Erklärung der Delegation des Heiligen Stuhls bei der 65. Weltgesundheitstagung in Genf

Gesundheitsversorgung kann moralische Normen nicht außer Acht lassen

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GENF, 25. Mai 2012 (ZENIT.org). – Erzbischof Zygmunt Zimowski, Leiter der Delegation des Heiligen Stuhls, gab auf der 65.Weltgesundheitstagung in Genf vom 21. – 25. Mai 2012 folgende Erklärung ab:

[Wir dokumentieren den Wortlaut in ihrer offiziellen deutschen Übersetzung]

Frau Vorsitzende,

1. Unsere Delegation ist zusammen mit den Delegationen anderer Länder gesinnt, die Resolution betreffend „Nachhaltige Strukturen für die Gesundheitsfinanzierung und flächendeckende Gesundheitsversorgung“ (WHA64.9) zu befürworten, die unter anderem die Mitgliedstaaten zur Sicherung einer flächendeckende Gesundheitsversorgung und des Zugangs aller Bürger zu den Gesundheitsdienstleistungen auf der Grundlage der Prinzipien der Gerechtigkeit und Solidarität auffordert. Es ist nämlich, wie Papst Benedikt XVI. hervorgehoben hat, „auch auf dem Gebiet der Gesundheit als Bestandteil des Daseins jedes Einzelnen und des Gemeinwohls wichtig, eine wahre verteilende Gerechtigkeit herzustellen, die allen aufgrund  objektiver Bedürfnisse eine angemessene Pflege gewährt. Demzufolge kann  sich die Welt der Gesundheitspflege nicht der Befolgung der moralischen Gebote entziehen, die sie regeln sollen, damit sie nicht unmenschlich wird”. [1]

Ziel der internationalen Gemeinschaft ist, jeder Person den Zugangs zu den Gesundheitsdienstleistungen zu ermöglichen, ohne dass sie deswegen in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät (WHA58.33). Trotz der in einigen Ländern erzielten Errungenschaften trennt uns noch ein langer Weg von diesem Ziel. Aus diesem Grunde ist auf allen Ebenen ein stärkerer Einsatz erforderlich, um das Recht auf Gesundheit effektiv zu gestalten, indem der Zugang zur grundlegenden Gesundheitspflege gefördert wird. Dazu befürwortet die von mir geleitete Delegation des Heiligen Stuhls anlässlich von Gipfeltreffen zum Thema der sanitären bzw. sozialen Entwicklung die Einführung der Frage der flächendeckenden Gesundheitsversorgung sowie deren Einbeziehung in die Tagesordnung der globalen Entwicklung mit vorrangigem Stellenwert.

Anlässlich des letzten Forums der flächendeckenden Gesundheitsversorgung in Mexiko-Stadt vom 2. April 2012 wurde bemerkt, dass eine höhere Anzahl von Ländern, insbesondere von Schwellenländern, sich einer gesamtheitlichen Gesundheitsversorgung annähern, und diese Tatsache ist sehr ermutigend. Die in solchen Ländern erzielten Ergebnisse entspringen nicht nur der Bereitstellung von finanziellen Ressourcen, vielmehr wurde bemerkt, dass aufgrund guter gerechtigkeitsfördernder politischer Maßnahmen einer größeren Anzahl ihrer Bürger eine bessere Gesundheitslage gewährleistet wird. Deshalb ist unsere Delegation fest davon überzeugt, dass im Hinblick auf die Förderung einer flächendeckenden Gesundheitsversorgung grundlegende Werte, wie Gerechtigkeit, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit, zu ausdrücklich anzustrebenden Zielen werden sollen.

