Erklärung der deutschen Bischofskonferenz zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

"Zu wenige hatten den Mut zum Widerstand"

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MAINZ, 26. Januar 2005 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die diesen Dienstag veröffentlichte Erklärung der deutschen Bischofskonferenz zum 60. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 2005.



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I.



Am 27. Januar 1945 wurden die Konzentrationslager Auschwitz I und Auschwitz-Birkenau von sowjetischen Truppen befreit. 60 Jahre danach erinnern wir uns an die Geschehnisse, die sich mit dem Namen Auschwitz verbinden. In diesem Gedenken finden sich unzählige Menschen aus allen Teilen der Welt zusammen. Dies zeigt, wie sehr das Grauen von Auschwitz auch in unserer Zeit noch präsent ist, wie tief die Verletzungen sind, die es im Verhältnis der Völker und der Menschen hervorgerufen hat, mehr noch: wie sehr Auschwitz das Bild des Menschen von sich selbst zutiefst erschüttert hat. Die Erinnerung der Deutschen an die Verbrechen in den Vernichtungslagern wird und muss sich immer von der Erinnerung anderer Völker und Gruppen, zumal der der Opfer, unterscheiden. Und doch ist es ein Hoffnungszeichen für Gegenwart und Zukunft, wenn es heute immer öfter – und nicht zuletzt am Ort der Untaten selbst – möglich ist, dass sich Polen und Deutsche, Juden und Christen im gemeinsamen Gedenken begegnen.

Wie kein anderer Ort steht Auschwitz als Symbol für die Vernichtung des europäischen Judentums. Auch Hunderttausende Sinti und Roma wurden Opfer des massenhaften Mordens im Zeichen des nationalsozialistischen Rassenwahns. Auschwitz – das bedeutet auch die Vernichtung menschlichen Lebens durch pseudowissenschaftliche medizinische Versuche und die mörderische Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener. Viele Tausend Soldaten der Roten Armee wurden gezwungen, als Zwangsarbeiter das Lager Auschwitz-Birkenau zu errichten, und dabei systematisch zu Tode gebracht. Allen diesen Opfern, auch den christlichen Glaubenszeugen, gilt unser Gedenken.

Nicht zuletzt nimmt Auschwitz in der polnischen Leidensgeschichte einen herausragenden Platz ein. Im besetzten Polen wurden das gesamte polnische Judentum und ein großer Teil der polnischen Intelligenz ermordet. Gerade angesichts jüngst wieder aufgebrochener Kontroversen zwischen Deutschen und Polen über noch unbewältigte Kriegsfolgen muss daran nachdrücklich erinnert werden.

Am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz schließen wir in unser Gedenken die ungezählten alliierten Soldaten ein, die für die Befreiung Europas vom verbrecherischen System des Nationalsozialismus ihr Leben gelassen haben. Wir erinnern heute besonders an die getöteten Angehörigen der sowjetischen Streitkräfte. Es war die Rote Armee, die die noch lebenden Opfer der Lager in Auschwitz befreite. Wir verkennen nicht die furchtbaren Folgen, die die Eroberung weiter Teile Deutschlands durch die Rote Armee für die dortige Bevölkerung mit sich brachte. Von ihrer Führung ermutigt, für die ungeheueren Verbrechen der Deutschen an der russischen Bevölkerung Rache zu nehmen, standen sowjetische Soldaten nicht nur im gerechten Kampf gegen Hitler, sondern auch im Dienst der Verbrechen Stalins. Das erlittene Leid, das als Rache für die deutschen Verbrechen auf die deutsche Bevölkerung zurückschlug, darf uns jedoch nicht dafür blind machen, dass ohne den ungeheuren Blutzoll, den vor allem die russischen, weißrussischen und ukrainischen Soldaten entrichtet haben, das Morden in Auschwitz nicht beendet worden wäre.

II.



Eingerichtet im April 1940 als Konzentrationslager für zumeist polnische Häftlinge, war Auschwitz – um über 40 Nebenlager erweitert und nach und nach mit Gaskammern ausgestattet – zwischen 1942 und Ende 1944 das größte Zentrum für die systematische, industriell betriebene Massenvernichtung menschlichen Lebens. Die Gaskammern der nationalsozialistischen Vernichtungslager im besetzten Polen dienten als Instrument für die von der deutschen Staatsführung so genannte "Endlösung der Judenfrage". Wenngleich hier auch viele Tausend nichtjüdische Opfer umgebracht wurden, steht der deutsche Name für das polnische Städtchen Oswiecim deshalb wie kein anderer für den größten Genozid in der Geschichte der Menschheit: die Vernichtung von rund sechs Millionen Juden.

