Erklärung des Präsidiums der COMECE zur derzeitigen Situation der Europäischen Union

"Das Wissen um die geschichtliche Identität Europas und das gemeinsame religiöse Erbe muss in Zukunft stärker berücksichtigt werden…"

| 478 klicks

BRÜSSEL, 15. Juni 2005 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Erklärung der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE) zur Lage Europas vom 14. Juni.



Nach der Ablehnung der EU-Verfassung in Frankreich und den Niederlanden ermutigen die europäischen Bischöfe zur engagierten Fortsetzung des europäischen Projekts, fordern alle Katholiken und Bürger Europas zur großzügigeren Mitwirkung auf und "appellieren an die politischen Verantwortlichen, den Geist der Gründerväter neu lebendig werden zu lassen und ihn beharrlich zu verfolgen".

* * *



Die Abstimmungen des französischen und niederländischen Volkes zum Verfassungsvertrag haben dessen Ratifizierung in Frage gestellt und die EU in eine kritische Lage gebracht. Die europäische Einigung ist damit aber nicht am Ende. Eine Krise kann zu einer Chance werden. Die Europäische Union ist nach der Katastrophe des II. Weltkrieges die Grundlage für Frieden in Europa, für Wohlstand und Solidarität zwischen den Mitgliedsstaaten. Daran heute zu erinnern ist eine Quelle der Zuversicht. Nach 1989 ist die EU für die Länder Mittel- und Osteuropas zu einer Hoffnung für ihre Entwicklung in Freiheit geworden. Ein in Frieden geeinter Kontinent, der dem Wohl seiner Bürger und der Menschen in der Welt dient, bleibt deshalb Auftrag und Verpflichtung für alle, die in Europa politische Verantwortung tragen.

Wiederkehrende Phasen der Verzögerung und der Orientierung über den richtigen Weg gehören zur Geschichte der europäischen Integration. Vor uns liegt nun eine Phase des Nachdenkens über den weiteren gemeinsamen Weg der Völker und Staaten Europas, an der teilzunehmen alle Bürger, insbesondere Politiker und Medienvertreter aufgerufen sind. Dabei wird es wichtig sein, eine Balance zu finden zwischen der nationalen Identität und dem europäischen Gemeinwohl. Die gemeinsam ausgeübte Souveränität in einer Union der Völker und Staaten kann helfen, die nationalen Identitäten zu bewahren und zu entfalten. Auf diese Weise kann auch auf die Herausforderungen der Globalisierung eine Antwort gegeben und die Angst der Bürger vor einem politischen Kontroll- und Gestaltungsverlust genommen werden. Subsidiarität und Solidarität sind Wegweiser für Europas Zukunft.

Aus den Referenden in den zwei Gründungsstaaten ergibt sich unmissverständlich: Die Bürger haben zum Ausdruck gebracht, dass die Europäische Union in ihrem derzeitigen Zustand nicht ihre Erwartungen erfüllt. Die Bürger gehören ins Zentrum europäischer Politik. Träger, Ursprung und Ziel aller gesellschaftlichen Einrichtungen ist schließlich der Mensch. Die europäische Politik wird neu lernen müssen, auf ihn hin und von ihm her zu denken. Die Abgeordneten und Regierungen, insbesondere die Mitglieder des Europäischen Rates, der am 16. und 17. Juni 2005 in Brüssel zu einer wichtigen Tagung zusammentritt, sind in der Pflicht, sich den Sorgen der Menschen angesichts von Arbeitslosigkeit, Unsicherheit und gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten zuzuwenden.

Die Staaten der EU müssen sich als Mitglieder einer fest verbundenen Gemeinschaft den Erwartungen und Hoffnungen, den Ängsten und Problemen der Menschen annehmen. Sie werden auch Wege finden müssen, die Funktionsfähigkeit einer Europäischen Union mit 25 Mitgliedsstaaten zu verbessern. Dabei sind demokratischere und transparentere Strukturen unerlässlich. Wir brauchen in Europa eine konsequente Verwirklichung des Subsidiaritätsprinzips. Den vorrangigen Handlungswillen der Menschen anzuerkennen und alles Handeln der Mitgliedsstaaten und der Europäischen Union daran und am Gemeinwohl auszurichten, würde der Europäischen Union die Legitimität verschaffen, die sie braucht, um auch weiterhin eine Union der Solidarität und des Friedens innerhalb ihrer Grenzen und für die Welt zu sein. Umgekehrt verlangen Herausforderungen, die auf nationaler Ebene nicht bewältigt werden können, nach einer europäischen Antwort.

Das Projekt Europa wird nur dann auf einem guten Weg bleiben, wenn die Völker und besonders die Jugend nicht nur die Geschichte und Tradition ihrer eigenen Nation kennen lernt, sondern auch die der anderen. Das ist die Voraussetzung für mehr gegenseitige Achtung und Respekt zwischen kleinen und großen, alten und neuen Mitgliedsstaaten. Das Wissen um die geschichtliche Identität Europas und das gemeinsame religiöse Erbe muss in Zukunft stärker berücksichtigt werden, um den Bürgern besser zu ermöglichen, sich mit dem europäischen Projekt zu identifizieren und eine authentischere europäische Wertegemeinschaft entstehen zu lassen.

Wir bitten alle Katholiken, sich weiterhin für das europäische Gemeinwesen einzusetzen. Die Erfahrung zeigt: Die Europäische Union ist nicht nur eine politische und wirtschaftliche Konstruktion. Sie beruht auf geistlichen, intellektuellen und kulturellen Orientierungen. Sie hängt nicht nur von den politisch Verantwortlichen ab, sondern vom Engagement aller. Deshalb ermutigen und begrüßen wir erneut alle Initiativen der Gemeinden, Diözesen und Bewegungen für eine bessere Kenntnis voneinander durch Partnerschaften, Wallfahrten und Begegnungen aller Art.

Wir appellieren an die politisch Verantwortlichen, den Geist der Gründervater neu lebendig werden zu lassen und ihn beharrlich zu verfolgen.


Bischof Em. Josef Homeyer, Bischof von Hildesheim, Deutschland
(Präsident der COMECE)

Bischof Adrianus von Luyn S.D.B.,Bischof von Rotterdam, Niederlande
(Vizepräsident der COMECE)

Erzbischof Hippolyte Simon, Erzbischof von Clermont, Frankreich
(Vizepräsident der COMECE)

[Deutsches Original, herausgegeben von der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft]