit der Kirche: Durch die uns von ihr geschenkten Zehn Gebote erhält unser Leben eine Ausrichtung. Wenn wir über die Zehn Gebote nachdenken, so erkennen wir, dass sie uns einen Weg weisen, der uns reifen lässt und in unserem Verhalten Beständigkeit entfaltet. Sie sind Früchte der Zärtlichkeit, der Liebe Gottes, der sie uns geschenkt hat. Diesem Argument mag mit folgender Frage entgegnet werden: Handelt es sich hier nicht um eine Reihe von Befehlen, die ein Nein implizieren? Ich möchte euch zur Lektüre der Zehn Gebote einladen — vielleicht sind sie etwas in Vergessenheit geraten — und dazu, sie positiv zu denken. So werdet ihr begreifen, dass sie sich auf unsere Haltung Gott, uns selbst und den anderen Menschen gegenüber beziehen und somit den Lehren der Mutter für ein gutes Leben entsprechen. Sie laden uns dazu ein, keinen uns versklavenden materiellen Vorbildern zu folgen, sondern vielmehr Gott zu gedenken, die Eltern zu achten, aufrichtig zu sein, den andern zu respektieren. Eine Mutter lehrt uns niemals das Böse, sie möchte nur Gutes für ihre Kinder, und dasselbe gilt für die Kirche.

2. Ich möchte nun bei einem zweiten Punkt verweilen: Wenn ein Kind heranwächst, erwachsen wird, seine eigenen Weg geht und Verantwortung übernimmt, so geht es alleine und handelt nach dem eigenen Willen. Dabei kann es vorkommen, dass es sich auf die Straße begibt und Opfer eines Unfalls wird. Unabhängig von der Situation hat eine Mutter stets die Geduld, ihr Kind weiterhin zu begleiten. Sie wird dazu gedrängt von der Kraft der Liebe; eine Mutter vermag es, ihren Kindern eine unaufdringliche und mit Zärtlichkeit erfüllte Begleitung auf ihrem Weg zuteilwerden zu lassen. Selbst wenn sie Fehler begehen, findet sie immer den Weg des Verständnisses, der Nähe und der Hilfe. In meiner Heimat verwenden wir für diese Fähigkeit der Mutter den Ausdruck „dar la cara“. Dies bedeutet, dass eine Mutter ihren Kopf für ihre Kinder hinhält und somit stets vom Willen durchdrungen ist, sie zu verteidigen. Ich denke an jene Mütter, die leiden, da sich ihre Kinder im Gefängnis oder in schwierigen Situationen befinden: Sie fragen sich nicht nach der Schuld ihrer Kinder, sondern schenken ihnen weiterhin ihre Liebe und werden oft zu Opfern von Demütigungen. Dennoch sind sie frei von Angst; sie hören nicht auf, sich zu schenken.

Genau so ist die Kirche: eine barmherzige Mutter, die versteht und trotz der in der Vergangenheit oder Gegenwart begangenen Fehler ihrer Kinder stets versucht, zu helfen und zu ermutigen, und niemals die Haustüre verschließt. Sie urteilt nicht, sondern schenkt die Vergebung Gottes; sie schenkt ihre Liebe, die auch dann, wenn ihre Kinder in einen tiefen Abgrund gefallen sind, zur Fortsetzung des Weges einlädt. Die Kirche hat keine Angst davor, in ihre Nacht einzutreten und diese mit dem Licht der Hoffnung zu erhellen; sie hat keine Angst davor, in unsere Nacht einzutreten, wenn wir in der Finsternis der Seele, des Gewissens sind, um uns Hoffnung zu geben! Die Kirche ist eine Mutter!

3. Einen letzten Gedanken möchte ich noch festhalten. Eine Mutter versteht es auch zu bitten, für ihre Kinder an jede Tür zu klopfen. Dabei rechnet sie nicht, sondern handelt aus Liebe. Dies lässt mich daran denken, dass alle Mütter auch und vor allen Dingen die Fähigkeit besitzen, an die Türe zum Herzen Gottes zu klopfen. Mütter beten viel für ihre Kinder, vor allem für die schwächsten unter ihnen, jene, die es am Nötigsten haben und in ihrem Leben auf falsche oder gefährliche Pfade gerieten. Vor wenigen Wochen feierte ich in der „Basilica di Sant’Agostino in Campo Marzio“ hier in Rom eine hl. Messe. In dieser Kirche sind die Reliquien einer Mutter, der hl. Monica, aufbewahrt. Wie viele Gebete hat diese heilige Mutter ihres Sohnes wegen zu Gott erhoben, wie viele Tränen hat sie geweint! Ich denke an euch, ihr lieben Mütter: Wie viel Gebete sprecht ihr unermüdlich für eure Kinder! Hört nicht auf zu beten, eure Kinder Gott anzuvertrauen; er hat ein großes Herz! Klopft mit dem Gebet für eure Kinder an die Pforte zum Herzen Gottes.  

Dies tut auch die Kirche: Mit dem Gebet vertraut sie alle Lebenslagen ihrer Kinder den Händen des Herrn an. Vertrauen wir auf die Kraft des Gebetes der Mutter Kirche: Der Herr bleibt nicht unempfänglich. Er versetzt uns stets in Staunen, wenn wir es uns nicht erwarten. Dies weiß die Mutter Kirche!

Diese Gedanken wollte ich heute mit euch teilen: Wir erkennen in der Kirche eine gute Mutter, die uns den Weg des Lebens weist, uns stets mit Geduld, Barmherzigkeit und Verständnis begegnet und uns in die Hände Gottes zu legen vermag.

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Aufruf des Heiligen Vaters

Am 21. September wird von den Vereinten Nationen alljährlich der „Welttag des Friedens“ begangen. Der Ökumenische Rat der Kirchen richtet an seine Mitglieder den Aufruf, an diesem Tag Gebete für den Frieden zu sprechen. Ich lade die Katholiken auf der ganzen Welt dazu ein, sich mit den anderen Christen zu vereinen, um weiterhin von Gott das Geschenk des Friedens an den am meisten gepeinigten Orten unseres Planeten zu erflehen. Möge der von Jesus geschenkte Friede stets in unseren Herzen wohnen und die Vorsätze und Handlungen der Verantwortungsträger der Nationen und aller Menschen guten Willens stützen. Verstärken wir alle unsere Anstrengungen für eine diplomatische und politische Lösung in den nach wie vor besorgniserregenden Krisenherden. Mein Gedanke gilt besonders der geliebten syrischen Bevölkerung, deren menschliche Tragödie nur durch Dialoge und Verhandlungen gelöst werden kann; im Zeichen der Achtung der Gerechtigkeit und der Würde eines jeden Menschen, besonders der schwächsten und wehrlosesten.