In Auschwitz ist unsere Zivilisation in furchtbarer Weise mit dem Abgrund ihrer eigenen Möglichkeiten konfrontiert worden. Der Schrecken über das Ausmaß des Bösen, das in Auschwitz begangen wurde, hält uns bis heute gefangen. Noch immer haben wir für dieses Verbrechen, das die hebräische Sprache als "Schoa" bezeichnet, kein angemessenes deutsches Wort gefunden. Dem bekannten Ausspruch, nach Auschwitz könne es keine Dichtung mehr geben, liegt die Erfahrung dieser Unfähigkeit zugrunde, mit den Mitteln der Sprache das Geschehen von Auschwitz und dessen andauernde Folgen für das Selbstverständnis des Menschen, für Zivilisation und Gesellschaft angemessen zu fassen. Gerade die Opfer selbst aber haben sich immer wieder auf die Suche nach einer Sprache begeben, die diesem Menschheitsverbrechen Ausdruck verleihen könnte. Manche von denen, die nur knapp der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie entkommen sind – wie der Wiener Psychologe Viktor E. Frankel und die Schriftsteller Elie Wiesel, Primo Levi, Paul Celan, Imre Kertesz, Louis Begley und Cordelia Edvardson – haben durch ihre Werke den Nachgeborenen den Blick in die Abgründe menschlicher Existenz und zugleich Möglichkeiten der Auseinandersetzung eröffnet. Einige von ihnen sind daran persönlich zerbrochen. Das Zeugnis der Opfer kann uns helfen, den Schock zu ertragen, dass wir auch bei den Tätern in das Antlitz von Menschen blicken.

III.



Unser Volk hat lange gebraucht, um sich der Verantwortung für das monströse Verbrechen zu stellen, das von Deutschen und im deutschen Namen begangen wurde. Bis heute sind Mechanismen der Verdrängung wirksam. Zweifellos ist es richtig, die Vorstellung einer Kollektivschuld abzulehnen. Wahr ist aber auch, dass sich weit mehr Deutsche persönlich schuldig gemacht haben, als ihre Mitschuld einzugestehen bereit waren. Schuld tragen nicht allein die Täter vor Ort und die politische Führung. In verschiedenem Grad haben auch die Mitläufer und alle diejenigen, die weggesehen haben, Mitschuld auf sich geladen. Dabei wissen wir sehr wohl, welchem Druck die Bevölkerung damals ausgesetzt war, wir kennen das Ausmaß staatlicher Desinformation und die Wirksamkeit der Methoden von Einschüchterung und Verängstigung. Überheblichkeit im Urteil ist uns deshalb nicht gestattet. Dennoch bleibt unserem Volk das Eingeständnis zugemutet, dass Auschwitz auch deshalb möglich wurde, weil zu wenige den Mut zum Widerstand hatten.

Die Frage von Mitverantwortung stellt sich auch unserer Kirche. Wir sind gehalten, uns über eine lange Tradition des Antijudaismus unter den Christen und in unserer Kirche Rechenschaft abzulegen. So hat das vatikanische Dokument "Wir erinnern" im März 1998 die Frage aufgeworfen, "ob die Verfolgung der Juden nicht doch auch von antijüdischen Vorurteilen begünstigt wurde, die in den Köpfen und Herzen einiger Christen lebendig waren". Das Schuldbekenntnis der Katholischen Kirche, vor aller Welt am 12. März 2000 von Papst Johannes Paul II. ausgesprochen, enthält auch das "Schuldbekenntnis im Verhältnis zu Israel": "Lass die Christen der Leiden gedenken, die dem Volk Israel in der Geschichte auferlegt wurden. Lass sie ihre Sünden anerkennen, die nicht wenige von ihnen gegen das Volk des Bundes und der Verheißungen begangen haben". Während seiner anschließenden Pilgerreise nach Israel hat der Papst in der Gedenkstätte Yad Vashem dieses Bekenntnis vertieft und es symbolkräftig an der Klagemauer hinterlegt.

Dieser Akt von Papst Johannes Paul II. ist zu einer Quelle der Erneuerung geworden. Entschlossen schreitet der Papst im Bemühen um eine Verbesserung des Verhältnisses zum Judentum voran und ermutigt die ganze Kirche, gemeinsame Wege mit unseren "älteren Brüdern im Glauben" zu finden. So danken wir allen, die sich, oft mit großem Einsatz, für den Dialog zwischen Judentum und Christentum engagieren.

IV.



Die Ernsthaftigkeit unseres Gedenkens an Auschwitz erweist sich nicht zuletzt an unserem Interesse an den Überlebenden der nationalsozialistischen Verbrechen. Bis an ihr Lebensende bleiben sie von der Erfahrung der Vernichtungslager geprägt. Fast durchweg in hohem Alter, haben sie ein Recht darauf, in ihren letzten Lebensjahren menschliche Begleitung zu finden, die den Schmerz nicht betäubt, aber human zu ertragen hilft.

Die Erinnerung an Auschwitz lässt uns auch fragen, wie nachhaltig Deutschland und Europa aus dieser alle Maße übersteigenden Katastrophe gelernt haben. Immer wieder flackert der Antisemitismus auf. Auch in unserem Land scheint er zu erstarken, jedenfalls wird er wieder sichtbarer. So liegt weiterhin ein langer Weg der Läuterung und der Auseinandersetzung vor uns. Wir sind dankbar, dass in den letzten Jahren viele Juden den Mut aufgebracht haben, nach Deutschland zu kommen. Als Christen leitet uns dabei auch die Hoffnung, dass die Begegnung im Glauben uns allesamt – Christen wie Juden – bereichert und uns dem gemeinsam verehrten Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs näher bringt.

Mainz, den 24. Januar 2005

[Deutsches, von der deutschen Bischofskonferenz veröffentlichtes Original]