2. An zweiter Stelle sei bemerkt, Frau Vorsitzende, dass Länder mit schwacher bis mittlerer Einkommenslage bewiesen haben, dass der Fortschritt im Bereich der flächendeckenden Gesundheitsversorgung nicht einkommensstarken Ländern vorbehalten ist. Nichtsdestotrotz benötigt der Großteil der einkommensschwachen Länder zur Überbrückung des Mangels an den erforferlichen Geldmitteln für die Gesundheitspflege die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft, insbesondere der industrialisierten Länder sowie weiterer Entwicklungspartner. Aus diesem Grunde möchte die Delegation des Heiligen Stuhls bei diesem Anlass nochmals zu mehr Solidarität und zu einem verstärkten Einsatz allenthalben zur Entwicklungshilfe auf dem Gebiete der flächendeckenden Gesundheitspflege aufrufen. „Mit diesem Ziel im Auge – wie vom Heiligen Vater hervorgehoben wurde – werden die wirtschaftlich fortgeschritteneren Länder alles Mögliche unternehmen, um größere Anteile ihres Bruttosozialprodukts für die Entwicklungshilfe  aufzubringen und so die Verpflichtungen einhalten, die sie diesbezüglich auf der Ebene der internationalen Gemeinschaft aufgenommen haben” [2].

3. Folglich kann auf einzelstaatlicher Ebene der Fortschritt in Richtung auf eine flächendeckende Gesundheitsversorgung nicht einzig und allein auf dem Einsatz des Staatsapparats beruhen. Dazu ist auch die Unterstützung der bürgerlichen Gesellschaft und der verschiedenen anwesenden Zusammenschlüsse und Gemeinschaften erforderlich, deren Beitrag zur Bereitstellung der Gesundheitspflege wesentlich ist. Zugleich sollen die Staaten „aufgrund des Subsidiaritätsprinzips großzügig diejenigen Initiativen würdigen und unterstützen, die unterschiedlichen sozialen Kräften entspringen und in sich Spontaneität und Nähe zu den hilfsbedürftigen Menschen vereinigen”[3]. Die auf dem Glauben beruhenden und auf Barmherzigkeit aufbauenden Gesundheitseinrichtungen der Kirche sind ein Teil dieser lebendigen Kräfte, die im Bereich des Gesundheitswesens wirken.

Mit über 120.000 sozialen und sanitären Einrichtungen auf der ganzen Welt [4] stellt die Katholische Kirche in zahlreichen wirtschaftlich benachteiligten Ländern hinsichtlich der Bereitstellung von Gesundheitsdienstleistungen für den Staat einen wesentlichen Partner dar. Sie wirkt nämlich auch in entlegenen Gebieten und zugunsten von einkommensschwächeren Bevölkerungsschichten, denen so ein Zugang zu Leistungen ermöglicht wird, der ihnen sonst vorenthalten sein würde. Wir sind der Meinung, dass die der starke Einsatz, dank dessen solche Organisationen und Einrichtungen einen Beitrag zum flächendeckenden Zugang zur Gesundheitsversorgung leisten können, die Würdigung und Unterstützung der Regierungen einerseits und der internationalen Gemeinschaft andererseits verdient, ohne dass sie der Verpflichtung zu unterwerfen an moralisch unakzeptablen Aktivitäten teilzunehmen. Dementsprechend möchten wir zum Abschluss darauf hinweisen, dass Papst Benedikt XVI. „die internationalen Agenturen“ ersucht hat, „sie unter Berücksichtigung ihrer Besonderheiten und im Geiste der Zusammenarbeit“ anzuerkennen und zu unterstützen[5].

Danke, Frau Vorsitzende. Der Herr möge Sie alle segnen.

Erzbischof Zygmunt Zimowski
Chef der Delegation des Heiligen Stuhls bei der 65. Weltgesundheitstagung

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[1] Benedikt XVI., Botschaft an die Teilnehmer an der XXV. Internationalen Konferenz des Päpstlichen Rats für die Pastoral im Krankendienst, 15. November 2010, Vatikanstadt.
[2] Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in veritate, n. 60.
[3] Benedikt XVI., Enzyklika Deus Caritas est, n. 28b.
[4] Secretaria Status, Statistical Year Book of the Church 2009, Libreria Editrice Vaticana, Vatican City 2009, S. 355-365.
[5] Benedict XVI, Post-Synodal Apostolic Exhortation Africae Munus, n. 73.