Erklärung des (russisch-orthodoxen) Erzbischofs Alexander von Saratow und Wolsk vom 28. Februar 2002

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ROM 21. März 2002 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Erklärung des (russisch-orthodoxen) Erzbischofs von Saratow und Wolsk, die uns übersandt wurde, in der ungekürzten Originalfassung.



Erklärung des (russisch-orthodoxen) Erzbischofs von Saratow und Wolsk ALEXANDER
und des Bistumsrates des Saratower Bistums
aus Anlass der Vatikanentscheidung über die Bildung von Bistümern
auf russischem Territorium

Die Bildung einer katholischen Diözese in Saratow und anderen Städten Russlands hat ihre Vorgeschichte. „Es gibt kaum jemanden, der wüßte,“ (sagt im Interview der Zeitung „Argumente und Fakten“ № 8, Februar 2002, Vjaczeslav Kostikow, der frühere Botschafter im Vatikan), „dass russische Diplomaten bei der Vorbereitung eines Besuchs Johannes Pauls II. in die UdSSR geholfen haben, ungeachtet des Widerstandes der Kirchenführung. Noch im Jahre 1991 war der Besuch Johannes Pauls II. endgültig vorbereitet. Sogar die Speisekarte für den festlichen Empfang im Granovit-Saal des Kremls war bekannt. Der Besuch fand jedoch nicht statt.“

Indessen haben die Ankunft eines katholischen Bischofs in Saratow im Jahre 1998 und die hiesige Gründung einer Apostolischen Administratur schon die Bildung einer Diözese vorbereitet.

Jetzt nun, am 11. Februar 2002, wurde im Vatikan von Papst Johannes Paul II. die Entscheidung getroffen, den Status dieser Verwaltungsstrukturen der römisch-katholischen Kirche auf die Ebene von Bistümern anzuheben. Dies wurde ohne Abstimmung mit der russisch-orthodoxen Kirche getan. Zum heutigen Tag bestehen ein Erzbistum in Moskau und Bistümer in den Städten Nowosibirsk, Saratow und Irkutsk.

In den offiziellen Dokumenten des Vatikans nennt sich das Territorium der Russischen Föderation „Kirchenprovinz“, der Erzbischof Thaddaeus Kondrusiewicz als Metropolit vorsteht.

Ein derartiger Schritt des offiziellen Vatikans widerspricht in der Wurzel den kanonischen Normen und Regeln der frühen, ungeteilten Kirche.

Die zweite Regel des Zweiten Allgemeinen Konzils verbietet Handlungen eines Bischofs außerhalb seiner Kirche: „Gebietsbischöfe mögen sich in ihrer Macht nicht nach Kirchen, außerhalb ihres Gebietes ausstrecken und sich nicht in andere Kirchen einmischen.“

In der achten Regel des Dritten Allgemeinen Konzils heißt es: „... damit keiner der gottesfürchtigsten Bischöfe sich nach einem anderen Bistum ausstrecke, das vorher und am Anfang nicht unter seiner Hand oder der seiner Vorgänger war ...“

Geschichtlich gesehen, hat die katholische Kirche Seelsorge an einer kleinen Diaspora von Katholiken in Russland betrieben. An der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert gab aus auf dem Territorium des vorrevolutionären Russlands katholische Bistümer. Jedoch hat sich die Situation im 20. Jahrhundert geändert. Das Russische Imperium ist zusammengebrochen. Auch die Sowjetunion zerfiel in einige selbständige Staaten. Also entbehrt die Orientierung am Vorhandensein von katholischen Diözesen im vorrevolutionären Russland heute der Grundlage.

Die Zahl der Katholiken hat sich in den letzten Jahrzehnten in der Russischen Föderation, u.a. im Gebiet Saratow, in Verbindung mit dem natürlichen Prozess und dem der Auswanderung, entscheidend vermindert. Offizielle Vertreter des Vatikans erklären, dass die Gründung von vier Bistümern auf dem kanonischen Territorium der russisch-orthodoxen Kirche „von der Notwendigkeit der Normalisierung in der Arbeit der katholischen Gemeinden und Gruppen in Russland hervorgerufen“ wurde. Gleichzeitig zeugt die kleine Zahl dieser katholischen Gemeinden davon, dass eine solche Argumentation eindeutig grundlos ist. Um so mehr ist sie grundlos aus der Sicht der kirchlichen Rechtsnormen.

Deshalb erkennt das Saratower Bistum der russisch-orthodoxen Kirche die Gründung einer katholischen Diözese in Saratow nicht als kirchliche Erscheinung an.

Die Einrichtung sogenannter katholischer Bistümer auf dem Gebiet der orthodoxen Kirche bricht die alten Regeln der Kirche Christi, führt unweigerlich zum Proselytismus, was sowohl dem orthodoxen wie auch dem katholischen Kirchenrecht widerspricht und außerdem die ohnehin spröden Beziehungen zwischen orthodoxen und katholischen Gläubigen erschwert. In all diesen Bistümern wird nicht mit Deutschen, Polen oder etwa Franzosen gearbeitet. Nein, mit Russen, denen es schwer ist zu leben, die mit den einen oder anderen Schwierigkeiten im Leben zu ringen haben. Und genau diese Menschen werden zum Objekt der proselytischen Anmaßung der neugegründeten katholischen Bistümer, die bis dahin als Apostolische Administraturen existiert haben.

Die Gründung einer katholischen Diözese in Saratow betrachten wir als geistliche Expansion der römisch-katholischen Kirche in Bezug auf das orthodoxe Volk. Wir äußern unsere vollständige Ablehnung gegenüber einer solchen Entscheidung Roms, die uns von neuem an die häretischen Wurzeln des westlichen Glaubensbekenntnisses erinnert. Die römische Kirche entfernte sich seit ältester Zeit, Schritt um Schritt, von der einen Apostolischen Kirche. Am Anfang äußerte sich das in der Missachtung der frühen Konzilsentscheide, dann – mit der Einführung der apostolischen Lehre widersprechenden Glaubensunterweisung, mit gewaltsamer Eroberung orthodoxer Ortskirchen und, schließlich, jetzt – im skrupellosen Einfall in die russische Orthodoxe Kirche und der Ausrufung ihres Kanonischen Territoriums als deren „Provinz“.

Wir appellieren an den Verstand der Leitung der sogenannten katholischen Diözese in Saratow. Man darf nicht den jetzigen Schwächezustand des russischen Volkes für seine proselytischen Ziele ausnutzen. Die Fülle unserer Heiligen Kirche bewertet die Handlungen des Vatikans als eine Aggression gegen die russisch-orthodoxe Kirche.

Wir rufen unsere orthodoxe Herde zum verstärkten Gebet auf, zur Standhaftigkeit für den Glauben der Väter und zur unentwegten Bewahrung der orthodoxen Dogmen, der heilig-vaterländischen Lehre und des kanonischen Baus der orthodoxen Ostkirche. „Seid also standhaft, Brüder, und haltet an den Überlieferungen fest, in denen wir euch unterwiesen haben, sei es mündlich oder durch einen Brief. Unser Herr Jesus Christus aber ... tröste und stärke euch bei jedem guten Werk und Wort.“ (2 Thess 2,15-17) Seid der mehr als tausendjährigen Geschichte unseres vaterländischen Glaubens treu. „Heilige Russ, bewahre den orthodoxen Glauben, in ihr liegt doch deine Bestätigung!“

Erzbischof Alexander von Saratow und Wolsk

Die Mitglieder des Bistumsrates:
(es folgen 18 Unterschriften)

28. Februar 2002
Saratow